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Oliver Dierssen: Fausto

1. Februar 2011

Was macht man mitten in der Nacht mit einem heulenden, sabbernden, zehn Kilo schweren Monster, das sich an einem festklammerte und kuscheln wollte und einem dabei mit dem Horn im Gesicht rumpiekte? Noch dazu auf einem Wertstoffhof!
[…] Wenn Canan uns in dieser sehr persönlichen Situation erwischte, war es aus. Wer wollte schon einen Jungen küssen, der mit einem scharfzahnigen, sprechenden und gehörnten Vertreter der Niederwelten rummachte?

 

 

Autor: Oliver Dierssen

Titel: Fausto

Verlag: Heyne fliegt, 2011

ISBN: 3453260015

Seiten: 448

Preis: 14,99

Die Versuchung: Eigentlich hätte ich das Buch nie gekauft, weder das Cover noch der Klappentext passten so wirklich in mein Beuteschema. Allerdings hatte ich im letzten Jahr bereits Oliver Dierssens „Fledermausland“ gelesen und kam deshalb an diesem Buch nicht vorbei.

Was habe ich erwartet: Ich war ein wenig skeptisch, ob die Formel „männlicher Teenager und Bücherdämon“ bei mir wirklich ankommen würde, aber ich habe darauf gehofft, mich zumindest ähnlich gut zu amüsieren wie beim letzten Buch des Autors.

Was habe ich bekommen: Einen amüsanten und herzlichen Jugendroman, den man auch weit jenseits des Teenageralters noch lesen kann. In der Bahn sollte man dieses Buch allerdings nur lesen, wenn man mit den verwunderten Blicken der Mitfahrenden umgehen kann, denn es ist einfach unverschämt witzig.

Die ganze Geschichte beginnt mit einem unheilvollen Pickel. Und eines weiß der vierzehnjährige Joschel ganz genau: Die fiesen, brennenden Dinger bedeuten grundsätzlich Ärger.
Der Ärger naht bereits am nächsten Schultag in Form des pedantischen Germanistiksadisten Dr. Kattmann, seinem Deutschlehrer. Ein Fach, mit dem Joschel auf Kriegsfuß steht und nun soll ausgerechnet er seinen Aufsatz vor der ganzen Klasse vorlesen. Doch als er sein Heft aufschlägt, wartet auf ihn nicht das Gekritzel vom Vortag, sondern ein perfekter dreiseitiger Deutschaufsatz, voll von Wörtern, die er noch nie gehört, geschweige denn je geschrieben hätte.
So wirklich kann Joschel sich das nicht erklären, aber fürs Erste rettet es ihn aus Kattmanns Klauen. Plötzlich denkt seine gesamte Umgebung, er wäre hochbegabt und Joschel stößt auf den Urheber des Aufsatzes: Fausto Flamingo Esteban de Rioja, einen haarigen Bücherdämon mit vier rotglühenden Augen und einem Horn auf der Stirn, der sich von Rechtschreibfehlern ernährt und seit kurzem unter Joschels Bett wohnt.
Eigentlich könnte alles optimal sein, denn mit Fausto mutiert Joschel zum Musterschüler. Aber mit der Zeit verstrickt er sich viel zu sehr in ein Geflecht aus Lügen und Geheimnissen und die Pickel sprießen munterer denn je…

So gern ich „Fledermausland“ mochte, es war mir teilweise zu chaotisch und die Figuren blieben mir zu blass. Bei „Fausto“ ist das ganz anders. Er wirkt klarer, strukturierter und man kann kaum anders als mit den jugendlichen Helden und dem kuscheligen Bücherdämon mitzufiebern.
Mal wieder musste ich feststellen, dass Oliver Dierssen einfach wunderbar mit Sprache umgehen kann. Da sitzt jede Formulierung, man liest wie im Flug und es ist nicht zuletzt der Wortwitz, der dieses Buch so unglaublich komisch macht, dass ich beim Lesen mehrmals laut auflachen musste.
Der Humor in „Fausto“ ist nie platt und lebt unter anderem von seinen leicht ironischen Seitenhieben und absurden Momenten. Humortechnisch habe ich mich in diesem Buch einfach pudelwohl gefühlt.
Joschel ist ein netter Held, erscheint er Anfangs noch ein wenig zu passiv, beginnt er im richtigen Moment Mut und Engagement zu entwickeln. Seine Verliebtheit in die Mitschülerin Canan ist einfach zu niedlich. Da jubelt man innerlich bei jedem Händchen das gehalten und jeder Haarsträhne, die mit bebenden Fingern aus dem Gesicht des anderen gestrichen wird. Süß.
Und Fausto… Ja, der weckt den Wunsch, dass man Dinge aus Büchern herauslesen könnte. Oder anders gesagt: Ich will auch einen kuscheligen Bücherdääämoooooonn! *mit dem fuß aufstampf*

Es ist allerdings kein Buch für Leute, sie pausenlos Action brauchen. „Fausto“ ist mit 430 Seiten ein dickes Buch und oft geht es mehr um Zwischenmenschliches, als um aufregende Ereignisse. Mit Joschels Problemen mit fiesen Deutschlehrern, dicken Pickeln, nervigen Schulkameraden, einer Ökomutti, die die unmöglichsten Typen anschleppt und seinem ständig absenten leiblichen Vater kann sich aber sicher der ein oder andere Jugendliche identifizieren.
Ein Buch für lesebegeisterte Jugendliche ab 12 und Erwachsene, die kein Problem damit haben, wenn die Helden eines Romans jünger sind als sie selbst und sich noch an ihre eigene Schulzeit erinnern können.😉

Wertung: 4,5 (von 5,0)

3 Kommentare leave one →
  1. 1. Februar 2011 13:52

    Ach, das klingt ja wirklich herzallerliebst. Allein der „Bücherdämon“ überzeugt mich schon😀 Werde ich mir mal näher anschauen. Danke für die schöne Rezension.

    • 1. Februar 2011 23:59

      Bitteschön🙂
      Bin immer froh, wenn ich auf diesen tollen Autor aufmerksam machen kann.

Trackbacks

  1. Buchgeplauder #2 «

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