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Antonia Michaelis: Der Märchenerzähler

27. Januar 2011
tags:

Autor: Antonia Michaels

Titel: Der Märchenerzähler

Verlag: Oetinger

Jahr: 2011

Seiten: 446

ISBN: 3789142891

Preis: 16,95

Selten hat mir ein Buch solche Magenschmerzen bereitet wie „Der Märchenerzähler“. Die ersten 300 Seiten haben mich begeistert. Bis dahin ist das Buch toll geschrieben, poetisch, berührend, einfach großartig. Und dann tut die Autorin etwas, was ich so nicht akzeptieren kann. Lange habe ich überlegt, ob ich vielleicht etwas falsch interpretiert habe, habe Textstellen noch einmal gelesen, habe versucht die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und bin gescheitert. Ich kann an dieses Buch im Nachhinein einfach nur noch mit Widerwillen denken.
Leider ist es unmöglich, die Dinge anzusprechen, die mich so stören, ohne wichtige Teile der Handlung und die Auflösung des Romans zu verraten.
Es bleibt also jedem selbst überlassen, ob er den folgenden Text lesen möchte. Gewarnt habe ich hiermit.

Im Mittelpunkt des Buches steht die siebzehnjährige Anna, ein stilles, sensibles Mädchen. Sie verliebt sich ausgerechnet in den zwielichtigen Abel, der auf dem Schulhof mit Tabletten dealt und auch sonst einen bedrohlichen Eindruck macht. Aber Anna sieht eine andere Seite von Abel: Sie sieht den liebenden Bruder, der alles tut, um seine kleine Schwester Micha zu beschützen. Sie sieht den Märchenerzähler, der für Micha eine Geschichte webt, in der Phantasie und Realität verschmelzen. Anna wird ein Teil dieser Abenteuer und es gelingt ihr, Abels Herz zu erobern. Aber dann beginnen die Märchen Wirklichkeit zu werden, Menschen sterben und Anna kann sich nicht mehr sicher sein, ob sie Abel wirklich vertrauen kann.

Wie ich eingangs schon andeutete, ich habe dieses Buch zu Beginn sehr geliebt. Jede einzelne Seite war fesselnd, großartig geschrieben, einfach toll. Ich war verliebt in die Art, wie Abel die Realität in seine Märchen mischt, ich war verliebt in die Liebesgeschichte, ich war verliebt in die Bedrohlichkeit, die sich irgendwann in das Geschehen schlich.

Ab hier massive SPOILER!

Und dann kippt das Ganze. Der aufmerksame Leser ahnt früh, dass Abel in der Vergangenheit Opfer sexueller Gewalt war, vom Stiefvater missbraucht wurde und, wie man später noch erfährt, um seine Schwester durchzubringen als Stricher arbeitet.
Deshalb ahnt man auch nichts Gutes, als Anna, vom Wein mutig geworden, beschließt, dass heute die Nacht der Nächte ist und forsch beginnt, Abel an die Wäsche zu gehen. Seine schwache Gegenwehr hält sie wohl für schüchterne Zurückhaltung. Doch bei Abel brennt eine Sicherung durch. Mit einem Mal packt er sie, er ist nicht mehr er selbst und er vergewaltigt Anna brutal:

„Sie wehrt sich, sie versucht, um sich zu schlagen, aber sie trifft ihn nicht, sie ist hilflos, sie ist ein Bündel aus dummer, hilfloser Angst, kniend auf dem Betonboden einer verlassenen Halle, kniend wie in einem absurden Gebet. Alles geht zu schnell, viel zu schnell, sie presst die Beine zusammen, er zwingt sie mit einem Knie auseinander, und dann ist da ein jäher Schmerz, das Eindringen eines Fremdkörpers,…“

An dem Punkt blätterte ich noch einmal zum Klappentext, las von einer „Liebe, die über alle Zweifel siegt“ und dachte: Wenn sie ihm das verzeiht, dann werfe ich das Buch gegen die nächste Wand.
Zunächst sieht es nicht so aus. Anna leidet, sie zerreisst Abels Briefe ungelesen, erinnert sich daran, dass das eine Sache ist, „die man nicht verzeiht“.
Vierzig Seiten später musste ich diese Zeilen lesen und wollte vor Zorn heulen:

„Und plötzlich wusste sie, was sie wollte. Ganz genau. Sie wollte zu ihm. Wenn sie heil aus dem Schneesturm herauskäme, würde sie zu ihm gehen, fahren, sich wehen lassen, kriechen… egal. Sie würde verzeihen. Sie hatte längst verziehen. Alles, alles auf der Welt. Wie nur, wie konnte das sein? Niemand würde das je verstehen, […], doch das Unmögliche war möglich. Magnus hatte recht gehabt: In der Liebe gab es keine Vernunft.“

Dass die Protagonistin eines Jugendromans zu ihrem Vergewaltiger zurückkriechen will, so etwas wie ich einfach nicht lesen. Sicher, Abel ist kein schlechter Mensch, Abel ist psychisch krank. Aber zum einen weiß Anna das zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, sie kehrt ohne jede Rückfrage zu ihm zurück. Zum anderen macht es die Sache nicht besser.
Es gibt zu viele Frauen auf dieser Welt, die mit solchen Begründungen zu Männern zurückgehen, die sie misshandeln: Es ist der Alkohol, es sind die schlimmen Dinge, die er erlebt hat, er ist die Liebe meines Lebens und Liebe ist nicht vernünftig… Ich möchte so etwas nicht in einer Liebesgeschichte für Jugendliche lesen. Es stellt sich natürlich die berechtigte Frage, ob es denn überhaupt eine Liebesgeschichte sein sollte? Der Verlag erweckt diese Erwartungen mit seinem Aufdruck auf dem Klappentext auf jeden Fall. Und als Leserin, die das zarte Annähern von Anna und Abel bis zu diesem Punkt verfolgt hat, habe ich das Buch auch als eine solche empfunden. Das gibt der Sache einen negativen Beigeschmack. Ein wenig wirkt es so, als wäre die Vergewaltigung ein Mittel, um zu zeigen, wie bedingungslos Annas Liebe ist.
Ich habe danach weitergelesen. Ich war überzeugt davon, dass sich die Sache noch irgendwie einrenken würde. Aber es wurde nicht besser. Anna ist wieder mit Abel zusammen, ohne dass man sich vernünftig mit dem Geschehenen auseinandergesetzt hätte. Sie fragt nicht, warum er das gemacht hat und sie fragt sich nicht, ob es noch einmal passieren könnte. Er kriecht nachts zu ihr unter die Bettdecke und sie zuckt nicht einmal. Welches Vergewaltigungsopfer liegt da seelenruhig, wenn der Täter zu ihr ins Bett schlüpft? Oder soll das auch ein Zeichen für Annas Realitätsverlust sein?
Am Ende des Romans bricht dann endgültig alles zusammen. Abels Aussetzer scheinen ihn nicht nur zum Vergewaltiger, sondern auch zum Mörder gemacht zu haben. Anna weiß das, sie schläft trotzdem mit ihm, weil sie ihn liebt. Als die Polizei vor der Tür steht erschießt Abel sich. Anna bleibt allein mit Micha zurück, verstört besucht sie sein Grab mit Tagträumen darüber, wie es sein könnte, wenn er noch leben würde.
Was mache ich nun daraus? Ist es eine morbide Geschichte über eine fast schon besessene, zerstörerische Liebe? Ich möchte das glauben, denn es würde Annas Verzeihen in ein Licht rücken, in dem deutlich wird, dass man so etwas nie, nie, nie einfach so verzeiht.
Das Problem ist, es ist zu leicht, die Geschichte anders zu lesen, nämlich als große, tragische, romantische Liebe. Es ist zu leicht Abel als das Opfer, den Märtyrer zu sehen, dem man seine Taten verzeihen muss, weil er traumatisiert war. Er wollte sie ja gar nicht vergewaltigen, es tut ihm ja Leid, … Denn Abel ist ein netter Kerl, der sich liebevoll um seine kleine Schwester kümmert. Dieser unglückliche Satz auf dem Buchrücken tut sein Übriges. Wie kann man dieses Buch als große Liebesgeschichte vermarkten?

Ich bin niemand, der den Moral- und Emanzipationszeigefinger immer ganz weit nach oben hält.  Als sich im letzten Jahr viele englische Blogger über „rape as a plot device“ ausgelassen haben, konnte ich die Aufregung nur zum Teil verstehen. Aber als ich „Der Märchenerzähler“ gelesen habe, wusste ich plötzlich, woher die Empörung kam, denn erstmals ging es mir selbst so, dass mir so eine Sache gewaltig gegen den Strich ging. Sexuelle Gewalt will in einem Jugendroman sensibel behandelt werden und daran fehlte es mir letztlich in diesem Fall.

Falls ihr den Roman gelesen habt, sagt mir eure Meinung dazu. Vielleicht habe ich ja doch etwas missverstanden. Selten lasse ich mir so gerne bescheinigen, dass ich zu doof war, ein Buch zu verstehen, wie in diesem Fall.

Wertung: entfällt

43 Kommentare leave one →
  1. 28. Januar 2011 11:43

    Ich hab den Roman nicht gelesen – und werde es definitiv auch nicht tun, nachdem ich gerade deine Besprechung dazu gelesen habe. Dieser Handlungsverlauf ist ja wirklich … unfassbar! Ich hasse Bücher, die am Ende nicht wenigstens einen Funken Hoffnung anbieten!

    • 28. Januar 2011 12:58

      Hallo,

      das kann ich gut verstehen, selbst wenn das bei mir nicht das Problem gewesen wäre.

      LG, nija

    • 15. Mai 2011 13:04

      …es gibt doch Hoffnung.
      Und gerade für das um was es in diesem Buch ging, nämlich das Festland zu erreichen. Aber hatte nie damit gerechnet das er mit Micha an Land geht!!

      ich finde du solltest noch ein paar mehr Meinungen zu dem Buch hören und lesen.

      lg
      Karin

  2. 28. Januar 2011 20:17

    Eine schwierige Geschichte, die ein wenig Taktgefühl und realitätsnahe Umsetzung der Autorin sicher gut getan hätte. Ich kann deine Zweifel hinsichtlich dessen, dass sie Abel einfach sozusagen alles verzeiht, nachvollziehen. Wäre ich in der Situation der Protagonistin, hätte ich wenigstens versucht, mich selbst so zu schützen wie es angebracht wäre – nämlich ganz weit weg vom Übeltäter.

    Gerade für ein Jugendbuch finde ich diese Thematik auch recht schwierig, sie richtig darzustellen, ohne dass es sicherlich zu schwerwiegend für Jugendliche wird. Allerdings muss ich sagen, dass dies – so wie du es beschreibst – wohl auch der Fall ist.

    Und da ich mir selbst überlegt habe, dieses Buch zu lesen, werde ich, nachdem ich deine Buchbesprechung gelesen habe, sicherlich noch einmal verdammt gut drüber nachdenken müssen.

    LG und ein schönes Wochenende
    animasoul

    • 28. Januar 2011 21:10

      Hallo,

      danke für deinen Kommentar.
      Mir geht es noch nicht einmal darum, dass ich die Thematik zu hart finde für ein Jugendbuch (da gibt es härtere, das großartige „Evil“ von Jan Guillou zum Beispiel).
      Mir geht es eher darum, dass junge Mädchen nicht lernen sollen, dass große Liebe es rechtfertigen kann, einfach so zu einem Mann zurückzugehen, der einen misshandelt hat. Ganz egal, wie die äußeren Umstände sind.
      Bei den Mädels sind diese Geschichten von der großen, unsterblichen Liebe ja im Moment ohnehin sehr angesagt. Was Anna macht, ist aber kein Zeichen für große Liebe, sondern für große Dummheit. Das wird mir nicht deutlich genug.

      Wenn dich diese Dinge nicht so sehr stören wie mich, ist das Buch vielleicht doch einen Blick wert, weil es sonst tatsächlich großartig geschrieben ist.

      LG, nija

      • Bücherphilosophin permalink
        24. Juni 2011 18:16

        Auf die Gefahr hin zynisch zu klingen; Junge Mädchen müssen nicht lernen zu ihrem gewalttätigen Freund zurück zu gehen – das machen die meisten instinktiv.
        Ich kenne viel zu viele Beispiele von jungen Frauen, die lieber wie Dreck behandelt werden als Single zu sein.
        Das liegt vielleicht auch daran, dass sich Frauen immer noch stark darüber definieren wie attraktiv sie für das andere Geschlecht sind. Nichts wertet eine Frau so auf, wie ein Partner, was hinter verschlossenen Türen passiert ist für viele ein Preis den sie bereit sind zu zahlen.

        • 24. Juni 2011 18:49

          Da stimme ich völlig zu. Die Mädels machen das von ganz allein. Und genau deshalb macht mich ja das Buch so wütend, weil diese Mädchen doch nicht auch noch bestärkt werden sollten.
          Ich denke auch, dass viele Frauen auch dazu neigen, ihren Partner zum Besseren verändern zu wollen, bzw. die romantische Vorstellung haben, nur für sie würde er sich ändern. Keine Ahnung, ich kann es nicht nachvollziehen, ich habe da eine gänzlich andere Einstellung.

  3. 29. Januar 2011 06:36

    Das meinte ich ja damit.

    Die „unsterbliche Liebe“-Storys stören mich schon, weil bei den meisten handelt es sich ja eh noch dazu um die erste Liebe. Wirkt alles ziemlich realitätsfern.

    „Evil“ steht übrigens schon seit Längerem auf meiner Wunschliste. ^^

    • 15. Mai 2011 13:07

      Das ist unheimlich schade, ich finde nämlich es geht um etwas ganz anderes in diesem Buch.
      Es ist ein sehr gesellschaftskritisches Buch und Anna, das zerbrechliche Rosenmädchen, ist ein sehr zarter, aufgeschlossener Mensch. Ich denke das Anna, als sie zu Abel zurückgekehrt ist genau gewusst hat was sie da tut. Und ich kann mich noch gut erinnern das ich mit 17 auch nicht gerade rational gehandelt habe..

      • 15. Mai 2011 14:03

        Hallo karfie,

        vielleicht magst du mir ja noch einmal genau erläutern, worum es für dich in diesem Buch geht. Wie ich in der Rezension sagte, ich höre mir gerne andere Meinungen an.

        Eine Sache: Du schreibst, dass du mit 17 auch nicht gerade rational gehandelt hast. Aber genau das ist aus meiner Sicht das Problem. Viele Mädchen neigen dazu, sich aus Liebe mehr gefallen zu lassen, als für sie gut ist. Da braucht es nicht auch noch ein Jugendbuch, das ihnen dieses falsche Verhalten vorlebt. Es braucht Bücher mit starken Mädchen, die Selbstachtung haben und das tun, was in dieser Situation das Richtige ist: Sich seinen Eltern anvertrauen und nicht einfach so zu diesem Mann zurückgehen.
        Dieses Buch setzt sich nicht ausreichend mit diesem sehr schwierigen Thema auseinander, nutzt es mehr zu Steigerung der Dramatik. Es wird nicht klar, dass Annas Verhalten falsch ist und das wäre gerade in einem Buch für jugendliches Publikum dringend nötig.

        LG, nija

        • 15. Mai 2011 17:33

          Da ich dir darauf eine ausführliche Antwort geben möchte, werde ich erst morgen schreiben – da momentan die Zeit zu kurz ist.

          lg
          Karin

          p.s. Ich kann dich in gewisser Weise verstehen, da ich mich bei „Frauenliteratur“ über genau das aufrege…

  4. 29. Januar 2011 11:13

    Ich meinte im Grunde auch das, was ihr schreibt – wie diese Geschichte verkauft wird, ist für mein Verständnis einfach nicht Ordnung. Eine schwere Kindheit/Vergangenheit ist ganz sicher ein gravierender Auslöser für Fehlverhalten, aber eine Entschuldigung darf das nicht sein, und zum Märtyrer darf der Misshandelte, der misshandelt, erst recht nicht gemacht werden. Und nicht mal Liebe darf sowas verzeihen, das ist einfach in meinen Augen eine falsche Botschaft.

    Was ich oben meinte: Dass so eine Geschichte realisterischerweise kein Happyend haben darf, ist klar; aber ein Funken Hoffnung in der Form, dass die Figuren (und zwar beide!) an sich und ihrem Fehlverhalten arbeiten, müsste m.E. zwingend sein.

    • Bücherphilosophin permalink
      24. Juni 2011 18:22

      Ich denke, der Verlag hatte Angst, dass eine solche Geschichte nicht gut zu verkaufen ist, wenn man ehrlich sagt, worum es geht. Ich, wäre ich Mutter, würde meiner Tochter NIEMALS erlauben ein Buch zu lesen, das Vergewaltigung als etwas anderes als abscheulich darstellt. Ich denke die meisten Mütter denken da ähnlich, aber wenn Liebesgeschichte drauf steht….

      Mir kommt gerade ein Gedanke: War dieses Buch denn als Jugendbuch geplant, denn im Genre allgemeine Lit. wäre die Idee viel weniger kontrovers. Hat die Autorin sich vom Verlag zum Jugendbuch überreden lassen, um auf den derzeitigen Trend aufzuspringen?!

      • 24. Juni 2011 18:46

        Die Autorin ist eine Kinder- und Jugendbuchautorin und Oetinger ein reiner Jugendbuchverlag, eine solche Auseinandersetzung ist also nicht wirklich wahrscheinlich.

        • Bücherphilosophin permalink
          29. Juni 2011 20:57

          Schade, dass der Verlag da mitmacht😦

  5. Sylke permalink
    14. Februar 2011 11:42

    Hallo Nija,

    wie war ich erleichert, als ich Deine Beurteilung las.
    Du sprichst mir so sehr aus der Seele. Ich habe dieses Buch gestern ausgelesen und war fassungslos. Und als ich die die euphorischen Kommentare im Netz dazu gelesen habe bin ich geradezu verzweifelt.
    Wie kann man jungen Menschen diese Botschaft mit auf den Weg geben????
    Wie können( auch erwachsene !) Frauen von diesem Buch begeistert sein?
    Ich kann momentan gar nicht in Worte fassen, wie aufgewühlt ich bin.

    • 14. Februar 2011 13:54

      Hallo Sylke,

      danke für deine Antwort. Das liest sich ganz so wie meine Reaktion auf dieses Buch. Ich war auch zwei Tage aufgewühlt und lief mit Wut im Bauch herum.
      Es tut gut zu wissen, dass ich nicht allein mit meiner Auffassung bin. Die Begeisterungsstürme hatte ich schon fast erwartet, auch wenn es mich extrem nachdenklich macht, wenn mir ebenfalls erwachsene Frauen sagen: „Aber ich kann sie schon irgendwie verstehen, er ist ja so ein netter Kerl…“

      LG, nija

      • Pia permalink
        25. Juli 2011 11:28

        Abel ist kein netter Kerl. Junge Mädchen laufen netten Kerlen in der Regel erst recht nicht nach.

  6. christina permalink
    7. April 2011 15:56

    vielen dank!

    ich hab das buch eben fertig gelesen und mir gleich amazon und lovelybook rezensionen durchgeschaut. ich bin entsetzt. kein wort der kritik!

    ich hab dann google mit „märchenerzähler+michaelis+vergewaltigung“ gefüttert, weil ich mir gedacht habe, IRGENDJEMAND muss sich da ja doch auch dran stoßen! so bin ich zu dir und deinem beeindruckenden blog gekommen.

    keine frage, mich hat das buch sehr berührt, ich hab mich sogar ein wenig in abel verliebt. die vergewaltigungsszene selbst war literarisch auch angemessen umgesetzt. es wart hart zu lesen, aber kein wort zuviel. wie du hab ich nur gehofft: bitte lass sie nicht einfach so verzeihen. und was macht frau michaelis: „ich liebe ihn halt“

    bei mir blieb dann auch nur mehr ärger zurück. ärger, weil sie diese geschichte so zerstört hat für mich. wie kann man eine liebesgeschichte so transportieren?

    gepasst hätte es ja noch, wenn der sex im bootshaus sonst irgendwie ausgeartet wäre. dass er bspw. unabsichtlich zu grob ist. aber das war eine vergewaltigung, nichts anders.

    ich hab schon einiges von antonia michaelis gelesen und mir kommt schon langsam vor: sie provoziert einfach gerne. wie wenn sie sich vorher überlegt, welche arge sache nun zum zentrum eines neuen romans werden könnte. schade drum.

    • 8. April 2011 11:09

      Es entsetzt mich auch ein wenig, dass niemand diese Szene auch nur als problematisch erwähnt und es nur glühende, positive Rezensionen zu diesem Buch gibt. Man muss ja keine so extreme Position beziehen, wie ich, aber es sollte doch zumindest auffallen, dass da etwas nicht ganz richtig gelaufen ist. Was sagt das über die Leserinnen aus?

  7. 9. April 2011 09:33

    Nachdem ich das Buch gelesen hatte, stieß ich auf Deine Rezension (danke für den Hinweis der Spoilerwarnung, sowas vergessen viele gern. Das ärgert, falls man vorab mal eine Rezi liest. Würden alle wie Du kennzeichnen, würde ich die Rezis sehr gerne VOR dem Lesen ansehen *smile*)

    Du fragst, was das über die Leserinnen aussagt (in Deinem letzten Kommentar). Ich hatte ab der Vergewaltigung auch gewaltig Magenschmerzen, trotzdem gefiel mir das Buch, nur eben dieser Aspekt nicht. Ich finde das Buch toll. Aber ich habe dann beschlossen, zu differenzieren:

    ich bin 33 und arbeite in einem Bereich, wo solche Dinge für mich ganz normal sind. Wo die Leute nicht mehr mitbekommen, welch verschobene Wahrnehmung sie haben. Meine Wahrnehmung bleibt zwar moralisch die gleiche, aber ich lese solche Dinge selbst mit anderem Auge, denke mir nichts dabei, weil ich weiß, dass es so etwas gibt und es viele Menschen gibt, für die so etwas normal ist. Daher kann ich das Buch genießen, finde es noch immer wunderschön, aber ich empfinde Mitleid mit Anna, dass sie nicht darüber reden kann, und dass sie sich dies gefallen lässt (Verzeihen ist gut und wichtig. Sinnvoll aber gewesen wäre, wenn sie das mit ihm thematisiert, wenn sie vielleicht eine Therapie machen, aber zum einen passt das nicht mehr zum Buch, zum anderen wäre das nicht Anna, wäre das nicht Abel). Aber ich habe es gelesen und hingenommen …

    und die andere Seite ist die, dass das Buch als Jugendroman verkauft wird. Ich mag erwachsen sein, die Kriminatlität und die Täter mein täglich Brot. Aber ich bin ein erwachsener, gefestigter Mensch. Ich möchte nicht, dass ein junges Mädchen von 16 oder 17 oder 18 (je nach ihrer Reife) ein solches Wertebild mit auf den Weg bekommt: „lass Dich vergewaltigen, er hatte eine scheiß Kindheit, er hat es nicht so gemeint, es tat ihm ja hinterher auch leid. Ist schon okay“.

    Kennst Du das Buch “ Deutschlands sexuelle Tragödie“? Darin wird geschildert, wie Kinder und Jugendliche auf eine Art und Weise in ihren Familien und durch die Umwelt mit Sex konfrontiert werden, die sehr starke Auswirkungen hat auf ihr eigenes Wertebild, Körperempfinden, die eigene Sexualität. Das, was ich im Märchenerzähler lese, ist teilweise eine Beschreibung dessen, was eben passiert, …

    manchmal fühle ich mich so richtig spießig, grad wenn ich so schreibe wie jetzt. Aber es gibt Dinge, die sollten meiner Ansicht nach nicht normal sein für Jugendliche, doch in den Medien wird es immer mehr bagatellisiert …

    nun, für Jugendliche absolut nichts. Aber für Erwachsene finde ich es noch immer ein wunderschönes Buch voll bezaubernder Sprache, bewegend und mitreißend, mit einer Handlung, die ebenso herzzerreißend wie auch wundervoll ist … ein Drama, wie es nur das Leben schreiben kann …

    (und, btw: über diese Rezension bin ich auf Deinen Blog gestoßen. Steampunk, Manga, Asiafilme, Jugendromane, hier fühl ich mich wohl. Gibt wenig Erwachsene, die auch über diese Themen schreiben, da genieß ich Deinen Blog hier grad … bin eher ein Wenig-Kommentierer, aber lesen werd ich hier zukünftig regelmässig)

    • 9. April 2011 17:31

      Freut mich, dass es dir hier gefällt und dass du so viel und ausführlich kommentiert hast, obwohl du sonst weniger kommentierst.🙂

      Das Differenzieren gelingt mir bei dem Buch eher schwer. Mag vielleicht daran liegen, dass ich dieses Buch eben komplett im Kontext eines Jugendbuchs gelesen habe und es auch als ein solches bewerte. Es wurde ja auch als Jugendbuch geschrieben, also möchte ich es gar nicht aus einer anderen Sicht bewerten.
      Eventuell hätte ich tatsächlich anders reagiert, wäre es ein Roman für Erwachsene gewesen, wobei mir weiterhin diese Instrumentalisierung der Vergewaltigung, um den Plot voranzutreiben und ihn dramatischer zu machen, übel aufstößt. Schon weil das Buch es nicht gebraucht hätte.
      Ich weiß, dass es diese Leute leider in der Realität gibt (meine Mutter ist Sozialpädagogin und hat da auch so einiges zu berichten), was auch ein wesentlicher Grund für meinen Ärger war.

      Mich ärgert das Buch zudem im Zuge einer Entwicklung, bei der ich das Gefühl habe, dass die Rolle der Frau im Jugendroman gerade wieder Rückschritte macht. Mich irritiert es schon ein wenig, dass die Jugendliteratur zunehmend von Heldinnen bevölkert wird, die kaum eigene Interessen und Ambitionen außer der großen Liebe zu ihrem überlegenen, übernatürlichen Lover haben. Mag sein, dass ich da zu viel hineininterpretiere, aber dieses Gefühl drängt sich mir immer stärker auf und ich finde es nicht gut.

      Das von dir erwähnte Buch, kenne ich nur dem Titel nach, aber ich kann mich noch an die Diskussion in den Medien erinnern.
      Das mit dem „spießig fühlen“ kenne ich, das geht mir auch oft so. *lach*

  8. streuner permalink
    13. Mai 2011 10:03

    Daumen hoch für diese absolut zutreffende Rezension! Ich hatte tatsächlich schon befürchtet, die Einzige mit einer negativen Meinung zu diesem Jugendroman zu sein😉
    Ich habe das Buch gelesen und bin mindestens genau so entsetzt über die zahlreichen Jubel-Arien. Die Botschaften die hier rüberkommen, finde ich mehr als fragwürdig! „Wenn du eine schwere Kindheit hast, wird dir alles verziehen – Vergewaltigung ist doch gar nicht so schlimm – mit Drogen dealen ist auch nicht der Rede wert – erzähl einfach ein Märchen und jeder liegt dir zu Füßen.“ Ich habe mich beim Lesen dauernd gefragt: „Hallo…gehts noch?

    • 14. Mai 2011 11:11

      Danke für deinen Kommenar. Gut zu wissen, dass ich mit meiner Sicht der Dinge nicht ganz allein bin.🙂

  9. 21. Mai 2011 10:12

    Ich bin inzwischen auch mit dem Buch durch, habe gerade meine Rezension dazu veröffentlicht (gar nicht so leicht ohne Spoiler) und kann dir nur Recht geben.
    Ich finde es absolut schrecklich, dass hier eine »Heldin« erschaffen wird, die einfach nur leblos ist. Ohne Abel ist sie nichts. Vorher nicht und nacher nicht. Sie durchläuft keinerlei Entwicklung.
    Mag sein, dass die Autorin provozieren wollte, aber mE übertreibt sie maßlos. Die Vergewaltigung war nicht nötig. Auch nicht, dass Abel auf den Strich geht. Es ist, als ob die Autorin alles, aber auch wirklich alles Schlechte auf der Welt auf Abels Schultern packt, damit man ihm seinen »Ausrutscher« auch bloß verzeiht. Himmel noch mal, der Kerl vergewaltigt sie! Und was macht sie? 3 Tage schmollen und danach gehen sie ein Eis essen.
    Ja, die Welt ist schlecht. Aber nur, weil man alles Übel zusammenpackt, heißt das nicht, dass das nun die Realität ist. Oder warum bekommt Annas Mutter zum Schluss doch noch das gewünschte Kind. Wie gefällig ist das denn bitte gelöst?
    Nein. Obwohl die Sprache wirklich schön und der Plot an sich gut strukturiert sind, kann ich das Buch nicht guten Gewissens weiterempfehlen.

    • 21. Mai 2011 20:54

      Absolute Zustimmung.
      Diese Aufhäufung von Übeln hat auch etwas Groschenromanhaftes. Es wird Ein Unglück auf das andere gepackt, um das Publikum noch ein wenig mehr zu schockieren und emotional einzubinden. Gerade im Zusammehang mit Abel ist das, wie du ja anmerkst, fatal, weil man förmlich dazu genötigt wird, in ihm ein Opfer und keinen Täter zu sehen.
      Deshalb kann und will ich auch kein „gesellschaftskritisches“ Buch darin sehen. Dafür setzt es sich viel zu wenig mit seinen zahlreichen extremen Themen auseinander, benutzt sie zu sehr zur Effekthascherei.

      Danke für deine Rückmeldung hier.🙂

      • 22. Mai 2011 09:44

        Das Erschreckende daran ist ja irgendwie auch, dass das niemand merkt/wahrhaben will. Der Plan ist also komplett aufgegangen. Ehrlich, ja länger ich über dieses Buch nachdenke, desto mehr kann ich mich darüber ärgern.
        Das Thema ‚Die Rolle der Frau/Heldin im Jugendbuch‘ wäre übrigens glatt einen eigenen Beitrag wert. Diese Entwicklung stößt mir nämlich auch ordentlich auf.

        • 23. Mai 2011 19:39

          Ja, daran dachte ich auch schon, weil mir das schon eine ganze Weile unangenehm auffällt, aber bislang hatte ich nicht so recht die Zeit und die Muße meine Gedanken zu dem Thema zu sortieren.

  10. anna permalink
    24. Mai 2011 15:11

    Die Geschichte ist echt schön ,doch das Ende ist unerwartet ,meiner meinung nach. Ich habe gedacht das es doch ein happy end geben wird ,was nicht der fall war. Das fand ich sehr schade. Trozdem war die Geschichte sehr toll !

  11. Pia permalink
    9. Juni 2011 14:36

    Wenn man einem anderen Menschen gegenüber so hörig, abhängig ist, dass man es beinahe als irre bezeichnen könnte, kann man die Realität vielleicht in so weit aus dem Festern werfen und von einem Wagen überfahren lassen, dass es unter Umständen geht, demjenig zu verzeihen.

    Aber im Allgemeinen: Stimmt, eigentlich geht es nicht. Es ist unverzeichlich was Abel tat.

    Das Buch ist gut. Wirklich gut. Ich habe es verschlungen, war regelrecht süchtig danach, wenn man das so sagen kann. Aber die Altersbeschränkung sollte höher gesetzt und der Klappentext noch einmal überdacht werden.

    Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass ich das Buch wirklich zu einer der besten in meinem Schrank zählen kann.

    • 9. Juni 2011 17:39

      Mir geht es weniger darum, ob es realistisch ist, dass jemand einem anderen Menschen so etwas verzeiht. Das ist (leider) realistisch und man muss nicht einmal irre dazu sein. Tausende von Frauen tun das täglich.

      Mir geht es eher um die Botschaft, die dieses Buch jungen Frauen vermittelt (übrigens die Alterempfehlung ist die höchste für ein Jugendbuch, man hat es also bewusst für ein Publikum ab 14 Jahren geschrieben): Die tragische Romantisierung eines Verzeihens, das weder tragisch noch romantisch, sondern einfach nur dumm ist.
      Und deshalb ist und kann dieses Buch niemals ein gutes Buch für mich sein.
      Ich kann mich nicht von der schönen Sprache einlullen lassen und ernste Themen machen in Buch nicht automatisch tiefsinnig oder anspruchsvoll. Tatsächlich ist es stellenweise sogar ganz schön platt und reißerisch.
      Ich finde dieses Buch gerade so fatal, weil es die Leute dazu bringt, etwas zu akzeptieren, über das sie unter anderen Umständen vielleicht einen Moment länger nachdenken und es kritischer hinterfragen würden. Und dass nicht hinterfragt wird, das sehe ich dem Großteil der begeisterten Rezensionen an. Und das finde ich traurig.

      • Pia permalink
        10. Juni 2011 14:54

        Ich hab sehr wohl über das Buch nachgedacht. Ich tue es immer noch ab und zu. Man sollte meinen das vergeht. Aber ist ein Buch, das einem nicht aus dem Kopf zu gehen vermag, nicht ein gutes Buch?

        Dass die Leute nicht wirklich darüber nachdenken und die ganze Sache einfach hinnehmen wie sie da steht, ist allerdings, meiner Meinung nach, nicht der Fehler der Autorin. Man muss allerdings sagen, dass man damit hätte rechnen müssen. Die meisten Leute sind so. Nicht nur im Bezug auf Literatur.

        Ich wusste gar nicht, dass das die höchste Altersempfehlung ist. Ich habe noch nie besonders darauf geachtet für welches Alter meine Bücher gemacht sind.

        • 10. Juni 2011 17:38

          Nachdenken ist nicht das gleiche wie kritisch hinterfragen. Und ein Buch, über das man viel nachdenkt ist nicht notwendig ein gutes Buch. Mir geht das Buch seit einem halben Jahr nicht mehr aus dem Kopf und zwar, weil mich dieses Buch so maßlos ärgert. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr ärgere ich mich darüber. Da geht es mir wie Nina, die weiter oben kommentiert hat.

          An Kommentaren wie dem über deinem von Anna, die sich wünscht es hätte ein Happy End gegeben, merke ich, dass das Buch tatsächlich entweder keine kritische Haltung zu Gewalt in einer Liebesbeziehung bezieht oder daran scheitert, sie darzustellen. Es hat sogar einen gegenteiligen Effekt. Wie kann man sich sonst ein Happy End für ein Pärchen wünschen, bei dem der eine den anderen vergewaltigt hat?

          Vielleicht willst du ja nochmal kritisch darüber nachdenken, was in dem Buch passiert und wie es dem Leser übermittelt wird. Wenn es dir dann noch immer so gut gefällt, ist das ja auch in Ordnung. Man kann nicht immer in allen Dingen die gleiche Meinung haben.🙂

  12. 13. Januar 2012 10:45

    Ich hab vor Monaten diese Buch für ein Veröffentlicht-Assessment gelesen und mein Bericht war negativ wegen dieser Szene. Oder besser gesagt, wegen der Geschehnisse danach. Vor allem, der Fakt dass Anna ihn verzeiht ohne „warum“ zu fragen. Ich war soooo sauer auf Anna und die Autorin. Wie hat ein Editor/Verlager erlaubt, dass solche Sachen in einem Jugendbuch veröffentlicht werden? Zum Provozieren was? wen? ¬¬

    • 14. Januar 2012 17:21

      Das war ehrlich gesagt auch mein erster Gedanke: Was hat sich der Lektor des Buches dabei gedacht? Aber die Mehrheit scheint kein Problem mit dieser Sache zu haben, in Amerika hat das Buch ja auch sehr schnell einen Verlag gefunden.

  13. Julia permalink
    6. Mai 2012 19:55

    Hallo zusammen. Zufälliger Weise bin ich auf den Blog hier gestoßen. Ja, ich kann euch verstehen. Aber ich finde es auch wieder nicht so schlimm wie ihr es beschreibt. „Der Märchenerzähler“ ist eins meiner Lieblingsbücher. Noch bin 14 (werde aber bald 15), aber ich persönlich finde das Buch, bzw. die Stelle und die Ereignisse danach nicht sonderlich schlimm. Auch seelisch konnte (oder kann, wie ihr wollt (; ) gut verarbeiten und ich glaube nicht, das die Geschichte Spuren hinterlässt. Vielleicht mag es daran liegen das ich für mein Alter vom Kopf her gut entwickelt bin, aber das kann und will ich nicht beurteilen🙂. Jedenfalls hat mich die Geschichte sehr berührt und das Buch hat mich bis zum Schluss gefesselt. Gut, vielleicht hätte man einen anderen Schluss für die Beziehung der Beiden wählen könne. Aber es ist, wie es ist. Klar kann das Buch nicht jedem gefallen und ich will jetzt auch nicht die Geschichte „in Schutz nehmen“, aber eigentlich braucht man sich wegen sowas doch nicht gleich so aufregen😉 versteht mich jetzt bitte nicht falsch, aber ich finde einfach, dass wegen der einen Stelle das Buch nicht von Grund auf schlecht ist. Als ich das Buch gelesen habe hat es mir jedenfalls nicht die Ansicht vermittelt, dass Liebe sogar über Vergewaltigung siegt, sondern, dass jeder verzeihen kann. Aber wie weit man dabei geht ( und was man verzeihen möchte bzw. kann) bleibt jedem selbst überlassen. In diesem Fall geht Anna eben sehr weit und verzeiht ALLES was geschehen ist. Wie gesat, ich finde das mit dem Verzeihen muss jeder selber und für sich wissen.
    Das wäre meine Meinung zu dem Buch🙂

    • 6. Mai 2012 21:12

      Hallo Julia,

      danke für deine Meinung. Jeder liest Bücher ein bißchen anders und so kommen dann unterschiedliche Meinungen zustande.
      Mir geht es gar nicht um die Szene an sich, sondern um das, wie mit ihr umgegangen wird. Vergewaltigung ist eine sehr schlimme Sache. Die Opfer leiden oft über Jahre an schlimmen psychischen Folgen. Eine Vergewaltigung kann ein Leben zerstören.
      In diesem Buch wird die Verwaltigung und vor allem ihre Folgen viel zu sehr verharmlost. Anna leidet kurz, aber sonst sind kaum psychische Folgen auf diesem Erlebnis erkennbar. Du sagst ja selbst: So schlimm wirkte es auf dich nicht. Ich finde nicht, dass das ein Thema ist, mit dem man so nachlässig umgehen sollte.

      Natürlich muss jeder für sich entscheiden, was er verzeiht und was nicht. Wenn man verliebt ist, wenn man emotional an jemandem hängt, dann neigt man aber leider dazu, viel leichter zu verzeihen und sich einzureden, dass es nicht noch einmal passieren wird. Dann verzeiht man mehr, als für einen gut ist. Gerade wenn man jung ist und die erste Liebe einem vorkommt wie die eine große Liebe, neigen viele Mädchen dazu, sich mehr gefallen zu lassen, als sie sollten. Aber auch viele erwachsene Frauen lassen sich von ihren Männern seelisch und körperlich misshandeln und verzeihen ihnen immer wieder.
      Das Problem ist auch nicht so sehr, dass Anna Abel verzeiht, denn am Verzeihen selbst ist nichts Schlimmes, auch wenn es meiner Meinung nach Sachen gibt, die man nicht verzeihen kann. Aber sie verzeiht nicht nur, sie geht auch einfach zu ihm zurück, ohne zu wissen, ob er sie noch einmal körperlich angreifen wird. Ohne, dass das Vorgefallene aufgearbeitet wurde. Verzeihen kann man, aber man muss sich selbst schützen. Selbst wenn es schwer fällt, weil die eigenen Gefühle einem Menschen gegenüber einen zu ihm zurückziehen wollen. Ich finde, ein Buch für junge Menschen sollte ihnen beibringen, selbstbewusst zu sein und den eigenen Körper schützen zu lernen. Und das tut Anna nicht. Im Gegenteil, ihre Schwäche wird als Stärke verkauft. Das finde ich sehr problematisch.

      Ich finde übrigens, dass man sich schon mal aufregen darf, wenn so ernste, wichtige Themen so nachlässig angepackt werden, wie in einem Buch. Ich hoffe keine jugendliche (oder erwachsene) Leserin nimmt sich ein Beispiel an Anna, denn das wäre wirklich traurig. Und ich bin auch der Meinung, dass man sich mal über ein Buch aufregen darf, weil man Bücher immer kritisch lesen und hinterfragen sollte. Genauso wie man begeistert von einem Buch sein darf, darf man zornig über eines sein, weil Bücher nicht nur unterhalten, sondern meistens auch eine Botschaft an den Leser übermitteln. Und nicht immer ist man mit dieser Botschaft einverstanden.

  14. Julia permalink
    7. Mai 2012 14:22

    Eigentlich finde ich es in dem Buch ziemlich gut, dass das Thema Vergewaltigung so offen angesprochen wird. Gut, es kann sein das sich aus dem Geschehen nach dem Vorfall falsche Schlüsse und Ansichten über das Leben und die Liebe ziehen lassen, aber ich persönlich lasse mich jetzt nicht von dem Gelesenen so stark beeinflussen, dass, sollt mir je so etwas passieren, ich dem Menschen einfach so verzeihen würde und dann auch ohne großes Zögern zu ihm zurück kehren würde. Natürlich hoffe ich auch, dass alle anderen Leserinnen (vorallem die jungen) die gleiche oder eine ähnliche Meinung dazu haben ( also das des natürlich nicht okay ist, sie sich aber nicht weiter von dem Text beeinflussen lassen). Denn ich finde die Geschichte im Großen und Ganzen immernoch wunderbar. Ich finde eher man sollte mit den Beider, vor allem aber mit Abel, Mitleid haben. Und ich glaube auch, dass Antonia Michaelis uns sicher nicht irgendein verzerrtes Bild von Liebe geben wollte, sondern ihre Leser mit einer wundervollen Geschichte beglücken wollte. Und das hat sie auch geschafft.

  15. Michaela permalink
    8. Mai 2012 18:31

    Ich weiß nicht eventuell hat die Autorin das Buch absichtlich so geschrieben hat?! Um genau diese Thematik bei den Jugendlichen zu Provozieren ?!
    Mir kam es aber so vor …
    Gruß Michaela

    • 12. Mai 2012 08:37

      Darauf hatte ich gehofft, aber leider kann ich keine Hinweise dafür entdecken. Und ein Interview, das die Autorin gegeben hat (Ich habe es hier im Artikel „Der Märchenerzähler – Klappe die Zweite“ verlinkt), hat mich endgültig von der Hoffnung abgebracht, dass das ihre Intention war.

  16. teddy permalink
    15. April 2013 15:12

    Hey ich stimme dir voll zu und bin froh endlich jemanden gefunden zu haben, der genau meiner Ansicht ist. eben war ich auf einer Seite da haben sie nur geschwärmt über das Buch wie toll es es das sie sich von der ersten Seite an verliebt haben. Ehrlich da denkt man sie haben es gar nicht gelesen.

  17. Lotti permalink
    30. Mai 2016 18:08

    Hey, ich stimme ebenfalls den angesprochenen Themen von euch zu. Ich bin ein 14-jähriges Mädchen und gehe selbstverständlich noch zur Schule. Dieses Buch war eine Lektüre, die wir im Deutschunterricht (in den Ferien) gelesen haben/mussten. Die Ferien sind nun vorbei und somit habe ich auch das Buch fertig gelesen. Nun bin ich gespannt, wie unsere Lehrerin mit diesem Thema umgeht, da ich im Nachhinein finde, dass dieses Buch für eine Schullektüre nicht geeignet war.
    LG

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