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[Senf der Woche] Aus 2 mach 3. Über Bestsellerlisten und Editionsformen

1. Oktober 2012

Seit dieser Woche gibt es 3 SPIEGEL-Bestsellerlisten. Eine für Taschenbuch, eine für Hardcover und eine für Paperback. Dieser Schritt ist letztlich die logische Konsequenz der Veränderungen, die sich auf dem Buchmarkt der letzten 5-10 Jahre vollzogen haben. Ein Grund für mich, mal meinen Senf zu dem Thema abzugeben (und damit gleich eine neue Kategorie in die Runde zu werfen)*.

Der Entscheidung des Spiegels, eine dritte Liste einzuführen, ging eine lange Diskussion voraus. Die Verlage, von denen etliche in den letzten Jahren neue Paperback-Labels gegründet hatten, waren einer dritten Liste ziemlich zugeneigt, immerhin ist das noch eine Möglichkeit, Titel irgendwo prominent zu platzieren – und das in einer Zeit, in der ein Platz auf der Liste immer wichtiger wird. Die Buchhändler waren eher zurückhaltend, den Platz für noch eine dritte Wand mit Bestsellern konnten oder wollten viele einfach nicht einrichten. Zunächst sah es so aus, als würden die Buchhändler sich durchsetzen, aber dann kam sie doch, die Nachricht von einer dritten Liste.

Ich habe mir die drei Listen einmal genauer angesehen. Und ich bin ehrlich, als Buchhändlerin kräuseln sich mir die Zehennägel hoch, wenn ich sehe, was für die Redaktion dieser Liste ein Taschenbuch und was ein Paperback sein soll. Es ist klar, dass hier nicht die korrekte buchhändlerische Definition der Editionsformen zugrunde gelegt wurde, sondern die intuitive der meisten Leser. Das Ergebnis finde ich verwirrend, denn auf der Paperbackliste mischen sich nun echte Paperbacks mit großformatigen Taschenbüchern, kleine Paperbacks stehen jetzt auf der Taschenbuchliste, einfach weil sie klein sind. Mir wird schwindelig.

Aber vielleicht beginne ich ganz am Anfang, damit, wie sich diese Editionsformen eigentlich definieren. (Achtung, ab jetzt verfalle ich in hemmungsloses Dozieren und verwende die Worte „Taschenbuch“, „Hardcover“ und „Liste“ in übermäßiger Häufung. Weiterlesen auf eigene Gefahr.😉 )

Im Prinzip gibt es nur zwei Editionsformen: Hardcover und Taschenbuch. Und so unglaublich es klingt,  mit dem Einband, hart oder weich, dem Format, groß oder klein oder dem Preis, niedrig oder hoch, hat das im Prinzip erst einmal gar nichts zu tun.

Seinen Ursprung hat das moderne Taschenbuch in der Nachkriegszeit. Ich sage bewusst „moderne“ Taschenbuch, weil es natürlich auch bereits davor Bestrebungen gab, günstige Bücher für die Massen zu produzieren, etwa Reclams Universal-Bibliothek, die bereits im „Klassikerjahr“ 1867 startete. Aber, wie gesagt, unser heutiges Taschenbuch hatte seine Geburtsstunde in der Nachkriegszeit, als das Papier knapp und die monetären Mittel der Menschen gering waren. Diese ersten Taschenbücher wurden auf Zeitungspapier und wie Zeitungen im Rotationsverfahren gedruckt. Ihr Name: Rowohlt Rotations Romane (RoRoRo). Die Motivation Ernst Rowohlts war es damals, einer ganzen Generation die Literatur wieder zugänglich zu machen, die ihnen das Nazi-Regime geraubt hatte. Und das konnte nur gelingen, wenn man eine große Reichweite erlangte, indem man Literatur für alle erschwinglich machte. Der geringe Preis für diese Bücher konnte natürlich nur realisiert werden, indem man billig auf minderwertigem Zeitungspapier und in großen Massen produzierte. Die Inhalte mussten billige Lizenztitel und Zweitauflagen sein, eine Neuerscheinung hätte man so nicht finanzieren können.
Ein nicht unwesentliches Merkmal dieser Taschenbücher, die natürlich auch bald Nachahmer fanden und den Buchmarkt in Deutschland stark verändern sollten, war, dass sie in – meist nummerierten Reihen – mit einheitlicher Ausstattung erschienen. Die Reihe an sich war eine Marke, die noch vor dem individuellen Buchtitel stand. Es war das Buch zum „mal eben mitnehmen“.

Ich habe diesen kleinen Ausflug in die Geschichte gemacht, weil es dadurch leichter fällt zu erklären, warum ein Taschenbuch mehr ist, als ein billiges Buch in kleinem Format. Zentral an einem Taschenbuch ist die Ausrichtung auf ein Massenpublikum. Damit geht einher, dass es anders vertrieben wird, als ein Hardcover. Taschenbuchprogramme werden auch dem Nebenmarkt, Tankstellen, Kaufhäusern und Supermärkten angeboten. Taschenbücher haben andere Konditionen, sowohl was den Einkauf durch den Buchhändler, als auch, was die Entlohnung der Autoren angeht. Taschenbücher sind ein klassisches Zweitverwertungsmedium, da sie die hohen Kosten einer Originalausgabe allein kaum stemmen können. Und bis heute erscheinen Taschenbücher in Reihen. Ob es Rowohlts rororo ist, Pipers „Serie Piper“ oder Diogenes‘ „detebe“. Einer der ersten Sätze, die ich während meiner Ausbildung zu hören bekam, war: „Ein Taschenbuch erkennst du an der Reihenbandnummer“. Nehmt mal eines eurer Taschenbücher aus dem Regal und schaut auf den Buchrücken. Vermutlich werdet ihr irgendwo eine 1-5-stellige Nummer finden. Das ist die Bandnummer der Taschenbuchreihe, die oft identisch ist mit der Titelnummer in der ISBN.
Kurzum, für mich ist ein Taschenbuch, ein Buch, das im Taschenbuchprogramm eines Verlages erscheint und wie ein Taschenbuch vertrieben wird. Dafür muss es nicht zwingend kleinformatig sein, es muss nicht einmal einen flexiblen Einband haben. Es gibt sogar seltene Beispiele für Taschenbücher, die einen festen Einband haben, etwa die frühere Fantasyreihe von Bastei Lübbe oder einige Pratchett-Sonderausgaben bei Piper vor einigen Jahren.

Tja, und Hardcover ist dann alles andere. Selbst wenn es keinen „harten“ Einband hat. Beispielsweise sind die Bücher von Lyx, wenn man es ganz genau nimmt, keine Taschenbücher sondern Hardcover und in buchhändlerischen Bibliographien mit „HC, kt“ (Hardcover, kartoniert) gelistet. Auf der anderen Seite erfüllen sie sonst fast alle Merkmale eines klassischen Taschenbuchs. Und daran zeigt sich schon, wie sehr sich die ursprünglichen Kategorien miteinander zu vermischen beginnen.

Das Paperback ist eine aus der Not geborene Erfindung der Verlage. In Amerika kennt man dieses Zwischenformat ja bereits schon lange als „Trade Paperback“. „Trade“ habe ich am Anfang auch häufiger gehört, als die großformatigen Taschenbücher hier aufkamen, aber Paperback hat sich jetzt als fester Begriff durchgesetzt.

Wie ich zuvor schon schrieb, ist das Taschenbuch ein klassisches Zweitverwertungsmedium mit einer geringen Gewinnspanne, das nicht viele Kosten schultern kann. Kein Wunder also, dass sich das großformatige Taschenbuch zuerst vor allem in der Fantasy durchsetzte, wo der Umfang schnell explodiert, die Übersetzungskosten enorm und die Auflagen geringer als bei anderen Genres sind. Früher haben die Verlage Bücher im großen Stil geteilt, um sie rentabel zu machen und gleichzeitig der Preissensibiltät der Genrekäufer entgegenzukommen, die eher zwei Taschenbücher für 9,99 als ein Hardcover für 19,99 kaufen. Das großformatige Taschenbuch war ein guter Kompromiss, der preislich zwischen  normalem TB und HC liegt und deshalb eine Veröffentlichung in einem Teil möglich machte. Zudem bleibt die Möglichkeit zur Zweitverwertung im klassischen Taschenbuch.

Schnell sah man dieses Format auch in anderen Genres. Meistens als Broschuren mit Klappe im Hardcover-Programm. Ein neues Zwischenformat für Bücher, die zu wenig Leser im Hardcover kaufen würden, die sich aber als Taschenbuch nicht finanzieren lassen, begann sich zu etablieren.

Und diese broschierten Ausgaben in den Hardcover-Programmen hatten noch einen weiteren netten Nebeneffekt: Sie wurden auf der Bestsellerliste Hardcover eingeordnet (wo man mit weniger verkauften Exemplaren einen höheren Platz erreichen kann, als auf der Taschenbuchliste) und konnten durch ihren günstigeren Preis höhere Stückzahlen absetzen und damit an den normalen Hardcovern leichter vorbeiziehen. Ungemach regte sich deshalb vor einigen Jahren bei dtv, die zwar in ihrer premium-Reihe großformatige Bücher produzierten, aber eben in ihrem Taschenbuchprogramm, da ihnen durch ihre Gesellschafter nicht erlaubt war, ein Hardcover-Programm zu haben. Und diese premium-Taschenbücher mit ihrem höheren Preis mussten sich nun auf der Taschenbuchliste behaupten. Irgendwann hatten die Beschwerden des Verlags Erfolg und die premium-Taschennbücher durften sich auch auf der Hardcoverliste einordnen.

Irgendwie war das der Anfang vom Ende, denn seitdem hat immer mal wieder ein Buch den Sprung von der einen zur anderen Liste gemacht. Immer mehr wurde die Frage „welcher Einband und welches Format in welchem Programm?“ auch zu einer taktischen Überlegung. Und entsprechend wild ging es dann auch zu in Sachen Sonderformat.

Deshalb ist die Umsortierung der Listen, bei der die großformatigen Taschenbücher von „Shades of Grey“ neben dem broschierten Hardcover „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg …“ im Paperback landen, vermutlich ein weiterer entscheidender Schritt zu einer Neuordnung der Editionsformen in Deutschland. Die großformatigen Broschuren werden wohl zunehmend in eigenen Paperback-Programmen veröffentlicht werden und aus den anderen Programmen verschwinden. Wie dem auch sei, für mich, die ich in den alten buchhändlerischen Kategorien und Warengruppen denke, ist das erstmal alles ein riesiges Kuddelmuddel.

Übrigens dürften die Verlage nicht ganz glücklich darüber sein, dass die Paperback-Liste nur 20 Plätze hat und nur einmal monatlich im Print im Kulturspiegel erscheint (online aber wohl wöchtentlich). Damit verschwinden nämlich ganz plötzlich ein paar der größten aktuellen Bestseller  aus dem Fokus, der wohl noch immer auf den traditionellen 2 Listen liegt, die nach wie vor wöchentlich erscheinen werden. Und das ist der Punkt, denn ich ehrlich gesagt nicht verstehe: Wenn eine dritte Liste, dann doch bitte eine, die gleichrangig zu den anderen beiden ist. Dann werden sich nämlich bald die Paperback-Labels benachteiligt fühlen und das taktische Spiel mit den Formaten geht in eine neue Runde. Und ob das Sinn der Sache war …

*Ich habe mir gerade ergoogelt, dass ich nicht die erste bin, die auf die Idee gekommen ist, eine Kategorie so zu nennen, aber ich werde es jetzt nicht mehr ändern, es sei denn, jemand fühlt sich ganz arg auf die Zehen getreten. Beschwerden bitte über das Kontaktformular.

10 Kommentare leave one →
  1. 2. Oktober 2012 07:27

    Die neue Liste ist an mir komplett vorbeigegangen, kein Wunder eigentlich, da ich nie auf irgendwelche Listen schaue um mir ein Buch zu kaufen. Aber danke für die Info über die drei Formate. In meinem Kopf sind Taschenbuch und Paperback das gleiche, da es ja ein Wort nur in zwei Sprachen ist. Daher ist es sehr interessant nun zu wissen, dass es zumindest hier in Deutschland zwischen diesen Begriffen einen wesentlichen Unterschied gibt.
    Etwas verwirrend finde ich die neue Liste aber trotzdem.🙂

    • 2. Oktober 2012 17:23

      Ich kaufe auch nicht nach Listen, dafür gibt es genug andere Informationsquellen über gute Bücher. Aber es gibt offenbar immer mehr Leute, die es tun.

      Ja, es ist verwirrend. Und diese lustige Bestsellerlisten-Aufteilung macht es nicht weniger verwirrend.

  2. 3. Oktober 2012 15:23

    Wir haben gestern erstmal einige Zeit grübelnd vor den leeren Bestsellerregalen verbracht, um die neuen Listen alle gleichberechtigt unterzubringen. ich kann die Überlegungen dazu verstehen, aber letztendlich ist die neue Paperbackliste blöd. Da stehen jetzt Titel drauf, die es sonst nicht auf die vorderen 20 Plätze geschafft haben, z. B. die gefühlte Hälfte der „Das Lied von Eis und Feuer“ Reihe. Ob die die zusätzliche Aufmerksamkeit auf einem Platz 19 und 20 wirklich brauchen?

    • 3. Oktober 2012 15:33

      Die Martins waren in den letzten Monaten ja immer wieder in den Top20 der anderen Listen vertreten, teilweise sogar in den Top10. Ich finde ja, dass sie die gleiche Berechtigung haben, dort zu sein, wie alle anderen Bücher, die auf der Liste sind. Vor ein paar Jahren tummelten sich ja auch auf beiden Listen die Harry Potters, dann Stephenie Meyer, jetzt Panem.
      Prinzipiell war ich auch für eine dritte Liste, um dem ganzen Herumgeschiebe mal ein Ende zu machen. Aber so wie es jetzt ist, finde ich es auch nicht optimal.

      • 3. Oktober 2012 15:37

        Ich glaube du hast mich da jetzt falsch verstanden, natürlich hat die Reihe auch ihre Berechtigung auf der Liste, aber auf der ersten Paperbackliste sind jetzt 5 von 20 Titeln aus der Reihe – vier davon auf den letzten Plätzen. Ohne da jetzt Zahlen nennen zu können würde ich mal darauf tippen, dass es im Vergleich einfach noch viel weniger Paperbacks gibt als z. B. Hardcover und Taschenbücher, dadurch haben es Titel natürlich einfacher auf die neue Liste zu kommen.

        • 3. Oktober 2012 17:56

          Ja, das stimmt natürlich, aber mit der Menge an Paperback-Labels, die aus dem Boden schießen, wird sich das wohl auf Dauer ändern. Irgendwann muss man ja anfangen und es ist wohl nicht zu erwarten, dass dieses Zwischenformat wieder vom Markt verschwindet.

  3. 7. Oktober 2012 16:04

    Ich wollte mich nur kurz bedanken, jetzt habe ich schon wieder was gelernt und mich dabei gut unterhalten.

  4. minthoa permalink
    11. Oktober 2012 14:01

    Mir schwirrt ein wenig der Kopf, obwohl deine Erklärung eigentlich sehr einfach ist, mir fehlen wohl die Bilder, um das besser nachvollziehen zu können. Ich achte eigentlich nie auf die Listen, aber gibt es nicht noch weitere? Bei Druckfrisch wurde neulich von einer Bestsellerliste der Sachbücher gesprochen, wie ist die dann einzuordnen?

    • 21. Oktober 2012 13:56

      Entschuldigung für die späte Antwort, bin etwas im Sumpf der Nachmesse untergegangen.
      Wovon hättest du denn gerne Bilder gesehen? Sowas lässt sich nachliefern.

      Es gibt die drei Listen sowohl für Belletristik als auch für Sachbücher. Also sind es insgesamt eigentlich sechs.🙂

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