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[Senf der Woche] Mitgelaufen

28. Januar 2013

Dieses Mal geht es mal um etwas, das nichts mit den Themen dieses Blogs zu tun hat, sondern mit einem Thema, das derzeit die Medien und vor allem Twitter beherrscht. Ich denke die meisten dürften den #aufschrei-Hashtag mittlerweile kennen, mit dem Frauen auf Twitter über ihre Erfahrungen mit Sexismus und sexueller Belästigung berichten. Wer es noch nicht getan hat, sollte mal ein wenig mitlesen, da sind wirklich haarsträubende Dinge dabei. Das eigentlich Interessante ist aber für mich, dass es nicht diese Berichte sind, die mir beweisen, dass wir tatsächlich ein Sexismus-Problem in diesem Land haben, sondern die Reaktionen darauf – von Männern wie von Frauen. Sei es auf Twitter, in Artikeln und Kolumenen von Online-Magazinen und vor allem in den Kommentaren dazu.

Eine kleine Geschichte zum Einstieg: Vor einer Weile war ich auf einer Party, wo einer der Besucher (übrigens männlich) meinte, er könne Joko und Klaas nicht leiden, weil sie dumme Sexisten wären. Das geht auf einen speziellen Vorfall in einer Sendung zurück, bei der die beiden meinten, es wäre witzig zu wetten, ob man sich traut einer Messehostess an die Brust zu fassen. Daraufhin meinte eine Bekannte von mir: „Ich weiß gar nicht, was daran so schlimm sein soll, das wurde halt wieder von den Medien so hochgepuscht. Ist doch fast normal, dass man mal angefasst wird, passiert doch ständig. Außerdem war das ja nur gestellt in der Sendung.“

Ehrlich, mir schlackerten regelrecht die Ohren. Ich wusste nicht, was ich entsetzlicher finden sollte. Dass dieses Mädchen offenbar ständig angetatscht wird? Dass das so oft passiert, dass sie es mittlerweile „normal“ und „nicht so schlimm“ findet? Dass sie denkt, nur weil es möglicherweise nur gestellt war, ist die Sache gar nicht schlimm? (Eine Meinung, die sie übrigens mit den Kommentatoren des Youtube-Videos zum Vorfall teilt. Da kann ich mir nur an den Kopf fassen. Es geht hier um eine Geisteshaltung, darum, dass es für die beiden eine lustige Mutprobe ist, einer Frau einfach an den Busen zu tatschen und sie damit zu demütigen. Dafür brauchen sie sie gar nicht anfassen, das Ansinnen an sich ist respektlos und Sexismus pur. Wer das nicht kapiert, dem ist echt nicht zu helfen …)

Das hat mich seither immer wieder beschäftigt und jetzt, bei der aktuellen Debatte, stelle ich fest, dass diese Einstellung bei Männern wie bei Frauen verbreiteter ist, als ich dachte. Das reicht von empörten Männern, die meinen, sie würden ja viel öfter von Frauen belästigt werden als umgekehrt (1), über die „Na wenn sie einen Ausschnitt trägt, will sie doch, dass man reinstarrt“-Sprüche (2), zu „die sollen sich mal nicht so anstellen, ist ja nichts dabei, sollen halt selbstbewusster werden und sich wehren“ (3).

Zu (1): Ja, es gibt Frauen, die Männer dumm anquatschen, sie ungefragt anfassen und anderweitig belästigen. Und ja, es gibt Frauen, die sich hochschlafen. Es gibt Frauen, die Männer schlagen. Es gibt Frauen, die haupten sie wären sexuell belästigt oder vergewaltigt worden, um sich an Männern zu rächen (Die Damen sollten dafür nach meiner Meinung hart bestraft werden, denn sie rauben echten Opfern die Glaubwürdigkeit und tun ihnen damit großes Leid an.) Kurzum: Frauen können extreme Arschlöcher sein. Aber das spielt doch keine Rolle bei der Frage, ob man eine Frau antatschen, sie mit schlüpfrigen Witzchen belästigen oder sie nötigen darf. Was ist denn das für eine Logik? Stammt die direkt aus dem Kindergarten?
Abgesehen davon haben natürlich auch Männer jedes Recht, Sexismus und sexuelle Belästigung, die ihnen angetan wird, anzuprangern. Ich finde notgeiles und übergriffiges Verhalten auch bei Frauen scheiße (wage aber zu behaupten, dass es seltener vorkommt – zumindest beobachte ich es seltener). Aber ein Unrecht wiegt das andere doch nicht auf. Unrecht bleibt Unrecht. Für beide Seiten. Respekt sollte man jedem zugestehen, egal welches Geschlecht er hat.

Zu (2): Warum denken so viele Männer, dass alles, was Frauen mit ihrer Optik anstellen, nur an sie gerichtet ist? Das ist nämlich nicht so. Viele Frauen haben einfach Spaß dran, sich schön anzuziehen und zu schminken und sehen gerne etwas Angenehmes im Spiegel. Ganz abgesehen davon: Es gibt ein breites Spektrum zwischen „gar nicht hinsehen“ und unhöflichem Dauerstarren. Und ich bin durchaus einigen Männern in meinem Leben begegnet, die ihren Blick und ihre Pfoten im Griff hatten. Ihr schafft das, Jungs.

Zu (3): Das ärgert mich eigentlich am meisten. Denn es ist eine perfide Logik, die Opfer noch mehr demütigt und ihnen die Schuld, an dem, was ihnen angetan wurde, zuweist. Es ist diese „ist doch nichts Schlimmes passiert“ und „wehr dich doch“-Logik, mit der man auch gerne Mobbing-Opfern begegnet, um ihnen einzureden, sie wären ja nur weinerliche Mimosen und selbst an ihrer Situation schuld. Was die Täter und die Gesellschaft an sich wunderbar entlastet. Wo man kein Problem sieht, ist auch keins. Und nur wer es selbst erlebt hat, der weiß, dass man sich in diesen Situationen meistens eben nicht „einfach so“ wehren kann. Seltsam eigentlich, bei anderen Taten käme man doch auch nicht auf die Idee, dass das Opfer schuld ist, weil es sich hätte wehren müssen. Einen extrem guten Artikel (der mir nur zum Ende hin etwas zu theatralisch wird) zu genau diesem Thema gibt es hier. Er ist übrigens von einem Mann verfasst worden.

Und das war er mein Senf zu Woche, mein Mitläuferbeitrag, zu einem Thema, zu dem sich ohnehin schon jeder zweite Blogger geäußert hat. Sei’s drum, ich hatte Mitteilungsdrang.

2 Kommentare leave one →
  1. 28. Januar 2013 18:06

    Und da willst Du mir immer noch sagen, dass Du die Aufregung um das rosa Ü-Ei nicht verstehst?😉
    Ich kenne hunderte dieser kleinen Geschichten, wo Freundinnen oder sogar mir ähnliches passiert ist. Wirklich entsetzt war ich vor etwa einem Jahr, als mir eine knapp zwanzigjährige Frau erzählte, sie sei beim Frauenarzt wegen der Pille danach gewesen, irgendein Typ hätte sie nach einer Party beschlafen. Sie sei zu betrunken gewesen, um sich zu wehren. Aber na ja, das passiere uns wohl allen mal dann und wann. Ich musste aus dem Raum gehen, weil ich es nicht fassen konnte.
    Der von Dir verlinkte Artikel ueigt aber auch sehr deutlich, wo das eigentliche Problem liegt: Da will man Mädchen sensibilisieren, sie zu Selbstverteidigungskursen schicken und weiß ich was noch alles. Dass aber nicht sie es sind, die an sich arbeiten müssen, da scheint kaum jemand drauf zu kommen. Warum nur?

    • 1. Februar 2013 11:38

      Sagen wir so: Ich verstehe es besser, seit wir darüber diskutiert haben, und mir ist beim darüber Nachdenken auch einiges klar geworden, was mir vorher nicht aufgefallen ist. Aber selbst über rosa Eier aufregen kann ich mich noch immer nicht.

      Die Geschichte ist ja arg, aber wirklich verwundert bin ich darüber nicht. Trotzdem war ich wohl zu naiv in dem Glauben, dass es nur verirrte Machos sind, die Sexismus-Vorwürfe nur für Hysterie von Kampfemanzen halten. Wie verwurzelt das ist, das wird mir erst bei der aktuellen Diskussion so richtig klar. Und das Schlimme ist, dass viele Frauen diese Meinung auch annehmen, um nicht als unlocker zu gelten – oder weil sie schon so daran gewöhnt sind, dass sie es normal finden, so behandelt zu werden. Unheimlich.

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