Skip to content

[Film] North and South (BBC, 2004)

1. Juli 2011

Als ich 14 oder 15 war, lief hier in Deutschland das erste Mal die BBC-Verfilmung von Stolz und Vorurteil mit Colin Firth. Ich war eher uninteressiert an dem, was meine Mutter da ansah, aber bei der berühmten Antrags-Szene hatte es mich plötzlich gepackt. So uninteressiert an Liebesgeschichten wie bis zu diesem Zeitpunkt war, hatte ich es nicht kommen gesehen, dass der unfreundliche Mann in Elizabeth verliebt war. Ich würde sagen, in dem Moment entdeckte ich, dass auch ich eine ausgeprägte romantische Ader habe und so begann eine langanhaltende und unerschütterliche Liebe zu Mr. Darcy und seiner Elizabeth, zu Pride and Prejudice und zu Jane Austens wunderbar bissiger Art, die Gesellschaft um sich herum zu betrachten, allgemein.
Ich besitze fast alle Verfilmungen, eine englische Komplettlesung auf CD und das Buch in englischer und deutscher Fassung. Und all das ist immer im regen Gebrauch, wenn ich Aufmunterung brauche.

Vor zwei Wochen haben P&P und Mr. Darcy Konkurrenz bekommen, nämlich „North and South“ und Mr. Thornton.

Die vierteilige BBC-Verfilmung von 2004 nach einem Roman von Elizabeth Gaskell war eher ein Spontankauf, nachdem eine Freundin sie mir empfohlen hatte und mir die 2 DVDs für einen fairen Preis von 9,99 € über den Weg liefen. Ein entspannter Samstagabend sollte es werden. So wirklich entspannt war es nicht, denn dieser Film drückte bei mir alle Knöpfchen, die nötig sind, um mich emotional gänzlich einzufangen. Liebesgeschichten sind nämlich so eine Sache bei mir. Viele Frauenromane, die sich um Liebe drehen, finde ich ziemlich unromantisch. Aber dann wieder bin ich eigentlich eine richtige Kitschnudel, die eine gute Liebesgeschichte sehr zu schätzen weiß und völlig darin aufgehen kann. Und „North and South“ ist eine dieser Geschichten.

Wir befinden uns in England zur Zeit der Industriellen Revolution. Es geht um die junge Margret Hale, eine Pfarrerstochter, die, nachdem ihr Vater aufgrund von Differenzen mit dem Bischof seine Stelle aufgegeben hat, mit ihrer Familie in den Norden Englands zieht. Das Leben in der (fiktiven) Stadt Milton ist so ganz anders, als sie es aus dem idyllischen Süden kennt. Hier ist man entweder Meister oder Arbeiter in einer der Baumwollfabriken, reich oder arm. Die Stimmung ist angespannt, der Unmut der Arbeiter droht überzukochen und ein Streik liegt in der Luft.
Die kluge, aber auch sehr idealistische Margret ist berührt von diesem Elend und legt sich gleich zu Beginn mit dem Fabrikanten Johnathan Thornton an. Doch je länger sie in Milton lebt, desto mehr begreift sie, dass es in einem Konflikt immer zwei Seiten gibt und dass auch John Thornton anders ist als ihr Bild von ihm.

Beinahe von der ersten Minute an, hatte mich dieser Film komplett eingefangen. So sehr, dass ich ganz mitgerissen von der Handlung sogar das ein oder andere Tränchen verdrückt habe.
Einer der Gründe, warum die Geschichte so gut bei mir ankam, ist mit Sicherheit die Tatsache, dass die den gleichen Mechanismus hat wie „Stolz und Vorurteil“. Ein zu Beginn ziemlich unfreundlicher Mann und eine kluge Frau treffen aufeinander. Standesunterschiede und Vorurteile trennen sie und erst, wenn sie letztere überwinden, können sie sich näherkommen. Man kann mir das tausendmal vorsetzen und ich werde es noch immer lieben. Weil ich nicht an Liebe auf den ersten Blick glaube und körperliche Anziehung allein nicht romantisch finde. Deshalb ist dieses Kennenlernen und dabei Zuneigung finden etwas, was meiner Vorstellung von Romantik sehr nahe kommt.

Abgesehen davon empfand ich auch die übrigen Aspekte des Films als nahezu perfekt. Die Musik war großartig und bewegend und absolut richtig eingesetzt, um Bilder zu untermalen, die manchmal etwas Schönes und Grausiges zugleich zeigten. So gehört das für die Arbeiter sicher schwer erträgliche Schneegestöber der Baumwollflocken in den Fabriken zu den eindrucksvollsten Bildern des Films.

Die folgende kurze Szene ist das Ende der ersten von 4 Episoden. Aus dem Zusammenhang gerissen wirkt sie etwas arg pathetisch, aber sie zeigt sehr schön das beschriebene Schneegestöber, die musikalische Untermalung und natürlich Mr. Thornton ;):


Es sind kleine Dinge, durch die sich in diesem Film Emotionen ausdrücken bevor sie angesprochen werden. Vor allem die Hände der Protagonisten spielen hierbei eine Rolle. Leichte Berührungen der Finger, manchmal auch nur ein aufgenommender Handschuh sind es, durch die die Gefühle von Thornton und Margret offensichtlich werden. Dieses Bild allein wirkt intimer und emotional aufgeladener als die meisten Kussszenen in anderen Filmen. (Geknutscht wird hier natürlich auch, wenn es auch mehr Fanservice für den Zuschauer ist, denn sie tun das ein wenig zu öffentlich, als dass es glaubwürdig wäre. Aber was soll’s ein verliebt guckender Thornton mit offenem Hemdkragen ist die beste Ablenkung, die sich eine kleine Meckertante wünschen kann).

Richard Armitage als Mr. Thornton hat mich völlig weggepustet, um es mal ganz flappsig zu sagen. Nicht nur, dass er nett anzusehen ist, er spielt den Fabrikbesitzer auch so, dass man ihm jede Emotion vom Gesicht ablesen kann und das tut manchmal regelrecht weh beim Zusehen. Auf eine gute Art und Weise. Die gute Chemie mit seiner Filmpartnerin tat ihr Übriges.
Die Kulisse der Leiden der Arbeiter zur Zeit der Industrialisierung gibt dem Film eine erste Note, gegen die P&P sehr idyllisch wirkt. Was mir gut gefallen hat, war die Tatsache, dass es keine klare Verteilung von Gut und Böse gab. Sowohl Fabriakanten als auch Arbeiter hatten Gründe für ihr Handeln in diesem Konflikt. Das ist es auch, was Margret lernt und was ihr letztlich hilft, ihre Gefühle für Thornton einzugestehen.
Einziger Kritikpunkt ist für mich, dass man das Leiden der Arbeiter, portraitiert durch das Schicksal eines armen Kerls, den es besonders hart trifft, ein wenig zu klischeehaft ausgeschlachtet hat. Das hätte es nun echt nicht so gebraucht.

Wenn ich einen Film nach dem Ansehen gleich noch einmal anfangen möchte, ist das immer ein gutes Zeichen. Ich bin mir sicher, diesen Film werde ich noch sehr sehr oft sehen.

Ich habe übrigens die englische Fassung angesehen. Leider hat die DVD keine englischen Untertitel, das hätte es hin und wieder leichter gemacht, den ein oder anderen Dialekt zu verstehen. Die deutsche Fassung habe ich nicht gesehen, aber wie immer gibt es Klagen, dass sie verfälschend wirkt.

North and South ist mein neues Seelentrösterchen für fiese Regentage und die Romanvorlage befindet sich auch schon in meinem Besitz.

8 Kommentare leave one →
  1. 1. Juli 2011 20:53

    Woah, du machst mir den Mund wässrig! *sofort auf to-read & to-watch-list notier*
    Habe bisher nur die letzte Verfilmung von Pride & Predjudice mit Keira Knightley (jep, bin leider Fan von ihr ^^;;;) gesehen, aber jetzt kriege ich glatt Lust auf die früheren! Danke für dein Einblick!
    Der Film N&S klingt auch interessant!
    Wenn du Liebesromane mit Gesellschaftsbeobachtungen magst, würdest du dann auch meinen Roman (http://pubeawjaksarn.com/bucher/) lesen wollen? Sorry für die Werbung, aber frage mich jetzt tatsächlich, ob dir das gefallen könnte und würde mich über so eine erfahrene Leserin wie dich freuen. Egal ob du mein Buch gut oder schlecht bewertest. ^^

    • 1. Juli 2011 21:43

      *lach* Viel Spaß dann. Und du solltest definitiv die 95er Fassung von P&P sehen, die ist viel besser als die mit Kiera.🙂

      Ich guck mir das Buch an, wenn ich mal wieder mehr Luft habe, im Moment hat mein Stapel ungelesener Bücher noch immer eine schwindelerregende Höhe.🙂

  2. 2. Juli 2011 08:01

    Hach … „North and South“ hab ich schon so oft geschaut, dass die DVD schon ganz dünn sein dürfte! Ich hab den Film damals dreimal hintereinander geschaut und dann ausgewählte Teile nochmal. Und seitdem werfe ich die DVD immer wieder mal ein. Ich liebe diesen Film, und ich liebe Richard Armitage. Für den würde ich Haus und Hof verkaufen! *g*

    • 2. Juli 2011 08:13

      Ich schätze bei mir wird es auch so sein, dass ich ihn wieder und wieder sehen werde.
      Ich frage mich ehrlich, wie das 7 Jahre auf dem Markt sein konnte, ohne dass ich es entdeckt habe.
      Kennst du die anderen Gaskell-Verfilmungen auch? Ist da etwas empfehlennswertes dabei?

  3. 11. Juli 2011 10:00

    Wieso hat die Mailbenachrichtigung für den Kommentar nicht funktioniert?! *grübel*

    Egal, jedenfalls: Ist mir auch ein Rätsel, wie dir der Film so lange entgehen konnte. *g* Ich hatte schon mehrfach darüber nachgedacht, ihn vorzustellen, dachte aber immer, den kennt eh schon jeder – so kann man sich täuschen.

    Ich hab mir kurz nach „North and South“ noch „Wives and Daughters“ gekauft, und vor ein paar Wochen hab ich auf dem Flohmarkt tatsächlich „Cranford“/“Rückkehr nach Cranford“ mitgenommen, allerdings noch keinen der Filme gesehen. Ist sehr schwierig mit dem Literaturverfilmungen bei uns, weil mein Mann die nicht wirklich schauen mag und ich tagsüber eher nicht fernsehe; es ist also selten Zeit, sie anzuschauen!😦

    • 11. Juli 2011 11:06

      Da habe ich wohl wirklich hinter dem Mond gelebt. Ich hatte davor noch nie etwas davon gehört. Hm.

      Vielleicht magst du ja die anderen zwei vorstellen, wenn du irgendwann Zeit hattest sie zu sehen. Fände ich sehr interessant.🙂

  4. 11. Juli 2011 11:51

    Mach ich! Vielleicht kann ich ja meinen Mann auch in absehbarer Zeit mal wieder dazu überreden, „sowas“ mit mir zu schauen.😉

Trackbacks

  1. Buchgeplauder #2 «

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s