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[Senf der Woche] Über Empörung und Verantwortung, oder: Morgen kauft doch wieder jeder bei Amazon.

16. Februar 2013

Neulich hatten wir Besuch da, und das Gespräch kam auf das Thema Buchhandlungen. Und eine aus der Runde meinte: „Ich hasse Großbuchhandlung xy. Die machen die kleinen Buchhandlungen kaputt!“.

Auf Aussagen wie diese reagiere ich extrem allergisch. Nein, nicht Großbuchhandlung xy macht die kleinen Buchhandlungen kaputt, jeder der nicht bei den kleinen Buchhandlungen kauft, macht sie kaputt. Denn derjenige, der den Großen ihre Marktmacht gibt, das ist der Kunde, der bei ihnen einkauft und ihnen die Bedeutung gibt, die sie haben. Die Lebensgrundlage einer Buchhandlung ist nun einmal der Umsatz – und der, der den Umsatz bringt, das ist der Kunde. Ganz einfach. Lustigerweise gab die betreffende Person hinterher auch zu, gerne in den Leseecken des Unternehmen zu sitzen und Neuerscheinungen da zu kaufen, die sie bei dem kleinen Buchhändler um die Ecke nicht findet. Weil’s halt praktisch ist. Das erinnert mich an die Frau, hinter der ich auf der Rolltreppe einer Hugendubel-Filiale stand und die ihrem Sohn gerade erklärte, dass das ein ganz böser Laden sei, der andere Läden kaputtmacht. Hinterher sah ich sie dann einen ganzen Stapel Bücher zur Kasse schleppen.

Aktuell tobt wegen eines Berichts in der ARD über die Arbeitsbedingungen bei Amazon allerseits die große Diskussion, alle sind empört, niemand will dort mehr kaufen.

Ja, klar.

Die aktuelle Empörung wird für Amazon genauso wenig Auswirkungen haben, wie es die Skandälchen der letzten Jahre hatten. Egal, ob das nun die Auslistung sämtlicher Diogenes-Titel im Jahr 2004 ist, als Diogenes nicht auf die hohen Rabattforderungen des Unternehmens eingehen wollte. Oder der 2009 als #amazonfail in die noch junge Twittergeschichte eingangene Vorfall, als Amazon in den USA mal eben alle schwul-lesbischen Titel aus ihren Rankings entfernt hat. Oder die Kooperation mit der NPD etwas später im gleichen Jahr. Über all die Jahre gab es so viele Momente, in denen Amazon sich Protest und schlechte Presse eingefangen hat. Über die Jahre gab es auch schon immer Berichte über die schlechten Arbeitsbedingungen dort.

Egal, nach der Aufregung wird ohnehin jeder wieder dort kaufen. Zuerst vielleicht mit schlechtem Gewissen, ja. Dann immer mutiger, mit Gedanken wie „Ach, die haben eh alle Dreck am Stecken, da kann ich gleich hier kaufen“ oder „Man kann halt nicht perfekt sein.“ Oder vielleicht auch so kaltschnäuzig, wie ich es mal nach einem Bericht über die Arbeitsbedingungen bei Hermes von jemandem gehört habe: „Jeder Mensch hat die Wahl. Die müssen da ja nicht arbeiten.“ Zynismus ist doch etwas Wunderbares. Und die Ausreden sind vielfältig, wenn man die Verantwortung von sich abschieben möchte.

Wir leben genrell in einer Zeit, in der viel zu gerne Verantwortung für das eigene Handeln abgegeben wird. Das Unternehmen ist böse, aber was kann ich dagegen machen. Der Staat soll das regeln!

Nein, so einfach ist das nicht. Wenn ich zum Billigfriseur gehe, dann unterstütze ich die Ausbeutung von Friseuren und nehme den seriös bezahlenden Salons ihre Lebensgrundlage. Wenn ich Fleisch im Supermarkt kaufe, dann unterstütze ich die Massentierhaltung. Wenn ich Klamotten bei Primark kaufe, dann unterstütze ich Hungerlöhne in irgendwelchen 3. Welt-Ländern. Und wenn ich bei Amazon kaufe, dann unterstütze ich deren Geschäftspraktiken, überhöhte Rabattforderungen an Verlage, die Arbeitsbedingungen dort. Und ich bin mitverantwortlich dafür, dass die kleinen Sortimente langsam verschwinden.

Ich werde niemanden dafür verurteilen, dass er das tut. Ich unterstütze selbst manchmal Unternehmen durch meinen Kauf, von denen ich weiß, dass ich sie nicht unterstützen sollte. Aber ich stehe dazu, dass ich damit auch das unterstütze, was dieses Unternehmen tut und meinen kleinen Beitrag zu negativen Auswirkungen des Handelns dieses Unternehmens leiste. Und das bringt mich dazu, häufiger mal den Finger vom Bestellknopf zu nehmen oder den Laden zu wechseln. Und wenn mich eines krank macht, dann sind das die vielen Ausreden und die Rufe nach staatlicher Regulierung.

Heute regen sich noch alle auf, aber morgen rennen doch wieder alle zu Amazon. Weil ich ja Studentin bin und kein Geld habe, meine englischen Bücher dort zu kaufen, wo sie ein paar Euro teurer sind; weil ich berufstätig bin und keine Zeit habe; hach, es ist ja alles ganz schlimm, aber es ist halt so schön praktisch – die anderen Buchhandlungen sind ja selbst schuld, wenn sie keinen so tollen Service haben … Und in einigen Wochen ist eh wieder Gras drüber gewachsen und ich kann auch mein schlechtes Gewissen wieder ablegen. Der Lauf der Welt …

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