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[Serie] Vom Manuskript in den Buchladen – Teil 2

4. März 2012

Im letzten Teil ging es darum, wie ein Manuskript überhaupt seinen Weg in den Verlag findet. In diesem Teil wird es um den Entscheidungsprozess gehen:

Teil 2: Wie wird eine Auswahl getroffen und wie kauft man eigentlich ein Manuskript?

So, nun hat der Lektor also freie Auswahl unter Dutzenden von Manuskripten, die möglichst zeitnah geprüft und beurteilt werden sollen.

[EDIT: Mir ist – auch dank Elenas Hinweis in den Kommentaren – aufgefallen, dass ich nicht mehr spezifiziert habe, in welcher Form die Texte vorliegen bzw. nicht mehr zwischen Originalen und Lizenzen getrennt habe. Deshalb schiebe ich hier noch einen kleinen Absatz ein:
Bei deutschen Manuskripten bekommt man oft nicht gleich den kompletten Text. In der Regel gibt es ein Exposé, in dem die Idee und der Handlungsverlauf dargelegt werden und eine Leseprobe zwischen etwa 30 und 100 Seiten. Das ist auch das, was die meisten Verlage als Vorgabe für die Leute haben, die ihr Manuskript selbst einschicken. Das Exposé ist ein bißchen die Visitenkarte jedes Projekts. Es soll die Grundidee und einen groben Handlungsablauf des Romans widergeben. Das hilft dem Lektor nicht nur, kurz und knapp herauszufinden, worum es eigentlich geht, sondern an einem Exposé sieht man auch wie gut jemand komplexe Handlungsverläufe wiedergeben kann und ob er Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden kann. Wer sein Manuskript zu einem Verlag einsenden möchte, der sollte großes Augenmerk auf ein gutes, straffes Exposé legen, das nicht zu sehr ins Detail geht, aber doch aussagekräftig ist und dem Lektor möglichst Lust auf’s Lesen macht.
Bei vielen deutschen Projekten, die von Agenturen kommen, existiert oft noch nicht mehr als eben ein etwas ausführlicheres Exposé und eine Leseprobe. Oft muss man dann schon auf dieser Basis eine Kaufentscheidung fällen.
Bei den fremdsprachigen Lizenzen, die von den Agenturen angeboten werden, gibt es meistens kein Exposé, dafür liegt aber in der Regel schon der komplette Text vor. Der ist aber in einigen Fällen noch in einer Rohfassung, an der der Autor und der Lektor im jeweiligen Ursprungsland noch arbeiten.]

Wie wird nun ausgewählt?

Das eine sind die Gesichtspunkte, nach denen auch ein normaler Leser entscheidet: Ist die Geschichte gut, die Handlung logisch und reißt der Text einen mit? Ist es gut geschrieben? Und wenn das Buch Schwächen hat, sind sie gravierend oder ist zu erwarten, dass man die gemeinsam mit dem Autor noch ausmerzen kann?

Aber natürlich muss sich ein Lektor auch die Frage stellen, ob sich das Buch verkaufen lässt, immerhin ist ein Verlag ein Wirtschaftsunternehmen, das Geld verdienen muss, um existieren zu können.
Das Thema oder Genre des Buches kann da eine wichtige Rolle spielen. Zum Beispiel wenn ein Buch den Zeitgeist, eine aktuelle Stimmung oder ein kommendes Ereignis, das von breitem gesellschaftlichen Interesse ist, aufgreift. Auch Trends spielen hier eine Rolle. Werden gerade Bücher zu einem bestimmten Thema besonders gerne gelesen? Deutet sich vielleicht in den USA etwas an, was herüberschwappen könnte?
Genauso gibt es natürlich Themen, von denen man besser die Finger lässt, weil man aus Erfahrung weiß, dass diese Themen in Deutschland nicht funktionieren. Hier ist aber gute Marktbeobachtung und Fingerspitzengefühl gefragt. Vor einigen Jahren wurde gerade so ein „no go“-Genre, das jeder Verlag sofort abgewinkt hat, zum großen Trend: Der Vampirroman. Und manchmal ist es halt dann doch Glück, dass genau dieses eine Buch den Nerv vieler Menschen trifft und einen neuen Trend schafft. Dass Harry Potter von vielen erfahrenen Lektoren abgelehnt wurde, hat weniger mit deren Unfähigkeit zu tun, sondern einfach damit, dass sich manche Erfolge nicht vorhersagen und -planen lassen.

Dann spielt das Profil des Verlags eine Rolle. Bastei Lübbe würde man keine hohe Literatur abnehmen und bei Suhrkamp würde man keinen Nackenbeißer erwarten. Das ist natürlich ein Extrembeispiel, aber dazwischen gibt es noch viele weitere Abstufungen. Jeder Verlag hat idealerweise sein eigenes Profil und etwas, was er besonders gut „kann“. Dem Leser ist das vielleicht nicht immer bewusst, aber dem Buchhändler, der den Einkauf regelt, und damit die Macht darüber hat, ob die Leser ein Buch im Laden überhaupt zu Gesicht bekommen, sehr wohl.

Auch das Umfeld im Programm muss geklärt werden. Hat man vielleicht schon zwei andere Titel zu dem Thema? Sollte man sich dann wirklich mit einem dritten selbst Konkurrenz machen? Oder hatte man bereits einen ähnlichen Titel, der ein Flop war? Dann wird man wohl eher die Finger davon lassen.

Und dann stellt sich die Frage: Rechnet sich das Buch am Ende überhaupt? Wie groß ist die potentielle Zielgruppe? Wie teuer und in welcher Auflagenhöhe kann ich es anbieten? Ist das Buch zum Beispiel sehr dick, werden automatisch die Kosten für Übersetzung, Redaktion und Herstellung steigen.

Ein anderer Entscheidungsfaktor kann der Autor sein: Hat er schon einmal bei einem anderen Verlag veröffentlicht? Wenn ja, wie erfolgreich? Es kann schwer werden einen Autor durchzusetzen, wenn er schon zwei Flops hatte, weil die Buchhändler ihn dann auch zaghafter einkaufen werden.
Hat der Autor den Ruf schwierig zu sein oder kann man gut mit ihm arbeiten? Wie engagiert ist er, kann man mit ihm gut Lesungen und Signierstunden verantstalten?

Das sind nur einige Fragen, die bei der Entscheidung eine Rolle spielen können. In der Praxis wird jeder Lektor je nach Person und Verlag vielleicht noch ganz andere Kriterien haben.

Die endgültige Entscheidung, ob ein Manuskript gekauft wird, gestaltet sich in jedem Verlag etwas anders. In den meisten gibt es wöchentliche Lektoratsrunden, in denen der Verleger und die Lektoren zusammensitzen und sich vielversprechende Projekte vorstellen und entscheiden, was sie haben wollen. Teilweise haben die einzelnen Lektoren auch einen bestimmten Betrag, bis zu dem sie etwas ganz eigenständig einkaufen können. Wie gesagt, das handhabt jeder Verlag etwas anders.

So, nun hat man sich entschieden, dass man genau dieses eine Buch haben will. Also gibt man bei der Agentur ein Angebot ab. Und nun beginnt die spannende Phase: Was passiert, wenn auch noch andere Verlage interessiert sind?

Gibt es mehrere Interessenten, beginnt eine Auktion um die Lizenz. Oft weiß man nicht genau, wer sonst noch mitbietet, erfährt nur das jeweils höchste Gebot von der Agentur. Das kann manchmal über Tage gehen, in deren Verlauf einige Verlage aussteigen werden. Wenn ein gewisser Zenit erreicht ist, entscheidet der Agent, die best offer-Situation einzuleiten: Die Verlage sollen ihr letztes und bestes Angebot abgeben. Dann wird eine Entscheidung gefällt. Nicht immer erhält der Verlag den Zuschlag, der das meiste zahlt. Oft spielt auch das, was der Verlag dem entsprechenden Autor/Buch sonst bieten kann eine Rolle. Etwa, wenn es sich um einen in einem bestimmten Bereich sehr erfolgreichen Verlag handelt oder er eine besonders gute Marketingkampagne zusichert.

Eine andere Möglichkeit ist der Preempt. Ein Verlag möchte sich schnell vor allen anderen die Rechte an einem Buch sichern. Deshalb gibt er ein einmaliges, sehr hohes Angebot ab, das aber zeitlich stark begrenzt ist. Wird es innerhalb dieser Zeit nicht angenommen, verfällt es. Der Agent muss sich dann entscheiden, ob er das Angebot annimmt oder ob er denkt, dass er mit einer Auktion doch noch ein besseres Angebot bekommen würde.

Ein weiterer Begriff, der in diesem Zusammenhang interessant ist, ist die floor offer, hier setzt der Rechteinhaber ein Mindestangebot fest, unter dem nicht geboten werden kann.

Und dann gibt es noch die Option. In der Regel ist es so, dass ein Verlag, der einen Autor veröffentlicht hat, die Option auf sein nächstes Buch hat, das bedeutet, dass das Buch innerhalb einer bestimmten Frist niemand anderem angeboten wird, damit er es als erstes prüfen und ein Angebot abgeben kann.

Was ein Verlag für ein Buch bezahlt, ist extrem unterschiedlich. Bei einem kleinen Titel, für den sich niemand sonst interessiert, kann es schon sein, dass man ab 2000 Euro zu einer Lizenz kommt. Bei heiß gehandelten Titeln geht es aber schnell in die fünfstelligen oder sogar sechsstelligen Bereiche. Frau Rowlings neuer Roman wird wohl noch höher gehandelt werden.

Im nächsten Teil widme ich mich der Frage, was die Verlage überhaupt für ihr Geld bekommen (Stichwort: Verlagsvertrag) und was man mit dem frisch erworbenen Buch dann macht.

14 Kommentare leave one →
  1. 4. März 2012 20:04

    Wieder sehr guter und interessanter Teil. Eine kleine Anmerkung habe ich aber noch: Es fehlt hier imo das Expose. Diese erste Hürde muss ein Manuskript ja erst einmal überwinden, bevor der Lektor es komplett liest. Viele der oben genannten Entscheidungen kann der Lektor bereits anhand des Expose treffen.

    • 4. März 2012 22:17

      Stimmt, das habe ich völlig vergessen. Ich werde morgen noch einen Absatz dazu einfügen.

      Danke für das Feedback!

  2. 5. März 2012 09:08

    Das war spannend, danke fürs Wissen-Teilen!

    Umso mehr wundert mich übrigens, dass China Miéville bei Bastei Lübbe erscheint. Der schreibt ja die Art von komplexer, literarischer Fantasy-Literatur, an der kein Feuilleton der Welt (außer dem deutschen) vorbei kommt. Und trotzdem: Bastei Lübbe.

    • 5. März 2012 19:27

      Das ist ein spannendes Thema über das ich mit einer Freundin regelmäßig diskutiere.

      Ich denke, es liegt vor allem daran, dass die Deutschen wenn es um Fantasy geht, einfach unerträgliche Snobs sind. Fantasy ist noch immer das Schmuddelgenre, das einfach keinen Anspruch haben kann und darf. Wie meinte eine Studienkollegin von mir mal angesichts eines Buches mit starken phantastischen Elementen: „Das ist aber keine Fantasy, das ist Magischer Realismus!“
      Damit Fantasy mit literarischem Anspruch hier von den Feuilletons angenommen wird, muss man erst das Label Literatur draufpacken und auf keinen Fall das Wort Fantasy verwenden. Deshalb werden Romane mit etwas Anspruch und phantastischen Elementen mittlerweile von den Verlagen gerne in der allgemeinen Belletristik verortet. Etwa ein Carlos Ruiz Zafon oder ein Buch wie „Die Landkarte der Zeit“.
      Entscheidend ist hier, denke ich, die Wahrnehmung. Ein Miéville wird von Lübbe unter Science Fiction verortet und deshalb wundert man sich auch nicht, dass er in diesem Verlag erscheint, denn das „Schmuddelgenre SF“ passt doch zu diesem Verlag. Als Science Fiction wird es aber auch von den Feuilletons ignoriert.
      Ich denke deshalb ist es auch so unendlich schwer, anspruchsvolle Fantasy hierzulande durchzubringen. Es gibt genug Leser für den leichtverdaulichen Mainstream, aber für die anspruchsvolleren Titel bräuchte man eine breitere Akezeptanz phantastischer Stoffe. (auch ein Miéville tut sich hier schwer). Wir haben hier einfach keine gute, ausgeprägte Fantasykultur. (trotz vieler engagierter neuer, junger Autoren)

      • 6. März 2012 15:08

        Genau darüber haben Kai und ich auch schon öfters diskutiert. Aber ich glaube nicht, dass es ein rein deutsches Phänomen ist. Zumindest klassische Sword-and-Sorcery-Fantasy wird auch in England und Amerika oft noch mit Misstrauen beäugt, hab ich das Gefühl. Es war ja vor der Herr der Ringe-Verfilmung auch undenkbar, dass ein Fantasy-Film einen Oscar gewinnt.

        Aber bei uns ist es auf jeden Fall nochmal wesentlich schlimmer als überall sonst. Wie man ein so vitales und relevantes Genre wie Science Fiction als ’schmuddelig‘ empfinden kann, ist mir echt ein Rätsel. Andererseits wird sehr, sehr viel Fantasy und Science Fiction gelesen, oder? Ist mein Eindruck: Als gäbe es da einfach eine große Kluft zwischen Feuilleton & Germanistik auf der einen und Lesenden auf der anderen Seite.

        Wenn sie den Lesern schon nicht trauen, sollte man ja wenigstens meinen dass auch die FAZ oder wenigstens die Süddeutsche irgendwann mal merkt, dass Guardian und New York Times einen neuen Miéville SELBSTVERSTÄNDLICH besprechen, und zwar oft hervorragend.

  3. 5. März 2012 17:24

    Da war wieder echt viel dabei, was ich noch nicht wusste. Sehr interessant!
    Wenn du von Manuskripten sprichst, geht es dann nur um in der jeweiligen Sprache (also in unserem Fall Deutsch) verfasste oder auch um Übersetzungen? Oder läuft das mit Übersetzungen noch mal ganz anders ab?

  4. 5. März 2012 18:23

    @nija:

    Tolle Fortsetzung. Ich bin gerade beeindruckt, dass du dich so gut auskennst. Hast du gut recherchiert oder bist du vom Fach?

    @Desirée – China Miéville: Das wundert mich nicht. Bastei Lübbe hat ja nicht „nur seichte Literatur“, sondern neben diverser Schnell-Les-Lektüre auch viele sehr gute Fantasy-Romane veröffentlicht.

    • 5. März 2012 19:33

      Danke.
      Mehr oder weniger. *g* Als Buchhändlerin habe ich ja bereits auf der „anderen Seite“ der Branche gearbeitet und so ein paar Dinge mitbekommen. Dann habe ich an der Uni etliche Seminare zu dem Thema besucht, wodurch ich jetzt Skripte habe, auf die ich zurückgreifen kann. Neben dem Studium habe ich dann auch für einen Verlag gejobbt und konnte auch dort die Leute löchern und über die Jahre Eindrücke und Informationen sammeln. Und das gebe ich jetzt hier wieder.

      • 5. März 2012 20:27

        Vieles, was du schreibst, habe ich auch damals in der Ausbildung zur Medienkauffrau gelernt. Aber ich schätze, so etwas hängt auch von den Lehrern ab, Prüfungsstoff war das allermeiste nicht.

  5. minthoa permalink
    6. März 2012 11:21

    Vielen Dank für diesen wirklich informativen Beitrag. Werd ich gleich weiterleiten. Vor allem die Infos über das Exposé.

    (Hach ich hoffe nur, dass das Buch den/die Verlag(e) auch überzeugen wird….)

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