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In den Schuhen der anderen

18. Februar 2015

Heute morgen linkte mir eine befreundete Verlegerin einen Artikel, der der berühmte Tropfen war, der bei mir ein Fass zum Überlaufen brachte. Was für ein Fass? Das Fass, in das ich all die Artikel und Aussagen stopfe, in denen Teilnehmer der Buchbranche sich vollmundigen gegenseitig öffentlich demontieren. Und branchenfremden Leuten, die auf die Expertise des Schreibenden vertrauen, irgendwelches Halbwissen oder schlicht blanken Unsinn in den Kopf setzen.

In dem Artikel, der der Auslöser war, klagte ein Kleinverleger sein Leid mit Buchhändlern, die angeblich eh keine Kosten haben und eh keine Leistung erbringen, ergo zu viel an einem Buch verdienen und nicht risikofreudig genug sind, weil sie seine Bücher nicht einkaufen. Übersetzt: Ich bin pissig, weil Buchhändler nicht ihre knappe Ladenfläche darauf verwenden, MEINE wertvollen Bücher einzukaufen, also erzähle ich jetzt mal allen, wie doof die sind.

Ganz ehrlich, ich habe die Nase so voll von diesem eingeschnappten Schuldzuweisungsringelreien allerorts. Zumal solche Artikel immer nur so strotzen von Ignoranz, Arroganz und Unwissenheit. Aber leider werden sie gelesen, geteilt, geglaubt.

Ich habe in der Buchbranche schon so einige Stationen hinter mir. Ich bin gelernte Buchhändlerin, habe als Praktikantin, später freie Mitarbeiterin und noch später Volontärin in den Lektoraten größerer Publikumsverlage gearbeitet. Ich habe einen Universitätsabschluss mit Bezug zur Branche und bin im Moment freiberuflich unterwegs. Es gibt ja dieses alte Sprichwort, dass man erst einige Meilen in den Schuhen des anderen gelaufen sein muss, ehe man wirklich über ihn urteilen kann. Ich hasse Lebensweisheiten, aber die ist ungemein zutreffend. Ich habe in den letzten 10 Jahren so einige Schuhe angehabt und meine Feststellung ist: Jede Seite hat ihre Sorgen, ihre Probleme und ihre guten Gründe, Dinge so zu machen, wie sie es tut. Ich musste während dieser Zeit viele Vorurteile ablegen – Vorurteile, die ich mir selbst gebildet hatte und Vorurteile, die ich aus tollen Artikeln aus dem Internet hatte.

Für jede „Verlage sind so schrecklich“-Geschichte eines Autors könnte ich eine „Autoren sind so schrecklich“-Geschichte aus Verlagssicht erzählen, für jede „Buchhändler sind so schrecklich“ eine „Verlage sind so schrecklich“-Geschichte. Aber: So what? Es gibt auf jeder Seite Leute, mit denen es schwer ist zusammenzuarbeiten, die es an Professionalität mangeln lassen. Das ist Teil des Geschäftsalltags.

Man scheint in dieser Branche (vielleicht ist es in anderen auch so, aber ich kenne nur die so genau) zu einer absoluten Egozentik zu neigen. Ich. Meine Bedürfnisse, meine Sicht der Welt. Ich, ich, ich. Das ist so traurig offensichtlich in diesen Artikeln, die gerne zu einem Rundumschlag mit Beinchenaufstampfen ausholen, ihn aber nur dürftig mit Schätzungen, Verallgemeinerungen und Milchmädchenrechnungen fernab der Realität belegen. Meist geht es gar nicht um Problemlösungen, dafür müsste man nämlich Wissen sammeln und andere Faktoren, andere Parteien und deren Bedürfnisse und Probleme miteinbeziehen.

Das ist der Grund, warum ich meinen letzten Artikel „Über Unsichtbare und Apfeltaschen“ geschrieben habe; weil ich wollte, dass man sieht, dass da noch andere sind, die etwas leisten, die man nicht vergessen darf, wenn man ernsthaft über ein Problem diskutieren möchte. Ein wenig ernüchternd war, dass die ganze Sache in einigen Autorenforen, wo der Artikel geteilt und diskutiert wurde, schnell auf den „Preisverfall“-Aspekt heruntergebrochen wurde, dann in ein ermüdendes „Verlag vs SP“ mündete (worum es mir nie ging) und schließlich in dem (aus dem Gedächtnis zitierten) Satz gipfelte:

„Für mich als Autorin ist es doch das gleiche, ob ich mein Buch für 99 Cent verkaufe oder in einem Verlag veröffentliche.“

Für mich. Ja, aber eben nur für dich.

Ich bin der Meinung, dass man in dieser Branche viel kritisieren kann und dass jeder Teilnehmer in diesem Geschäft an sich arbeiten müsste. Aber diese Rundumschläge tragen nichts Produktives bei. Sie schüren nur Vorurteile und vertiefen Gräben. Und ich habe sie so unglaublich satt.

3 Kommentare leave one →
  1. 18. Februar 2015 16:55

    Danke! Genau aus solchen Gründen versuche ich meist, mich aus solchen Diskussionen ganz raußzuziehen. Das kocht sowas von schnell hoch.

    Ich könnte mri vorstellen, dass das nicht nur Branchentechnisch der Fall ist, sondern dass das auch etwas mit dem Medium Internet zu tun hat (ich poste mal „schnell“ meine Meinung und entlasse sie in die Welt damit…) – aber auch da kann ich mich irren ,-)

    • 19. Februar 2015 23:18

      Ja, mit dem Medium hat das sicher auch was zu tun. Ist zu verlockend, mal schnell seine Meinung rauszuhauen.

      Ach, übrigens: Du hattest mir ja letztes Jahr einen Kommentar hinterlassen, dass du zu spät erfahren hast, dass ich in Leipzig auf der Messe bin. Ich bin auch dieses Jahr wieder alle 4 Tage da, hätte also reichlich Zeit für einen überteuerten Messe-Kaffee, falls noch Interesse besteht.

      • 20. Februar 2015 07:13

        Hurra! Ich bin Donnerstag bis Samstag vor Ort – und werde jetzt mal dein Kontaktformular benutzen, um Dir eine email zu schicken. Falls das nicht klappt: Meine eMail findest Du im Impressum.

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