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Bye bye Regalpflege und Kundenwahnsinn

24. November 2011

Dieser Tage habe ich meine letzten Arbeitsstunden im Buchhandel, dem ich zum Jahresende ganz den Rücken kehren werde, um mich einem anderen buchbezogenen Brötchenerwerb zu widmen. Zeit, einmal zurückzublicken auf diesen Beruf, auf den so viele noch immer einen romantisch verklärten Blick haben und den ich jetzt nach mehreren Jahren mit einem lachenden und einem weinenden Auge hinter mir lasse.

Meine Ausbildung habe ich in einer Großbuchhandlung absolviert. Ich sehe einige schon schief gucken, weil man ja von den bösen Großen nicht die beste Meinung hat. Angeblich arbeitet da ja nur ungelerntes, an Büchern nicht interessiertes und total inkompetentes Personal. Über das Thema Arbeit in der Großbuchhandlung und den Kampf mit den Vorurteilen könnte ich mittlerweile ganze Seiten füllen, deshalb belasse ich es einfach dabei zu sagen, dass ich es anders erlebt habe. Tatsächlich habe ich es nie bereut. Als Auszubildende eines großen Unternehmens wurde man oft zu eigens für uns organisierten Verlagsveranstaltungen eingeladen, es gab regelmäßig innerbetriebliche Lehrvorträge, eine wöchentliche Azubirunde, in der sich gegenseitig Bücher vorgestellt und Wissen vermittelt wurde. Die ganze Ausbildung war also gut strukturiert und organisiert.
In einer Buchhandlung mit breitem und tiefen Sortiment zu arbeiten, bietet zudem die Möglichkeit in alle Bereiche hineinzuschnuppern, man bekommt viele Bücher in die Hände und wird durch ein hohes Kundenaufkommen bisweilen sehr gefordert.

Ich würde sagen, dass die Ausbildung andere Schwerpunkte hatte, als die in einer kleinen Buchhandlung. Aber sie war definitiv nicht schlechter, in manchen Fällen sogar besser, weil bei den Kleinen auch nicht alles Gold ist, was glänzt, und ich von einigen damaligen Mitschülern aus der Berufsschule weiß, dass ihr Chef sich nicht die Bohne darum geschert hat, sie gut auszubilden.

Für mich war es rückblickend betrachtet der richtige Weg und ich ziehe den Trubel in einem Großen der Heimeligkeit einer kleinen Buchhandlung noch immer vor. Was die Arbeitsbedingungen und die Geschäftspolitik der jeweiligen Unternehmen angeht, das steht auf einem anderen Blatt.
Übrigens sollte das auch keine Werbung für die Ausbildung in einer Großbuchhandlung sein. Die haben sich seit meiner Zeit teilweise stark gewandelt. Zudem liegt es mir fern, da Empfehlungen abzugeben.

Neulich war ich auf einer Party, wo ich mich lange mit einer jungen Lehrerin unterhielt, die mich fragte, warum ich aufhören möchte, sie stelle sich die Arbeit in einer Buchhandlung „total schön“ vor. Klar, der Beruf ist noch immer verbunden mit der Vorstellung des hinter seiner Theke schmökernden Buchhändlers, der seinen gebildeten Kunden schönen Lesestoff empfiehlt. Letztlich ist es aber ein Beruf, in dem man mindestens so gut mit Menschen wie mit Büchern können muss. Das Lesen kommt nach der bezahlten Arbeitszeit, am Abend und am Wochenende (wie bei fast allen „Buchberufen“). Im Laden ist man für die Kunden da. Und die sind nicht immer gebildet oder auch nur zivilisiert. Sie sind auch nicht immer nett. Sie sind auch mal rechthaberisch, unverschämt, ungepflegt, cholerisch und gelegentlich sogar regelrecht bösartig. Viele Kunden grüßen nicht, sondern werfen einem die Frage einfach nur ins Gesicht. Viele bedanken sich auch nicht, sondern drehen sich nach erhaltener Auskunft einfach um und gehen.
Der Anteil der angenehmen oder neutralen Kunden überwiegt zwar, aber diese kleine Teil von „besonderen Persönlichkeiten“ und ihre Art mit einem umzugehen ist etwas, was man wegstecken können muss. Wenn dich jemand minutenlang nur im Befehlston anmotzt und dich am Ende noch als inkompetent bezeichnet, wogegen du dich nur begrenzt wehren darfst und kannst, brauchst du schon viel innere Ruhe und Gelassenheit, um das nicht an dich ranzulassen. (Erinnert sich jemand noch an den tollen Buchhändlerinnenblog von Acivasha, der ja mittlerweile schon lange dahingeschieden ist? Da konnte man das ganz eindrucksvoll mitlesen.)

Das war auch einer von vielen Gründen, warum ich nach einigen Jahren wusste, dass ich das nicht mein Leben lang tun kann. Ich habe Stunden reduziert und begonnen zu studieren. Es war faszinierend, wie sich meine Einstellung zur Arbeit und zu den Kunden veränderte, nachdem ich sie nicht mehr jeden Tag hatte. Mir fiel es leichter, mit unfreundlichen Kunden umzugehen und es ging mir auch nicht mehr so nahe. Ich glaube, dass ich heute den Beruf in Vollzeit zufriedener und entspannter ausüben könnte, aber es sind ja nicht die Kunden allein. Es ist auch die schlechte Bezahlung. Und die Arbeitszeiten, die einen schnell von Wochenendaktivitäten mit Freunden ausschließen, weil man Samstags meistens im Laden steht und hinterher nur noch unter die Dusche und ins Bett will, weil dieser Beruf geistig wie körperlich ziemlich fordernd sein kann. Und es ist auch die Entwicklung der Branche, in der der Beruf des Sortimentsbuchhändlers nicht gerade der mit der traumhaftesten Zukunftsperspektive ist.

Ich würde niemandem generell von dem Beruf abraten, er hat auch viele tolle Seiten. Buchhändler sind ein ganz besonderer Menschenschlag und die Branche an sich ist toll – trotz einem schon fast liebenswerten Hang zur Unzufriedenheit. Es ist spannend die neuen Verlagsprogramme hautnah mitzubekommen, mit Vertretern zu sprechen und neue Titel einzukaufen. Diese ständige Bewegung, dass immer etwas Neues kommt, hat mir immer besonders gefallen.
Obwohl der Umgang mit Kunden, wie man lesen konnte, nicht immer ganz einfach ist, man begegnet auch vielen spannenden und interessanten Menschen. Mit anderen über Bücher zu reden oder sie zu empfehlen kann sehr viel Spaß machen. Und es gibt nichts Befriedigenderes, als einen Kunden, der die Woche drauf noch einmal kommt und sagt: „Sie haben mir das letzte Mal so ein tolles Buch empfohlen …“
Bücher zu präsentieren und zu verkaufen mag ich mindestens so sehr, wie sie zu lesen.
Trotzdem: Für mich haben die schönen Seiten nicht gereicht, um mich zu überzeugen, dass ich diesen Beruf 30-40 Jahre ausüben kann, ohne irgendwann sehr unzufrieden zu sein. Wer weiß, vielleicht kehre ich ja irgendwann zurück, aber für den Moment bin ich nicht traurig, den Job für’s Erste hinter mir zu lassen. Trotzdem werde ich wohl weiterhin in fremden Buchhandlungen den Drang unterdrücken müssen, schiefe Bücherstapel geradezurücken.

6 Kommentare leave one →
  1. 25. November 2011 09:37

    Ich bewundere jeden Verkäufer (egal von welchen Produkten), der bei den heutigen Kunden immer ein Lächeln auf den Lippen behält. Das würde mir ganz schön schwerfallen!

    Bücherstapel gerade zu rücken mache ich übrigens auch immer, das ist ein innerer Drang! Ich wünsche dir ganz viel Glück, Erfolg und natürlich auch Spaß mit deinem neuen Beruf.

  2. 27. November 2011 23:07

    Ich selbst habe ja nur etwas über ein Jahr als Aushilfe in einer kleinen Buchhandlung gearbeitet (immerhin mehrmals die Woche) und muss gestehen, dass ich anfangs auch etwas andere Erwartungen hatte.

    Die von dir beschriebenen Muffelkunden habe ich auch regelmäßig erlebt. Die vermisse ich wirklich nicht, auch wenn man die natürlich in anderen Bereichen auch hat. Da ich immer wusste, dass ich das alles nur als Aushilfe mache, habe ich so etwas nie an mich rangelassen und bin auch dem blödesten Kunden mit einem ganz besonders netten Lächeln begegnet.
    Das Jahr im Buchladen hat mir aber auch gezeigt, dass ich diesen Beruf gar nicht auf Dauer würde ausüben wollen. Die Bezahlung und die Arbeitsstunden sprichst du ja schon an. Ich selbst konnte mich da als Aushilfe zwar nicht beschweren, habe aber natürlich bei meinen Kollegen gesehen, wie viele Stunden sie im Laden standen und wie wenig am Monatsende finanziell dabei rauskam.

    Was ich aber besonders schade fand: Mit den allerwenigsten Kunden konnte ich meine Liebe zu Büchern wirklich teilen. Die meisten haben nur ein schnelles Geschenk gesucht (ohne zu wissen, ob und was der Beschenkte überhaupt liest) oder waren mit einem Griff ins Bestsellerregal zufrieden. Das hat mich, ehrlich gesagt, sehr frustiert. Da macht mich das Bloggen über Bücher doch wesentlich glücklicher.🙂

    • 28. November 2011 19:52

      In der Zeit, in der ich nur noch Teilzeitkraft war, fiel es mir auch viel leichter unfreundiche Leute einfach nur besonders freundlich zu behandeln und sie Abends einfach zu vergessen. Wenn man nicht jeden Tag dort ist, kann sich so etwas auch nicht so aufstauen. Wenn ich wieder in dem Beruf arbeiten würden, dann wohl am ehesten wieder als Teilzeitkraft.

      Daran, dass die meisten Kunden die Liebe zum Buch nicht unbedingt mit mir teilen, habe ich mich in den letzten Jahren wohl schon gewöhnt. Da war man manchmal froh, wenn sie das Geschlecht des zu Beschenkenden kannten bzw. bei Kindern das ungefähre Alter.

  3. 28. November 2011 11:31

    Ich finde mich und die Buchhandlung in der ich arbeite in deinem Text wieder *g*
    Darf ich fragen, was du dann ab nächstes Jahr machst?

    • 28. November 2011 19:54

      *g* Ich erkenne unsere Kunden in deinen kleinen Anekdoten aus dem Buchladen auch immer wieder. Irgendwie sind sie doch alle gleich.

      Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das hier ausbreiten/ansprechen will. Bis ich mir da sicher bin, sage ich erstmal nichts. Du kannst mich aber gerne privat anschreiben.🙂

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