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Maria Susi – Weibliche Romanhelden in der Diskussion

1. September 2011

Ich möchte mal wieder ein Thema aufgreifen, das vor etwa  2 Wochen durch amerikanische Bücherblogs ging und mir selbst ein paar weiterführende Gedanken zum Thema weibliche Romanhelden machen. (Ja, ich bin etwas spät dran, aber in letzter Zeit tendiere ich dazu, meine Meinungen mehrmals zu hinterfragen und bin nicht so schnell mit dem „Publizieren“-Button).

Ursprung ist ein Artikel von Autorin Holly Black zum Thema Mary Sue, der wiederum auf einigen anderen Diskussionen und Meinungen beruht; aber ihrer ist der, der im Moment am häufigsten aufgegriffen wird.

Ich glaube der Begriff Mary Sue ist im deutschen Sprachraum nicht ganz so verbreitet, wenn man nicht gerade Berührungspunkte mit der Fanfiction-Szene hat. Von genau dort stammt der Begriff nämlich. Es handelt sich hierbei um zu perfekte und deshalb ärgerliche Figuren, die von ihren Autorinnen in das Universum ihres Lieblingsbuches/Lieblingsfilms hineingeschrieben werden. Eine Mary Sue ist meist das überperfekte Selbst der Fanfiction-Autorin und dient dazu, ihre Wunschträume zu erfüllen. (Beispiel: Plötzlich taucht die wunderschöne Susi in Hogwarts auf und natürlich verlieben sich Harry (und alle anderen Jungs) unsterblich in sie).
Längst ist dieser Begriff aus der Fanfictionszene herausgewachsen und wird auch in Rezensionen häufig benutzt, wenn es darum geht, eine überperfekte, ärgerliche Romanheldin zu beschreiben.

Dass dieser Begriff mittlerweile zu häufig und zu nachlässig verwendet wird, ist eines der Dinge, die Holly Black kritisiert.


Ihrer Meinung nach ist es nicht sinnvoll, diesen Begriff außerhalb der Fanfiction zu verwenden:

„The problem with using this term outside of fanfiction is simple: the world of a novel has always configured around main characters. They are at its center and, often, they are the best at stuff. […]
So when a book is about a girl who is the best at something and about the boys (and/or girls) that love her and how she defeats the bad guy, well, that’s because she’s the protagonist. It is good and right that she be at the center of the story.
[…]
Hence, applying the term Mary Sue to original characters in an original story requires a great deal of care, because some of the hallmarks of the Sue only make sense in the context of her being inserted into a world where she’s not the protagonist. The Mary Sue warps the story; the female protagonist is the story.“

Holly Black sieht durchaus, dass „Mary Sue“ oft gar nicht mehr in diesem eigentlichen Sinne verwendet wird, sondern oft für allgemein ärgerliche weibliche Charaktere benutzt wird, und kritisiert das:

„We can’t keep applying the term so broadly if we want it to mean anything at all.“

Und plötzlich sind wir bei einer feministischen Sichtweise:
„We can’t hold female characters to totally different standards than the ones we hold male characters to, or we ladies are going to back be in the kitchen making jello surprise before long.“

„We can’t hold female creators to different standards or speculate about their relationships to their own characters or discuss their appearance or (a) we will make proponents of New Criticism cry (b) jello surprise again (c) we will be in danger of believing that we can peer into the dark heart of another — and who can assert that, truly?
Let’s not do this with male creators, either. In fact, ideally, let’s just leave the author’s intentions out of it. Many an author has thought they were writing one thing while critics have interpreted their work as being something else entirely, so whether or not an author has succeeded created a sympathetic, well-rounded female character, I think it’s fair to assume that it was his or her intention to do so.

– We need to criticize female characters and female writers, sure, so long as we’re not criticizing them first and foremost for being women. “

Der ganze Beitrag ist gefolgt von einem Meer von Zustimmungen, was ich seltsam finde, denn wo sind die „Mary Sue“-Verwender, die ihren Standpunkt verdeutlichen? Zumal der Artikel finde ich an einigen Stellen Fragen aufwirft.

Mir ging das Thema einige Tage durch den Kopf und ich dachte, ich gebe mal meinen Senf dazu. (Dazu muss ich anmerken, dass es sich hier wirklich nur um meine persönliche Sichtweise handelt, die natürlich davon beeinträchtigt ist, dass ich nicht aus dem Kulturkreis stamme, in dem die Diskussion geführt wird.)

Meine Freunde und ich verwenden den Begriff nämlich durchaus auch („Was für eine Sue…!“), aber wir tun es nicht mehr im eigentlichen Fanfiction-Sinne. Wir benutzen ihn für Figuren, die sind, wie es die klassische Mary Sue ist: zu perfekt, um glaubwürdig oder auch nur sympathisch zu sein. Und ich habe den Eindruck, dass wir da nicht die einzigen sind, sondern dass dieser Begriff sich mittlerweile gewandelt hat und tatsächlich zum Universalbegriff für diese Art Heldin geworden ist.

Es scheint mir auch, dass Holly Black das weiß. Denn sie kritisiert ja auch, dass der Begriff zu häufig und vor allem außerhalb der Fanfiction verwendet wird. (Ich kann das nachvollziehen, aber Sprache wandelt sich nun einmal und ich denke, dieser Begriff hat das auch getan.)
Gleichzeitig ist aber einer ihrer Hauptkritikpunkte, dass dem Autor mit der Verwendung des Begriffs „Mary Sue“ eine Intention unterstellt wird, die eventuell gar nicht zutreffend ist.
Aber wenn, wie sie vorher kritisiert, der Begriff gar nicht mehr im eigentlichen Sinne benutzt, sondern allgemein für ärgerliche/zu perfekte Heldinnen verwendet wird, dann dürfte es ja auch nicht die Absicht der meisten Rezensenten sein, dem Autor damit unterstellen zu wollen, dass er sich selbst in die Geschichte hineinschreibt. Sondern dann ist es eher Kritik an seiner Figur.

Das Argument, dass die Heldin der Geschichte toll sein muss, weil sie nun einmal die Heldin ist, finde ich albern. Nicht, dass ich lauter Antiheldinnen will, aber ich möchte ausgeglichene Heldinnen. Gerade die Figuren, die oft als „Mary Sues“ bezeichnet werden sind nicht nur toll, sie sind so toll, dass es nervt. Sie haben keine Persönlichkeit außer dem Tollsein. Sie sind zu glatt, um sie wirklich zu mögen, obwohl jeder in dem Buch sie mag. Für schlecht konstruierte, flache Charaktere gibt es keine Entschuldigung, auch nicht die, dass es doch schließlich die Heldin ist. Das ist einfach ein Totschlagargument.

Am Interessantesten finde ich tatsächlich das Feminismusargument, wenn sie es mir hier auch etwas zu weit treibt. Ich glaube nicht, dass weibliche Autoren dafür kritisiert werden, dass sie weiblich sind. Aber dass man als Frau auf andere Frauen einen kritischeren Blick wirft als auf Männer, das ist mir auch im beruflichen Alltag schon aufgefallen. Frauen behindern sich gerne gegenseitig und lassen dann Männer an sich vorbeiziehen. Auf der anderen Seite: Eine unausgegorende Romanfigur ist eine unausgegorene Romanfigur, da nerven mich Männer ebenso wie Frauen. In meiner Lektüre kommen aber nun einmal überdurchschnittliche viele weibliche Helden vor, also habe ich notgedrungen an denen häufiger etwas auszusetzen.

Für mich klingt einiges in dem Artikel nach gekränktem Autorenstolz. Der Begriff „Mary Sue“ wird mit Sicherheit oft zu Unrecht verwendet, weil Menschen nun einmal verschiedene Meinungen haben und auch nicht immer fair urteilen. Und ich verstehe, dass es durchaus auch Druck für den Autor bedeutet, wenn er eine tolle Heldin erschafft und Angst haben muss, dass sie „zu toll“ für so manchen Leser ist. Und dass es nervt, dass der Stempel „Mary Sue“ gerne mal willkürlich ausgeteilt wird, einfach nur um eine Figur abzutun, die man persönlich nicht mag. Aber das wird nicht einfach verschwinden, wenn der Begriff verschwindet oder man dem Kind einen anderen Namen gibt.
Überdies sind Autoren nicht perfekt, nur weil sie publiziert wurden. Auch sie sind nur Menschen, die sich ähnlich wie die 14jährige mal zu sehr mit ihren Helden identifizieren oder zu sehr versuchen, sie positiv wirken zu lassen. Warum soll es das nur in der Fanfiction geben?

Und wenn ich mich einmal etwas weiter entferne vom Inhalt des Artikels, stelle ich mir die Frage, warum wir diesem Begriff in letzter Zeit so häufig begegnen. Vielleicht liegt es ja wirklich an den Heldinnen, die wir in letzter Zeit so oft vorgesetzt bekommen. Die Mädchen, die nur darauf warten, die einzige Auserwählte des wundertollen, übersinnlichen Jungen zu werden, der hunderte von Jahren einsam durch die Lande gewandert ist, nur um sich in sie zu verlieben? Diese Mädchen, die eigentlich kaum nennenswerte Charaktereigenschaften haben, damit die Leserin sich selbst besser an ihre Stelle einfügen kann? Womit wir wieder beim Thema „Selbsteinfügung“ wären und beim Ursprung des klassischen „Mary Sue“-Begriffs, womit sich der Kreis schließt.
Vielleicht sind es ja diese Heldinnen, die den Lesern auf den Keks gehen und sie überall „Mary Sues“ sehen lassen.

Mehr als die Kritik an weiblichen Figuren von weiblichen Autoren finde ich das frauenfeindlich, was uns viele dieser Autorinnen mittlerweile vorsetzen. Heldinnen, die nicht mehr im Kopf haben als die große Liebe und zur Erfüllung derselben nahezu alles aufgeben. Heldinnen, die ständig über die eigenen Füße stolpern, von Männern gerettet werden müssen und keine Ambitionen im Leben haben.
Ich verurteile diesen Typ Heldin nicht generell, eine Monokultur superemanzipierter Kampfmädchen wäre auch alles andere als wünschenswert. Es sind mehr die Häufung und die Austauschbarkeit dieser Mädchen, die mir auf den Keks gehen. Und es ist der Erfolg dieser Figuren, der mich nachdenklich macht.

Was denkt ihr darüber? Kennt und nutzt ihr den Begriff „Mary Sue“? Was sagt ihr zu Holly Blacks Ausführungen? Wie denkt ihr über die modernen weiblichen Protagonisten?

10 Kommentare leave one →
  1. 2. September 2011 14:10

    Amen! Mal wieder ein toller Bericht von dir.
    Ich finde Holly Blacks Begründung, dass ihr Charakter ja schließlich die Hauptfigur ist und der männliche tolle Typ sich natürlich in sie verliebt, schließlich geht es darum ja in dem Buch, auch etwas schwach. Ich verstehe, was sie meint, also dass man sich als Leser nicht beschweren braucht, wenn man ein Buch über z.B. eine Vampir-Frau liest, dass der ständig spannende Sachen passieren und dass Typen sich in ihr umwerfendes Aussehen verlieben. Es ist einfach eine Frage WIE man es schreibt und präsentiert. Man kann seine Figur auch zum Held des Buches machen ohne, dass sie total perfekt ist und auch ohne, dass ihr nie etwas Gutes wiederfährt.

    Ich denke auch gar nicht, dass nur weibliche Figuren als Mary Sues kritisiert werden. Gibt ja nicht umsonst inzwischen auch die Gary Stues😉 Und die typischen „düsteren Badboys“ tauchen inzwischen auch zu Genüge auf und werden auch entsprechend kritisiert.

    Ich persönlich kannte den Begriff Mary Sue, nutze ihn selbst aber kaum und er ist mir auch in Rezensionen noch nicht übermäßig oft aufgefallen.

    • 2. September 2011 14:23

      Danke🙂 Gut zu wissen, das ich nicht die Einzige bin, die Teile ihrer Argumentation schwach findet.

      Stimmt, die Jungs, die allzuoft nur hübsch und geheimnisvoll und sonst nichts sind, kriegen derzeit auch ganz gut ihr Fett weg. Gerade von Frauen.

      So oft sehe ich ihn eigentlich auch nicht in Rezensionen, obwohl ich eigentlich mehr englische als deutsche lese. Aber vielleicht lese ich nur einfach nicht die richtigen, den Autoren schien dieses Thema ja am Herzen zu liegen, so wie dieser Artikel durch die Autorenblogs wanderte.

      • 2. September 2011 16:15

        Ich finde das eh immer fragwürdig, wenn Autoren sich so über Rezensionen aufregen. Ob sie die lesen, müssen sie für sich selbst entscheiden, aber an sich finde ich, dass Autoren sich dazu nicht groß äußern sollten. Ich find das auch immer ganz furchtbar, wenn Autoren bei GoodReads unter den Reviews die Texte kommentieren, v.a. wenn sie versuchen irgendetwas zu erklären, was kritisiert wurde.

        • 4. September 2011 21:01

          Oh ja, das ist wirklich schlimm. Vor allem weil sie sich die kleinen Seitenhiebe, nicht verkneifen können, die sich oft wie „Du dummer Leser hast das Buch einfach nicht verstanden!“ lesen.

  2. 4. September 2011 20:23

    Da ich ja kaum auf englischsprachigen Blogs unterwegs bin habe ich von „Mary Sue“ bis jetzt gerade noch nie gehört bzw. gelesen. Faszinierend. Es kommt mir allgemein so vor, als würden die englischen und amerikanischen Autoren mehr über ihre Leser meckern als die deutschen😄
    Gut, dass es im Deutschen so eine Charakterisierung gar nicht gibt. Wir können einfach schreiben „Die Protagonistin ist zu perfekt und inhaltsleer“ und dahinter steht dann nicht automatisch „und die Autorin wollte ihr Überich einfach selbst ins Buch schreiben“.

    • 4. September 2011 20:34

      Stimmt, von den deutschen Autoren kriegt man selten Rumgemecker mit. Ich glaube viele von denen sind einfach auch nicht so sehr in die Internetwelt integriert wie die amerikanischen.

      • 4. September 2011 20:55

        Jein. Ich habe das auch schon von deutschen Autoren gesehen. Ich erinnere mich nur an Patricia Schröder, die sich selbst eine Amazonrezension schrieb, um sich gegen kritische Leserstimmen zu verteidigen. Wobei sie daraus sicher auch gelernt hat …

    • 4. September 2011 20:59

      Ich sage mal so: Der Begriff hat schon seine Funktionalität, weil er eine Reihe von Eigenschaften ausdrückt, die man bei uns erst sehr umständlich erklären muss. Ich mag solche Schlagwörter. Aber, wie Holly Black ausführt, ist das natürlich auch mit Problemen verbunden, weil vielleicht nicht jeder das gleiche darunter versteht oder er willkürlich verwendet wird.

  3. 11. September 2011 20:00

    Ich verwende den Begriff „Mary Sue“ durchaus auch – und zwar ebenfalls außerhalb der Fanfictions. Für mich ist ein Paradebeispiel für eine „Mary Sue“ die liebe Ayla aus der Serie von Jean M. Auel. Ayla ist in allem, was sie tut, überragend. Sie ist so wunderschön und so besonders, dass sie von allen ständig bestaunt wird und sich die Männer reihenweise in sie verlieben. Sie erfindet fast alle wichtigen Errungenschaften der Steinzeit im Alleingang. Und sie ist natürlich völlig bescheiden, selbstlos, nett, hilfsbereit, … Und ihre Vergangenheit ist natürlich äußerst bewegt und tragisch.
    Genau das ist für mich eine Mary Sue und auf diese Weise verwende ich auch den Begriff. Da die meisten in meinem Umfeld darunter so ziemlich dasselbe verstehen, ist das schon recht praktisch, wenn man mit einem Schlagwort recht schnell zum Ausdruck bringen kann, was für eine Art von Figur man in manchen Romanen vor sich hat. In Rezensionen allerdings habe ich diesen Begriff noch nicht verwendet (glaube ich).

    Und die derzeitige Häufung an Heldinnen, die permanent vom tollen Mann gerettet werden müssen und in ihrer Liebe zu ihm den einzigen Sinn ihres Lebens sehen, macht mich auch nachdenklich. Was ist das für ein Frauenbild, das momentan einen großen Teil der Neuerscheinungen beherrscht? Ich finde das inzwischen wirklich schon bedenklich.

    • 13. September 2011 10:05

      Ja, das klingt ganz nach dem, was ich auch unter dem Begriff bestehe. Das bestätigt meine Ansicht, dass der Begriff sich einfach weiterentwickelt hat und es durchaus einen Konsens gibt, was für eine Art Heldin er charakterisiert.

      Es wäre interessant zu wissen, warum junge Frauen derzeit so gerne über solche Heldinnen lesen und warum Autorinnen sie schreiben.

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