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[Senf der Woche] Verlag und Vorurteil

1. November 2012

[Anmerkung: Auf Wunsch der Inhaberin des im Artikel erwähnten Blogs und der Autorin habe ich nun nachträglich jegliche Links und wörtliche Zitate entfernt. Ich persönlich bedauere das, weil ich der Auffassung bin, dass so deutliche Aussagen, wie sie in dem angesprochenen Interview getroffen wurden, durchaus diskutiert werden dürfen sollten. Aber ich verstehe auch, dass es der Autorin in diesem Fall unangenehm ist, und ich respektiere ihren Wunsch, den Verweis auf sie zu löschen. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal klarstellen, dass es meine Intention war, mich kritisch mit ihren Aussagen auseinanderzusetzen und nicht die Autorin persönlich anzugreifen. Und es täte mir leid, falls ich das unbewusst doch getan hätte.]

Letzte Woche linkte mir eine Freundin ein Interview mit einer Autorin, die ihre Bücher selbst über Amazon veröffentlicht hat. Zwangsläufig kam in diesem Interview die Frage auf, warum die Autorin denn nicht den traditionellen Weg gewählt hätte. Die Antwort auf diese Frage ist das alte Lied über die Abzocke der bösen, geldgierigen Verlage. Ich kenne jede der Aussagen aus diesem Interview, habe sie unzählig in Variationen im Netz gelesen und jedes Mal verspüre ich wieder ein Grollen im Bauch. Meistens klopfe ich mir auf die Finger, beschließe, dass es nichts bringt, sich auf eine Diskussion einzulassen und lasse es gut sein. Am Ende habe ich nur noch mehr Bauchschmerzen und jeder glaubt doch, was er will.
Aber in diesem Fall nehme ich mir die Freiheit, meinen Senf zu dieser Sache einmal ausführlich abzugeben. Einmal die Gegenperspektive einzunehmen und die andere Seite der Dinge zu erklären. Ich möchte hier nicht die Verlage zu Heiligen erklären, das sind sie sicher nicht, aber ich bin das Verlags-Bashing, das oft ohne oder nur mit mangelhaftem Hintergrundwissen in Stammtischmanier überall verbreitet (und leider oft genug geglaubt) wird, so leid. Deshalb ist es mir wichtig, eine andere Sicht anzubieten. Glauben darf dann am Ende natürlich wieder jeder, was er möchte.😉


Sehr zu empfehlen ist in diesem Zusammenhang auch der großartige Artikel der Autorin Zoe Beck, der dieser Tage bei Börsenblatt online erschienen ist.

Zunächst möchte ich eines voranstellen: Ich habe kein Problem mit der Entscheidung, seine Bücher selbst über Amazon oder einen anderen Anbieter zu veröffentlichen. Wenn man das professionell aufzieht, verlangt es eine Menge Zeit, Arbeit und Geld. Dafür hat man über sein eigenes Projekt etwas mehr Kontrolle. Ich finde, es steht jedem frei, welchen Weg er wählt, beide Möglichkeiten haben ihre Vor- und Nachteile.

Und damit sind wir dann auch schon bei dem Interview. Die Autorin sagt über ihre Suche nach einem traditionellen Verlag, dass sie dabei feststellte, dass Verlagein erster Linie Wirtschaftsunternehmen seien, die nicht auf der Suche nach guter Unterhaltungsliteratur, sondern mehr darauf aus sind  schnell Geld zu verdienen.

Ja, Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, was sonst? Irgendwo muss das Geld für die Veröffentlichungen und die Bezahlung der Menschen, die damit befasst sind, ja auch kommen. Ich frage mich immer, was daran so ehrenrührig sein soll, mit Büchern Geld zu verdienen. (Die Autoren, die sich von den Verlagen betrogen fühlen, wollen das ja schließlich auch, oder?) Ein Verlag der nicht wirtschaftlich denkt, den gibt es nicht lange und das nimmt vielen Büchern die Möglichkeit zu erscheinen. Vielleicht sollte man es einmal von dieser Seite betrachten.
Verlage produzieren das, von dem sie glauben, dass die Leser es haben wollen. Das Büchermachen ist nicht Selbstzweck, irgendwer muss die Produktion auch kaufen. Sprich: Natürlich möchten die Publikumsverlage „gute“ Unterhaltungsliteratur (dabei fragt sich ja schon wieder, was „gut“ ist – frag 10 Menschen und du bekommst 10 verschiedene Antworten), aber sie muss sich am Ende auch verkaufen. Der Massengeschmack gefällt sicher nicht jedem, aber bis zu einem gewissen Grad kommt man nicht daran vorbei sich an ihm zu orientieren.

Weiterhin wird beklagt,  dass der Verlag am meisten an einem Buch verdienen würde, während man Autoren mit ein paar Cent abspeist und allenfalls eine J.K. Rowling bis zu 1 € an einem verkauften Buch verdient.

Kurz gesagt: Nein. Gut, ich kenne die Verlage nicht, mit denen sie es in diesem Fall zu tun hatte. Möglich, dass gerade kleinere Verlage weniger bezahlen, aber die bei den großen Verlagen üblichen Honorarstaffeln ergeben ein anderes Bild. Ich hatte mich hier schon einmal dazu geäußert.
Bei einem Taschenbuch mit niedriger Auflage dürften es so um die 40-50 Cent sein, bei einem Hardcover um die 1,00 bis 1,50. Und man muss dafür nicht J.K. Rowling heißen.😉 Dazu kommt, dass es auf dieses Honorar in der Regel einen Vorschuss gibt, den der Autor auf jeden Fall behalten kann, selbst wenn das Buch sich nicht verkauft.
Pauschal kann man also nicht sagen, dass der Autor am wenigsten verdient. Er hat am Ende immerhin noch seinen Vorschuss, während der Verlag auch auf einem Minus sitzenbleiben kann. Was übrigens gar nicht so selten der Fall ist, und gerade wenn man versucht einen Debütautor aufzubauen, zahlt man nicht selten drauf.
Viele Leute scheinen zu glauben, dass ein Verlag ein Buch vom Autor nimmt, fünf Rechtschreibfehler korrigiert und dann ab damit in die Druckerei. Tatsächlich aber durchläuft so ein Buch viele Arbeitsschritte, wird lektoriert, mit einem Cover ausgestattet, den Buchhändlern und Pressevertretern vorgestellt, für den Endkunden beworben, mit Texten versehen, gesetzt, gedruckt, ausgeliefert und vieles mehr. Das alles kostet und mit allen diesen Kosten geht der Verlag in Vorleistung. Und damit trägt er das volle Risiko. Dafür verdient er dann, sollte das Buch sich sehr gut verkaufen, tatsächlich etwas mehr als der Autor an dem Buch. Aber so unfair ist das eigentlich nicht, oder?

Final merkt die Autorin an, dass sie es bedenklich findet, wie viele Leute an der Arbeit eines Schriftstellers verdienen, während er selbst vom Schreiben nicht leben kann. Sie erklärt, dass kein Künstler es sich bieten lassen würde, wenn ihm die Galerie nur 7% vom Nettoverkaufspreis seines Bildes auszahlen würde.

Diese Aussage zeigt ganz schön, wie falsch die Vorstellungen vieler Menschen sind, was das die Funktion eines Verlages angeht. Man nimmt an, der Verlag würde quasi ein fertiges Buch nehmen, es nur noch drucken und dann verkaufen und fröhlich eine Menge Geld einstecken. Anders kann man eigentlich nicht auf die Idee kommen einen Verlag mit einer Galerie vergleichen zu wollen.

Eine Galerie tritt lediglich als Vermittler auf, um ein fertiges Werk an einen Käufer zu bringen. Dafür bezieht sie eine Provision, die nach meinen Recherchen zwischen 30 und 50% liegen kann. Ein Verlag ist aber kein Dienstleister, der von einem Autor engagiert wird und er nimmt auch kein fertiges, gedrucktes Buch entgegen. Er kauft die Rechte an dem Text und macht daraus in vielen Arbeitsschritten, für die er selbst aufkommt, eine Ware, die er dann verkauft. Wenn wir den Vergleich mit der Galerie schon antreten müssen, dann nehmen wir doch den Autor, der sein Buch auf eigene Kosten lektorieren und drucken lässt und somit – wie der Maler das fertige Bild der Galerie -, ein fertiges Buch einem Buchhändler anbietet. Der wird dann auch zwischen 30 und 50% einbehalten. Den Rest behält der Autor. Nur ob ihm nach dem Decken aller Kosten mehr bleibt, als wenn er das Buch einem Verlag übergeben hätte, das wage ich zu bezweifeln.

Nein, die meisten Autoren können tatsächlich nicht vom Schreiben leben. Das ist traurig und ich würde ihnen wünschen, dass sie es könnten. Aber es ist nicht die Schuld der Verlage, dass sie es nicht können, sondern es liegt in der Ware Buch, an Angebot und Nachfrage, an der Zahlungsbereitschaft der Kunden. Selbst wenn der Verlag alles, was nach Abzug der Kosten übrigbleibt, an den Autor überweisen und keinen Gewinn machen würde, dann stünde das in den meisten Fällen noch immer in keinem Verhältnis zu dem, was der Autor an Arbeit in das Buch gesteckt hat – und wirklich leben könnte er davon auch nicht.
Leben – das gilt für den traditionell veröffentlichten, wie für den Selfpublishing-Autor – kann man vom Schreiben nur dann, wenn man wirklich gut verkauft. Und das schafft eben nicht jeder. Das ist eine traurige Wahrheit und vielen erscheint es einfacher, einem Verlag daran die Schuld zu geben, statt sie einfach zu akzeptieren.

Sagte ich schon, dass der Artikel von Zoe Beck im Börsenblatt großartig ist? Wer oben nicht geklickt hat, darf das hier noch einmal tun😉

8 Kommentare leave one →
  1. 1. November 2012 20:26

    Guter Beitrag. Als Autor kann man vieles selber machen. Allerdings kostet es Lebenszeit (und damit auch wieder Geld) und das Ergebnis wird in aller Regel weit unter den eines Verlages liegen.

    Es kommt dabei natürlich auch auf die Art des Buches an. Wer das immer gleiche Thema variiert und auf Masse setzt, der ist als Self-Publisher gar nicht mal schlecht bedient. Wenn man aber jahrelange Arbeit in ein Buch steckt, dann wird es ohne Hilfe schwer, ein rentables Echo zu erzielen.

    Ich muss bei diesem Thema auch immer an folgenden Gedanken denken: Fast jeder schreibt Gedichte. Doch wie viele kaufen Gedichte?

    • 13. November 2012 19:00

      Zunächst, Verzeihung, dass ich erst so spät kommentiere, ich hatte leider technische Probleme und die letzten 10 Tage kein Internet. Ich hoffe, dass du meine Antwort noch siehst:
      Ich denke auch, dass das Selbermachen sich häufig nicht rechnen dürfte, vor allem hinsichtlich des Zeitfaktors. Nicht umsonst wechseln viele erfolgreiche selfpublishing-Leute am Ende doch zum Verlag. Aber, wie gesagt, das bleibt jedem selbst überlassen. Und manchem liegt das Selberverlegen vielleicht einfach doch mehr.

      Das mit den Gedichten ist sehr wahr. Überhaupt scheint es oft einen Unterschied zwischen dem zu geben, was die Leute aufschreiben und mitteilen wollen und dem, was sie wirklich selbst lesen wollen. Auch viele Krankheits- und Lebensgeschichten fallen unter diese Kategorie.

  2. 2. November 2012 10:25

    Du sprichst mir aus der Seele. In jedem einzelnen Punkt – und ganz besonders mit der Frage, warum es immer als anrüchig angesehen wird, dass Verlage mit Büchern Geld verdienen wollen. In welcher Welt leben die Leute, die (offenbar) glauben, ein Verlag müsse ein Wohltätigkeitsverein sein? Ein Buch ist doch genauso eine Ware wie eine Musik-CD, und bei der regt sich auch keiner über wirtschaftliche Interessen der Labels auf – obwohl Musik ja ebenfalls „Kulturgut“ ist.

    Ich geb dir absolut recht: Das Interview zeigt in der Tat sehr deutlich, wie wenig die Frau von der Verlagsarbeit versteht.

    • 13. November 2012 19:07

      Hallo irina,
      auch hier noch einmal die Entschuldigung, dass ich mich so spät melde, aber ich hatte die letzte Woche kein Internet.

      ich denke, das hängt mit dem Stellenwert zusammen, den Literatur hier noch immer hat. Im Land der Dichter und Denker kann man geschriebenes Wort nicht einfach zur schnöden Ware machen. Selbst wenn sie das schon lange ist und man diese Ware am Ende doch gerne von Mängelexemplartischen klaubt, weil es so schön billig ist.
      Wobei sich schon auch viele über die „Geldgier“ der Musik-Labels aufregen. Ich muss ehrlich sagen: Ich könnte das nicht beurteilen. Ich habe keine Ahnung von den Kosten, die bei so einer Musikproduktion anfallen, deshalb kann ich auch nicht beurteilen wie fair die Bezahlung der Künstler da ist. Und Milchmädchenrechnungen ergeben ja nun selten ein realistisches Bild.

  3. 5. November 2012 15:25

    Warum genau sollten Verlage denn kein Geld verdienen? Und noch viel wichtiger: Warum sollte in ein Buch nicht mehr als nur die bloße Schreibarbeit gesteckt werden? Denn das unterstell ich einigen der Selfpublishing Autoren jetzt mal dreist. Um ein Genuss sein zu können muss ein Buch auf Herz und Nieren getestet werden – was Autoren vielleicht nicht mögen, Kritik schmerzt – und jeder noch so kleine Logikfehler beseitigt werden. Die Sprache muss stimmen und selbst wenn der Autor das alles schon bedacht hat, so muss der Text immer noch gesetzt werden. Und ein halbwegs ansprechendes Cover soll das Buch ja auch noch haben.
    Das ist viel um das sich ein Autor selten kümmern kann, weil es Zeit und stellenweise auch Material und Erfahrung fordert.
    Aber zum Glück gibt es Leute, die sich damit auskennen. Die wollen dann natürlich auch Geld dafür haben.
    Natürlich kann man auf einen Verlag verzichten, genau wie auf Frisörbesuche, das Ergebnis ist jedoch selten vergleichbar.

    • 13. November 2012 19:12

      Danke für deinen Beitrag.

      Ich denke das ist auch der Pferdefuss am Selfpublishing: Die Zahl derer, die sich tatsächlich die Mühe macht, Profis zu engagieren und zu bezahlen ist wohl eher in der Minderheit. Und selbst wenn sie es tun, müssen sie sich einreihen in die ungefilterten Massen von unlektorierten Texten und haben mit dem durchaus nicht unbegründeten Misstrauen der Käufer zu kämpfen. Sich über diesen Weg zu etablieren dürfte auch nicht leicht sein.

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