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„Anti-intellektuelle“ Jugendbücher und ihre Verweigerer

8. Januar 2011

Gerade habe ich mir eher zufällig die Rezensionen auf Amazon.de zum Kinderbuchbestseller Gregs Tagebuch angesehen.
Wem der Titel nicht geläufig ist: Es geht um den dreizehnjährigen Greg, der wie der Titel schon verrät, sein Tagebuch schreibt, in dem er auf amüsante Weise von den Dingen erzählt, die Jungs in dem Alter eben so beschäftigen: nervige Lehrer, seltsame Freunde, das alltägliche Schulchaos und doofe Eltern, die schlichtweg die essenzielle Wichtigkeit von Computerspielen nicht begreifen. Das Ganze ist illustriert mit Gregs eigenen Comicstrips und ist schon deshalb ein ideales Buch für männliche Wenigleser. Aber nicht nur das, es gelingt ihm auch, die Lebenswelt eines männlichen Jugendlichen so gut wiederzugeben, dass die Jungs, die ja so eine Art Problemkind der Leseförderung sind, von sich aus in die Buchläden kommen, um nach dem nächsten Band der Reihe zu fragen.

Ich habe mich also durch die Rezensionen geklickt und natürlich musste ich die 1-Stern-Rezensionen lesen und fand mich am Ende zwischen Lachen und fassungslosem Kopfschütteln.
Hier der Link, ich empfehle die Rezension vom 13. Dezember 2009.
Zunächst habe ich selten einen derartig giftigen Verriss gelesen, mir blieb schon beim ersten Satz förmlich die Spucke weg. Und da dachte ich immer, ich würde manchmal über die Stränge schlagen. Abgesehen davon erinnerten mich diese Aussagen aber auch an die Art Kunden, die manchmal durch unsere Kinderbuchabteilung fegen und bei denen ich schon sehr an mich halten muss, damit mir kein falsches Wort herausrutscht.

In der Regel suchen diese Leute etwas für ihre Söhne und Töchter (meist im Teeniealter), die nicht lesen. Und wenn sie dann ihre Forderungen vorbringen, dann weiß man auch, warum die Ärmsten Bücher nicht einmal mit der Kneifzange anfassen: Es muss alles anspruchsvoll und lehrreich sein. Es darf weder spannend sein noch darf es Spaß machen. Denn alles, was unterhält, verdummt.
Es gibt diese Spezies in verschiedenen Ausführungen. Es gibt die, bei denen das Buch dringend einen Literaturpreis gewonnen haben muss, denn nur dann taugt es etwas. Diese Kategorie ist mir am liebsten, denn schon ein goldener „Jugendliteraturpreis“-Aufkleber auf einem Buchcover stellt sie meist zufrieden.
Und es gibt die, die sich etwas empfehlen lassen. Wobei natürlich nichts gut genug ist, nicht einmal der Jugendliteraturpreisaufkleber, und sie gerne auch ohne Buch wieder gehen.
Ich erinnere mich noch sehr plastisch an eine Szene aus meiner Lehrzeit, als eine Dame mit strengem osteuropäischem Akzent, das dunkle Haar zu einem noch strengeren Dutt gerafft, verkniffene Miene auf dem Gesicht, eine Freundin und einen etwa zwölfjährigen, unglaublich unglücklich wirkenden Jungen im Schlepptau, im Stechschritt durch unsere Abteilung marschierte und anspruchsvollen Lesestoff für den armen Kerl suchte, der „jetzt endlich lesen muss“.
Nachdem sie sich eine Reihe von Dingen empfehlen hat lassen, bei denen ihr jedoch überall der Spaßfaktor zu groß war, beschloss sie, dass das alles nichts sei, der Junge müsse jetzt Dostojewski lesen. Und damit schleifte sie ihn dann zum Klassikerregal, während sie den armen Jungen bei ihrer Freundin noch schlecht machte.

Ich finde solche Leute faszinierend, die so viel von Bildung und Anspruch sprechen, aus ihrer großen Literatur aber nichts über Toleranz, Einfühlungsvermögen und menschliche Wärme gelernt zu haben scheinen.

Aus beinahe jedem Buch kann man etwas lernen. Fantasyromane von Wolfgang Hohlbein (den ich heute nicht mehr für viel Geld lesen würde) haben mich damals an die keltischen, nordischen und ägyptischen Sagenwelten herangeführt und wegen eines Vampirromans habe ich begonnen Byron zu lesen, für dessen Gesamtwerk ich das Taschengeld eines halben Jahres investiert habe.
Und wenn man nur lernt, sich mit Inhalten selbst auseinanderzusetzen und Erfahrungen zu sammeln, um sich irgendwann eine eigene Meinung zu bilden.
Spaß am Lesen und den Willen zur Bildung kann man nicht erzwingen, nur mit Arroganz und Ignoranz im Keim ersticken. Was man aber kann, ist Fördern und Anregen, dann wechselt der Bursche vielleicht auch nach einigen Jahren von Gregs Tagebuch zu Dostojewski. Und falls nicht, dann ist er auch kein schlechterer Mensch.

 

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