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Wenn Literaturwissenschaftler sich lächerlich machen

18. Oktober 2011

Ein außerordentlich unfreiwillig komischer Artikel ist dieser Tage in der FAZ Online erschienen. Er hat schon ein wenig die Runde gemacht, aber ich will es mir doch nicht nehmen lassen, auch noch meinen Senf dazu abzugeben.

Unter dem Titel „Literaturkritik im Videoblog – Ein zarter Flirt mit dem Warenfetisch“ lässt sich Literatur- und Medienwissenschaftler Harun Maye über den gemeinen Buchvlogger aus.
Und das klingt dann so:

„Was bei Computerspielen, Popmusik oder Filmen längst üblich ist, die Rezension von Usern für User, ist inzwischen bei der Literatur angekommen. Man muss akzeptieren, dass Literaturkritik heute so klingt: „Das ist wirklich eine sehr süße Geschichte: es geht um Zeitreisen und natürlich jede Menge Liebe, erste-Liebe-mäßig“

Amüsantes Detail schon zu Beginn: Das für die Beobachtungen herangezogene und natürlich als allgemeingültig ausgegebene Beispiel ist gar keine „Literaturvideobloggerin“, wie unter ihrem Portrait zu lesen ist. xKarenina (oder kurz Reni) ist eine der erfolgreichsten deutschen Make-Up-Vloggerinnen auf Youtube. Die eben ab und an auch über Bücher plaudert. Ich wüsste nicht, dass sie selbst je behauptet hätte, dass das, was sie da macht, „Literaturkritik“ sein soll.

Man mag sie mögen oder nicht, aber sie ist mit Sicherheit kein gutes Beispiel für eine Literaturvloggerin. Aber das ist ja eigentlich ganz egal, denn sie ist mit ihrer kindlichen Begeisterung und ihrem Faible für Schminke eine geradezu wunderbare Vorlage, um einen überheblichen Artikel zu schreiben, in dem man Leserkritik im Netz als grundweg nicht ernstzunehmen darstellen kann.

Was ist eigentlich das Hobby dieser Herren, die für den Artikel verantwortlich sind? Kleinen Kindern den Lolli wegnehmen? Ähnlich schwer ist es nämlich, sich über die Begeisterung junger Frauen angesichts trivialer Unterhaltungsliteratur lustig zu machen.

Warum diese Bissigkeit, meine Herren? Es ist doch nicht so, als würden diese Mädels eurer ernsthaften Literaturkritik Konkurrenz machen, denn das, was die lesen, würdet ihr doch nicht einmal mit dem Hinterteil ansehen.
Und zu welchen Zeiten haben bitte junge Menschen „zwischen 19 und 25“ ausgefeilte Literaturkritiken geschrieben? Noch dazu zu reiner Unterhaltungsliteratur?
Aber vielleicht ist die Konkurrenz ja doch die, die nicht genannt ist in diesem Artikel. Die Blogger, die sich tatsächlich online ernsthaft mit für das Feuilleton relevanter Literatur auseinandersetzen und die hier mal fröhlich in einen Topf mit den „Marzipanherzenmädchen“ geworfen werden.

Ihr mögt ja tolle, anspruchsvolle Literatur lesen, aber sie hat euch offenbar nicht beigebracht fair und differenziert zu berichten. Und im Gegensatz zu euch, die ihr die Kommentarfunktion deaktiviert habt, setzen sich diese Marzipanherzenmädchen mit der Kritik ihrer Zuschauer auseinander.

20 Kommentare leave one →
  1. 18. Oktober 2011 15:51

    Lächerlich ist wirklich das einzige, was einem dazu einfällt. Und ich ärgere mich wirklich, das die Kommentarfunktion bei der FAZ ausgeschaltet ist.

    Da bin ich doch gerne ein Marzipanherzenmädchen, das auch mit Kritik umgehen kann und Spaß am Lesen und dem Meinungsaustausch hat.

    Mich würde aber interessieren, was die betroffene Vloggerin davon hält.

    • 18. Oktober 2011 19:34

      Irgendjemand meinte, sie hätte sich auf Twitter dazu geäußert, aber da ihre Tweets nicht öffentlich sind, weiß ich nicht, ob das so stimmt.

      Das mit der ausgeschalteten Kommentarfunktion ist schon wirklich schwach.

  2. 18. Oktober 2011 17:48

    Das sind so Momente, in denen ich mich fast dafür schäme, Germanistik studiert zu haben. %-)
    Sind die bei der FAZ tatsächlich nicht in der Lage, Literaturkritik und Leseeindrücke voneinander zu unterscheiden? Man muss nicht Literaturwissenschaft studieren, um seine Meinung zu einem Buch äußern zu dürfen. Und man muss sich auch nicht für den eigenen Geschmack rechtfertigen – darf man nicht lesen und eine Meinung dazu haben, wenn man „Bestsellerlistenschrott“ (alleine dieses Wort!) liest?
    Boah, ich könnte mich darüber so aufregen, umso mehr, weil ich im Studium einfach viel zu vielen Leuten begegnet bin, von denen ich genau solche Aussagen erwarte.

    Das ist einfach nur erbärmlich und peinlich. Und ich wünschte wirklich, ich könnte da einen bitterbösen Kommentar druntersetzen.

    • 18. Oktober 2011 19:31

      Das ist etwas, was mich am Unibetrieb immer gestört hat. Diese distanzierte, leicht überhebliche Wissenschaftlerperspektive, die manche an den Tag legen. Die alles von oben herab seziert und bewertet, ohne wirklich verstehen zu wollen. Ich saß vor einigen Monaten in einer Jugendliteraturtagung, wo Literaturwissenschaftler schlaue Dinge über die Beweggründe von Jugendlichen dieses oder jenes zu lesen von sich gaben. Als eine der Anwesenden plötzlich die brechtigte Frage stellte, warum man nicht auch Jugendliche eingeladen hätte, um deren Perspektive besser verstehen zu können, wurde sie entsetzt und naserümpfend angeschaut. Daran erinnere ich mich immer, wenn ich solche Artikel lese.

      Statt Kommentar bleibt noch immer Leserbrief.

  3. 18. Oktober 2011 18:44

    Habe den Artikel vorhin auch gelesen und mich gefragt, womit sich der Herr diese Kritik eigentlich herausnimmt. Ist ja nicht so als würden die „Buchmädchen“ mit Pauken und Trompeten behaupten sie wären Literaturgötter. Also wirklich, solange die niemandem zu nahe treten und sich für die neue Kritikerelite halten, darf doch bitte noch jeder machen was er will ohne sich solche Artikel anhören zu müssen.

    • 18. Oktober 2011 19:09

      Bin auch völlig deiner Meinung. Aber tatsächlich bezeichnen sich einige dieser Damen als „Buchgurus“. Zwar keine Götter, aber immerhin😉

      • 18. Oktober 2011 19:25

        Nun ja, das Wort „Guru“ stammt ja von Youtube selbst und ist die Bezeichnung für Leute, die anderen Tipps geben. Ich denke, dass man das nicht so wörtlich nehmen darf.

        • 18. Oktober 2011 20:24

          Ach so ist das! Ich hatte den Begriff Buchgurus auch ab und zu schon gehört, mir aber nichts weiter dabei gedacht. Gut zu wissen, dass der von YouTube stammt.

  4. 18. Oktober 2011 19:20

    Ich bin auch gerade auf den Artikel gestoßen und hab dann mal bei Google geschaut welche Blogs sich so damit beschäftigen. Was der Herr „Literatur- und Medienwissenschaftler“ Maye sich da herausnimmt, ist an Peinlichkeit kaum noch zu überbieten. Die betreffende Bloggerin dann noch mit Foto im Artikel abzubilden ist derartig boshaft, dass ich nicht verstehen kann, was die FAZ sich dabei gedacht hat. Das ist nun mittlerweile schon der dritte Fall von „ernsthafter Literaturkritiker gegen Bloggerlächerlichkeit“, von dem ich im letzten Monat gelesen habe. Man muss sich wirklich fragen, wovor die Herren (denn das sind sie bemerkenswerterweise meist) Angst haben.

    Was mir der Artikel auf jeden Fall mal wieder vor Augen geführt hat, ist wie schutzlos man der Öffentlichkeit preisgegeben ist, sobald man sich mit Namen, oder sogar mit Video ins Netz stellt. Bloggen ist eben nicht nur ein Hobby, es ist öffentlichkeitswirksam. Und Öffentlichkeitswirksamkeit macht immer angreifbar. Nur ist es schon ein schwerer Schlag, wenn man auf solch einen Angriff überhaupt nicht vorbereitet ist (und davon gehe ich bei Reni mal aus). Schade wäre es, wenn sich nun andere Vlogger/Blogger von einem solch zynischen Beitrag ihr Hobby vermiesen lassen, denn damit würden sie ihre Fans – Menschen die einen Artikel auch dann wertschätzen können, wenn sie nicht jedes dritte Wort im Duden nachschauen müssen – um eine erhebliche Portion gute Laune bringen.

    Trotzdem: Sehr geehrter Herr Maye, vielen Dank für diese Werbemaßnahme. Ich gehe davon aus, dass die meisten FAZ Leser vorher nichts von Bloggern wussten und jetzt neugierig geworden sind. Beim nächsten mal dann aber ein bisschen weniger Bildungselite und vielleicht eine Portion Menschlichkeit. Sonst ist auch die hochtrabendste Kritik wertlos.

    • 18. Oktober 2011 19:40

      Jetzt bin ich neugierig, was sind denn die anderen zwei Beispiele?

      Ich denke, dass Reni da mittlerweile ein dickes Fell hat. Die ist schon ein alter YT-Hase und durfte sich sowohl von Presse als auch von YT-Usern schon Schlimmeres anhören. Zumindest soweit ich das mitbekommen habe. Die Überheblichkeit hat der Herr Maye leider nicht für sich gepachtet.
      Das macht sein Verhalten leider nicht wenig respektlos und unwürdig.

  5. 19. Oktober 2011 18:56

    Perfekter Kommentar nija! Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen!!!

  6. umblaettern permalink
    22. Oktober 2011 18:01

    Renis Vlogs über Bücher fand ich immer wunderbar, auch wenn sie jetzt nicht so „fundiert“ waren. Ganz einfach, weil Reni so viel Begeisterung für die Bücher rübergebracht hat, dass ich mir den ganzen Vlog von vorne bis hinten angesehen und dabei über beide Backen gestrahlt habe, weil es einfach so SCHÖN war, jemanden zu sehen, der solche Liebe zu seinen Büchern rüberbringen kann.
    Rezensionen von schnöseligen Buchkritikern lese ich meistens nicht. Leidenschaftsloser kann man Bücher doch schon fast nicht mehr betrachten.
    Die meisten Vlogger und Blogger sind keine studierten Literaturkritiker (auch, wenn viele Germanisten dabei sind…), die lesen, weil sie es mögen, weil es ihr Hobby ist und weil sie ein Buch genießen und sich unterhalten fühlen wollen. Die Vlogs und Blogs werden von Menschen gelesen, die diese Art der Leidenschaft für Bücher teilen. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man sich da bedroht fühlen kann. Das Zielpublikum ist doch völlig unterschiedlich. Ich verstehe auch nicht, wie man sich auf so ein hohes Ross setzen kann, sich für so berechtigt in seiner Meinung sehen kann, um sie im Internet zu veröffentlichen, aber nicht den Mumm hat, sich Gegenstimmen zu stellen. Vor allem, wenn man sich die unglaubliche Dreistigkeit herausnimmt, andere Menschen mit Namen und Bild vorzuführen. Für mich sagt das genug aus….

    • 24. Oktober 2011 20:31

      Ich kannte Reni ja auch schon vorher und sehe ab und an auch ihre Videos. Wobei ich bei den Buchvideos schon meistens ganz schnell wegklicke. Aber nur weil ich damit nichts anfangen kann, heißt das ja nicht, dass das nicht seine Berechtigung hat.

      Generell ist es wohl frustrierend für Journalisten, dass Meinungsführerschaften immer mehr auf Blogger und Vlogger verschieben. Ich kann das teilweise verstehen. Über die Qualität vieler Rezensionen und der Frage, wie ehrlich und authentisch sie wirklich sind, könnte man tatsächlich diskutieren. Nicht umsonst haben Amazon-Rezensionen so einen schlechten Ruf weg. Aber nicht immer erfüllen die Buchvorstellungen in Blogs und Vlogs wirklich eine rein beurteilende Funktion. Meist ist es, wie du schon angedeutet hast, ja einfach der Wunsch, das Gelesene mit anderen zu teilen.

      Diese Buchvorstellungen von Lesern im Netz sind ein spannendes, vielseitiges Phänomen, mit dem man sich lange auseinandersetzen könnte. Die Chance hat dieser Artikel vertan, indem er versucht hat diese Bewegung im Gesamten abtut. Dazu bedient man sich dann auch noch einer jungen Frau, die man öffentlich lächerlich macht. Weder wissenschaftlich noch journalistisch professionell. Und Niveau hat das auch nicht gerade.

  7. 22. Oktober 2011 18:41

    Das ist eben die FAZ, etwas anderes hätte ich zu dem Thema von der Zeitung leider auch nicht erwartet.

    • 24. Oktober 2011 20:33

      Wobei ich von einem „Medienwissenschaftler“, der da ja interviewt wird etwas anderes erwartet hätte. Gerade ein Wissenschaftler sollte doch so ein Thema differenzierter erfassen können.

  8. 23. Oktober 2011 05:56

    Eine lächerliche Selbstdarstellung, mehr nicht. Ich habe auch etwas dazu geschrieben: http://amandasfocus.blogspot.com/2011/10/literaturkritiker-in-der-midlifecrisis.html

  9. 24. Oktober 2011 14:00

    Lustiger Artikel! Ich finde es immer wieder amüsant, wenn jemand sich anmaßt, Kritik zu üben und seine Hausaufgaben so dermaßen offensichtlich nicht gemacht hat. Wer sich auch nur ein kleines bisschen im Netz auskennt, der weiß, dass Reni keine Literaturvloggerin ist. Und wer sich nicht auskennt, der kann sich auch mal die Mühe machen und sich ein bisschen in die Materie einlesen. Das kann ich von einem bezahlten Schreiber nun wirklich erwarten. Dass keine Kommentare zugelassen sind, sagt aber doch schon alles.
    Sehr süß finde ich übrigens auch das McLuhan-Zitat. Für irgendwas muss das Medien-Studium ja gut gewesen sein.

    • 24. Oktober 2011 20:39

      Ich bin mir nicht sicher, ob er tatsächlich seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, also als „Medienwissenschaftler“ wirkich so ahnungslos ist, oder ob das nicht alles pure Absicht ist. Ich halte es ja für wohlkalkuliert, dass man sich keine der Literaturvloggerinnen, sondern eines der umstrittenen Make-Up-Mädchen ausgesucht hat, weil sie die größte Angriffsfläche bietet und man so fröhlich dem Kulturpessimismus frönen kann, den unsere Möchtegernintellektuellen so sehr lieben.

      • 25. Oktober 2011 14:55

        Auch möglich. Dann frage ich mich nur, was ich schlimmer finden würde.:-/

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