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[Rezension] Abigail Barnette: The Boss (The Boss #1)

13. Februar 2014
theboss

“Not him. No. I knew him. Or, didn’t. My pulse drowned out every other sound in the room as I took him in. A sleek, sharkskin-gray suit, no tie, open collar, so different from the casual attire we’d scattered all over that hotel room floor six years ago.”

The Boss, The Boss – Band 1
von Abigail Barnette

Verlag:
ISBN: 9781311720870
Seiten: 190 (pdf, A4)
Preis: gratis auf Smashwords

Weitere Bände

Band 2: The Girlfriend
Kurzgeschichte: The Hook-Up
Band 3: The Bride (ab März 2014)

Die Versuchung
Vor einigen Tagen bin ich über einen Link zum Blog der Autorin Jenny Trout gestolpert, die dort vor zwei Jahren eine Reihe von Recaps zu Shades of Grey veröffentlicht hat. Dabei hat sie dass Buch nach allen Regeln der Kunst und mit guten Argumenten auseinandergenommen (unnötig zu erwähnen, dass sie dann von rasenden SoG-Fans ebenfalls auseinandergenommen wurde …). Spätestens beim dritten Recap hatte ich das Gefühl, mir müsste der Kopf abfallen vor lauter Nicken. Und dann sah ich, dass sie unter dem Namen Abigail Barnette ihre eigene Version eines erotischen Liebesromans mit BDSM-Elementen verfasst hat, die zudem noch von ihr kostenlos zum Download angeboten wird.

Was habe ich erwartet?
Wenn eine Autorin, die SoG aus den gleichen Gründen scheiße findet wie ich und zudem offenbar auch handwerklich Ahnung hat, einen erotischen Liebesroman schreibt, dann ist das vielleicht mal einer, der dir wirklich gefallen könnte.

Was habe ich bekommen?
Nicht den perfekten erotischen Liebesroman für mich, aber etwas, das um Welten besser ist als der Stein des Anstoßes.

Die vierundzwanzigjährige Sophie ist Assistentin der Geschäftsführerin in der Redaktion eines Modemagazins. Doch eines Tages wird die Zeitung verkauft und Sophie bekommt einen neuen Chef: den steinreichen Medienunternehmer Neil Elwood. Als sie ihrem zukünftigen Boss das erste Mal begegnet, möchte sie am liebsten im Boden versinken. Denn sie kennt ihn. Er ist der Mann, mit dem sie vor sechs Jahren einen One-Night-Stand hatte und der seitdem ständiger Gast in ihren erotischen Phantasien ist…

Natürlich kann sich jeder denken, wie es weitergeht: Die beiden stellen fest, dass sie sich noch immer voneinander angezogen fühlen und beschließen eine unverbindliche Sex-Beziehung einzugehen. Das funktioniert auch ziemlich gut, denn Sophie ist im Gegensatz zu Ana wirklich jemand, der sich im Schlafzimmer gerne unterwirft und Neil nimmt erfahren und verantwortungsbewusst den dominanten Part ein.
Immer wieder hat man bei dem Roman das Gefühl, dass Barnette mit Zaunpfählen nach „Shades of Grey“ wirft und das ist kein Wunder, denn dieses Buchprojekt ist nach den Recaps in ihrem Blog entstanden, als Versuch so einen Roman ohne platten Sexismus und mit einer respektvollen, gesunden Beziehung zu schreiben.

Sophie ist eine junge Frau, die sich in ihrem Körper wohlfühlt – zumindest muss sie nicht alle zwei Sekunden erwähnen, was für ein Wunder es doch ist, dass so ein toller Mann sie unscheinbares Ding aufgabelt – und mit ihrer Sexualität weitgehend im Reinen ist. Sie scheut sich nicht, ihre Wünsche zu äußern und sie ist es, die Neil die unverbindliche rein sexuelle Beziehung vorschlägt:

„It never crossed my mind to be worried about whether or not he’d think it was “slutty” of me to want such an arrangement. It was strange, but I felt like I could trust him to be honest with me and not judge me according to some bullshit misogynistic double standard.”

Das ist hier natürlich bewusst so hervorgehoben und einer der bereits erwähnten Zaunpfähle. Was mich persönlich immer am meisten an SoG geärgert hat, ist, dass die Medien es als die sexuelle Befreiung der modernen Frau und so einen Blödsinn feierten. Dabei ist Ana der Prototyp der konservativen Vorstellung einer Frau und ihrer Sexualität. Sie ist mit 21 noch Jungfrau, hat sich nie selbstbefriedigt und eigentlich will sie die ganzen verwegenen Dinge, die der Christian da mit ihr anstellt, gar nicht wirklich. Da muss der Mann als die drängende Kraft da sein, damit sie sich tatsächlich der Lust hingeben kann und Trout hat in ihren Recaps sehr schön beobachtet, wie „schuldig“ Ana vor den meisten ihrer Orgasmen reagiert. Die meisten Liebesromane funktionieren mehr oder weniger so, darum geht es mir gar nicht. Ich will hier nicht das Frauenbild in Liebesromanen anprangern, da schießt man ganz schnell über’s Ziel hinaus, aber mir ist wichtig, dass man ein Buch, das genau dieses konservative Rollenbild zementiert, nicht als die Errungenschaft der modernen Frau feiern sollte. Denn das ist es schlichtweg nicht.

Noch so ein Zaunpfahl, den ich jetzt mal unkommentiert lasse:

„My stomach fluttered with nervous butterflies. What if he was expecting the girl from six years ago, who’d only had sex with fumbling teenage boys? What if he got here and was turned off by my initiative? After all, he’d found my naiveté so endearing the last time we were together. Oh shut up, I scolded myself. Would you really want to fuck a guy who only wanted you for your sexual inexperience? No, because that would be weird.“

Einen weiteren Stein hatte Trout bei mir im Brett, als sie Holly einführte, die Mitbewohnerin und beste Freundin Sophies, die in diesem Buch, die Bezeichnung auch verdient und nicht ständig von Sophie für alles Mögliche verurteilt wird, wie es Ana mit ihrer Freundin tut. Holly ist Model und während in den meisten Frauenromanen Models und dünne/schlanke Frauen allgemein mit einer paranoiden Mischung aus Verachtung und Neid kommentiert werden, hat Sophie das über ihre Freundin zu sagen:

“So, here’s the deal with Holli. She’s super skinny, due to a metabolic disorder. Which means she has to eat like an elephant to look like a giraffe. It might sound enviable, and I did envy her, for about the first year I knew her. But then I slowly started to notice how often strangers would tell her to eat a sandwich, or assume that she was anorexic, just because she was thin and a model. I stopped saying stuff like, „That girl should eat,” when I saw a skinny star in a magazine.”

Danke, dass jemand mal so deutlich ausspricht, dass „body shaming“ in beide Richtungen funktioniert. Wann immer die Heldinnen in Frauenromanen und -serien sich mit schlechtem Gewissen ein Stück Schokolade in den Mund stopfen, während sie über magersüchtige Models lästern, möchte ich losschreien. Man schafft damit ein Klima, in dem eine Frau nie richtig aussehen kann. Ist sie dünn, ist sie das magersüchtige Model, ist sie es nicht, ist sie das maßlose Dickerchen. Schrecklich.

Besonderen Wert scheint Trout auch darauf zu legen, dass eine sexuelle D/s-Beziehung zu führen, nicht automatisch bedeutet, dass man den Partner auch im normalen Leben bevormundet, kontrolliert und manipuliert:

„I’m not looking for a twenty-four-seven submissive,“ he clarified. „I have enough to worry about in my own life; I don’t need the added responsibility of telling you what to do every moment of your day. Taking control during sex, some light bondage and sensation play, that’s the sort of thing I enjoy. And if you don’t want to try it, that won’t change my mind about our sexual relationship. I’d be perfectly happy either way. If you were willing to explore the possibility, though, I certainly wouldn’t object.“

Neil lässt ihr die Wahl. Nicht: Wenn du mit mir zusammen sein willst, dann musst du im Bett das machen, was ich gut finde, weil ich meine Bedürfnisse nicht denen meines Partners anpassen kann. Und er tut das, was jemand tun sollte, der der dominante Partner in einer Beziehung ist: Er übernimmt Verantwortung, kümmert sich um seine Partnerin und die emotionalen und psychischen Auswirkungen, die so ein Spiel haben kann. Und Sophie geht mit der Einstellung „I’ll try everything once“ an die Sache heran. Sie ist offen für Neues, weil sie weiß, dass sie immer abbrechen und sich dabei auf ihren Partner verlassen kann.

Ich muss zugeben, dass der größte Genuss an in diesem Buch für mich tatsächlich in diesen Dingen bestand. Dass jemand verstanden hat, was so falsch an SoG ist und ihm eine Alternative entgegensetzt. Das bringt aber auch mit sich, dass das Buch – und auch das zeigen die Zitate – überkommentiert ist, ständig versucht klarzustellen, dass es anders ist und warum es anders sein will. Es war für dieses Buch in Ordnung, vor allem, wenn man es in dem Kontext liest, in dem es entstanden ist. Generell würde ich aber lieber Bücher lesen, die unkommentiert mit konservativen Genrekonventionen brechen. Vielleicht nicht mit allen – das tut auch dieses Buch nicht (Stichwort: Millionär …), aber ein Bisschen frischer Wind und ein paar weniger sich unterordnende Weibchen, die nach der emotionalen Macht über den sie bevormundenden Mann suchen, wären schon mal nicht schlecht.

Ganz absehen von all diesen Dingen hat das Buch für mich nur im begrenzten Maße funktioniert. Der Altersunterschied der beiden ist mit 24 Jahren so signifikant, dass ich mich nicht wirklich damit wohlgefühlt habe. Sie haben zwar eine gute Beziehung und er behandelt sie nie, als wäre sie ein kleines Kind, aber ich hätte persönlich mit einem geringeren Altersunterschied leben können. Mag aber auch daran liegen, dass ich zu den wenigen Frauen gehöre, die dem Sex-Appeal von George Clooney und Co mal so gar nichts abgewinnen können. Das ist etwas schade, denn man will den Helden eines erotischen Romans ja selbst schon attraktiv finden und irgendwie hat mir Barnette – jetzt mal völlig abgesehen vom Alter – da ein bisschen zu wenig dafür getan.

Ich glaube, dass die Figuren, so schön und natürlich sie angelegt sind, hier und da vielleicht noch etwas Fleisch und gerade Sophie und Neil etwas mehr Interaktion außerhalb der Laken gebraucht hätten. Aber sie sind mir vertraut genug geworden, dass ich wissen wollte, wie es mit ihnen weitergeht und keine Sekunde gezögert habe, mir auch die Fortsetzung The Girlfriend (diesmal für etwas Geld) zuzulegen. Wobei, doch, eigentlich habe ich gezögert, weil mir das Ende aus diversen Gründen nicht gefiel. Aber dann siegte doch recht schnell die Neugier, die Sympathie zur Autorin und die Lust auf mehr.
Ach ja, und Barnette schreibt definitiv bessere erotische Szenen als E.L. James. Aber wer tut das nicht …?

Wertung: 3,5 (von 5,0)

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