Skip to content

[Rezension] Jenny Downham: You Against Me

22. August 2011


Autor: Jenny Downham

Titel: You against me (Ich gegen Dich)

Verlag: David Fickling Books, 2011

ISBN: 9781849920483

Preis: ca. 8 €

Seiten: 410

Deutsche Ausgabe: Ab August bei carl’s books

Die Versuchung: Jeder schwärmte so von „Bevor ich sterbe“, das ich aber wegen seiner Thematik aber nicht lesen wollte. „You against me“ erschien mir auch dank eines gelungenen Gestaltungskonzepts des englischen Verlags deutlich interessanter, also habe ich gleich mal zugegriffen.

Was habe ich erwartet: Ein intensives Buch mit vielen interessanten Konflikten.

Was habe ich bekommen: Ein sensibles Buch, das eine Liebesgeschichte vor einem problematischen Hintergrund erzählt, dabei aber nicht so eindrucksvoll ist, wie es sein könnte.

Seit Mikeys Schwester Karyn nach einer Party vergewaltigt wurde, scheint seine Welt kopfzustehen. Karyn verlässt das Haus nicht mehr und seine Mutter flüchtet sich immer häufiger in den Alkohol. Mikey fühlt sich hilflos, will am liebsten losgehen und den Täter niederprügeln. Doch als er zu seinem Haus kommt, findet er dort nur seine jüngere Schwester Ellie vor.

Seit Ellies Bruder Tom beschuldigt wird ein Mädchen vergewaltigt zu haben, hat ihre heile Welt Risse bekommen. Sie liebt ihren Bruder, glaubt an seine Unschuld und trotzdem hat sie an diesem Abend Dinge gesehen, die sie zweifeln lassen. Aber man muss doch zu denen halten, die man liebt, oder?

Als Mikey den Kontakt zu Ellie sucht, ist es zunächst nur, um Dinge herauszufinden, die Tom dingfest machen können. Doch schon bald ist das nicht mehr der Hauptgrund. Ellie und Mikey verlieben sich und plötzlich ist alles noch komplizierter als zuvor.

 

„You want this to be a love story“ lautet ein Zitat aus dem Roman, das unter dem Buchtitel zu lesen ist. Was für ein geschickter Satz auf einem Cover, denn er forderte mich schon vor der Lektüre dazu heraus, mir Gedanken zum Inhalt des Buches zu machen. Kann so eine Geschichte eine Liebesgeschichte sein? Will ich, dass es eine ist? Wollte die Autorin eine schreiben?
Zumindest auf letztere Frage kann ich jetzt eine Antwort geben: Ja, sie wollte. Es geht in dem Roman nicht primär um das Opfer um den Täter, sondern es geht um diese Menschen, die ihnen sehr nahestehen, deren Gefühle füreinander und die inneren Konflikte, die das auslöst.

Ich mag es sehr, „schwierige Schicksale“ aus der Sicht von Menschen zu lesen, die den Betroffenen nahestehen, weil es eine interessante Perspektive eröffnet. In diesem Fall sieht man, wie so ein Vorfall beide Seiten zerrütten kann: Die Familie des Opfers, aber auch die des Täters.
Aber gerade an diesem Punkt verschenkt Downham das Potential, das Buch wirklich intensiv werden zu lassen. Konflikte werden angerissen, ich begreife sie, kann sie mir vorstellen und trotzdem tun sie beim Lesen nicht weh. Es ist, als hätte die Autorin an diesen Punkten davor zurückgeschreckt, wirklich in die Tiefe der menschlichen Psyche zu gehen und seinen Leser mitzunehmen. Stattdessen behält sie immer einen gewissen Sicherheitsabstand.
Die Täterfamilie ist ihr vielleicht noch etwas besser gelungen als die Opferfamilie. Das liegt unter anderem daran, dass sie mit dem niedrigen sozialen Status von Mikeys Familie und seiner alleinerziehenden alkoholkranken Mutter einen unnötigen Nebenschauplatz eröffnet hat, der nicht nur etwas klischeehaft ist (Opfer arm, Täter reich), sondern auch ablenkt. An einer Familie, die bereits vor dem Vorfall aus dem Gleichgewicht war, kann man nur begrenzt zeigen, wie sehr das, was Mikeys Schwester passiert, auch eine normale Durchschnittsfamilie erschüttern kann.

Aber, und das muss man deutlich sagen, selbst wenn mir Downham zu sehr an der Oberfläche bleibt und zu glatt erzählt, „You against me“ ist ein gutes Buch. Es behandelt sein Thema mit der nötigen Sensiblität und es greift die richtigen Fragen und Konflikte auf. Es zeigt, wie schnell das Opfer dafür verantwortlich gemacht wird, was mit ihm passiert, nur weil es einen kurzen Rock trug und mit dem Täter geflirtet hat. Es lässt die Hölle erahnen, durch die Frauen gehen müssen, wenn sie eine Vergewaltigung zur Anzeige bringen und sich wieder und wieder den gleichen Fragen stellen lassen müssen.
Und es stellt Fragen, mit denen sich die Angehörigen, vor allem die des Täters auseinandersetzen müssen: Ist die Loyalität zur Familie wirklich das Wichtigste? Wie steht das Gewissen dagegen? Und: Kann man jemanden lieben, der jemandem die Treue hält, der einem geliebten Menschen etwas Schlimmes angetan hat?
Die Protagonisten sind lebendig und glaubwürdig genug, um an ihren Sorgen und Nöten Anteil zu nehmen und sprachlich ist das Buch, von einigen unpassenden Metaphern abgesehen, angenehm schlicht, so dass ich den Roman fast an einem Stück gelesen habe.

Und so ist mein Fazit, dass es ein schönes Buch ist. Es ist etwas mehr eine Geschichte über die erste Liebe und das Wachsen an einer schwierigen Situation als eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Thema Vergewaltigung. Aber ich denke das ist von der Autorin auch so beabsichtigt und ich finde das auch durchaus in Ordnung. Es ist ein Buch, das ich weiterempfehlen würde und das mich ein wenig aus meinem persönlichen Lesetief gerissen hat.
Aber es ist kein beeindrucktendes, kein erschütterndes oder wirklich zu Herzen gehendes Buch. Bereits heute, wenige Tage nachdem ich es beendet habe, merke ich, dass meine Eindrücke sich rasant verflüchtigen und dass ich mit Wohlwollen, aber nicht mit Begeisterung daran zurückdenke.

Ein Wort zur deutschen Ausgabe kann ich mir nicht verkneifen, auch wenn andere eigentlich schon alles gesagt haben:
Ich verteidige ja hin und wieder die heftig kritisierten Coverentscheidungen der Verlage. Oft leuchtet mir ein, warum ein Buch in einer bestimmten Aufmachung auf den Markt geworfen wird, selbst wenn die augenscheinlich nicht zum Inhalt passt.
Aber ehrlich, „carl’s books“, diesmal habt ihr euch alle virtuelle Schelte redlich verdient. Dieses unappetitliche Butterbrot auf „Ich gegen dich“ sieht aus, als würde es zu einem ganz anderen Buch gehören. Meinetwegen packt ihr das blöde Brot auf einen rotzigen „Coming of Age“-Roman, auch wenn ich es da noch immer scheußlich fände, aber auf einem Buch mit dieser sensiblen Thematik? Ein Butterbrot? Ehrlich? Habt ihr den Roman gelesen?
Dass kein Butterbrot im ganzen Buch zu entdecken ist, ist dabei noch meine geringste Sorge, denn auch die Stimmung des Romans lässt mich an alles andere als Butterbrote denken. Und nicht zuletzt: Wen wollt ihr mit der dummen Stulle ansprechen? Hungrige Leser? Wer würde dieses Buch sehen und es mit dem Gedanken „Cool, das sieht nach einer konfliktreichen, sensiblen Liebesgeschichte aus?“ in die Hand nehmen?
Ich sehe mich schon wieder mich beim Weiterempfehlen  dafür rechtfertigen, dass das Cover zwar doof, aber das Buch wirklich gut ist. Menno.

Wertung: 4,0 (von 5,0)

3 Kommentare leave one →
  1. 22. August 2011 17:45

    Das Buch ist vom Thema her nicht unbedingt etwas für mich, hört sich aber trotzdem gut an.

    Ich bin bei Covern ja gerne kritsch, aber selbst der unkritischste Mensch wird Probleme haben, dieses Cover gut zu finden. Für das Brutterbrot würde ich zu gerne mal die Beweggründe des Verlages hören.

    • 28. August 2011 08:40

      Hat da niemand mal angefragt? Die Erklärung würde mich nämlich auch brennd interessieren.

Trackbacks

  1. Versuchungen im August «

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s