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[… books] Caitlin Moran: All About a Girl

29. September 2015
allaboutagirl

„Und wenn Courtney Love mit einer Mischung aus Selbsthass und Trotz ‚Teenage Whore‘ singt, überkommt mich eine seltsame Ruhe, aber aufregend finde ich es auch. Dass Frauen etwas über sich selbst zu sagen haben, statt immer nur von Männern beschrieben zu werden, gibt mir das wunderbare Gefühl, dass plötzlich alles möglich ist. ”

All About a Girl
von Caitlin Moran

Verlag: carl’s books, 2015
ISBN: 9783570585429
Seiten: 383
Preis: 14,99 €

übersetzt von Regina Rawlinson

Englische Ausgabe

howtobuild
How to build a girl

Ebury Press
Juli 2014
0091949025
ca. 18,00 €

Johanna Morrigan startet nicht unbedingt mit den besten Voraussetzungen ins Leben. Sie wächst in einer Sozialsiedlung in Wolverhampton auf, mit einem Vater, der seit 20 Jahren nichts anderes tut, als erfolglos an seiner Karriere als Rockstar zu basteln – bevorzugt am Tresen in der Kneipe – und einer Mutter, die erst bei der Geburt der Zwillinge merkt, dass sie wieder schwanger ist. Aber nicht nur ihre Lebensverhältnisse machen ihr zu schaffen, auch die Tatsache, dass sie noch immer keinen Sex hatte – und das, wo sie doch gerade auf der Höhe ihrer jugendlichen Hormone ist. Als sie einen Fehler macht, der ihre Familie einen guten Teil ihrer Sozialhilfe kosten könnte, beschließt sie, dass sie Geld verdienen muss. Nach einigen erfolglosen Versuchen steht ihr Plan fest: Sie kann schreiben, sie mag Musik, sie wird Musikkritikerin. Mit Kassetten aus der Fernleihe der Bibliothek und dem Radio erweitert sie ihr Wissen, mit Klamotten vom Flohmarkt, Schminke und Haartönung erfindet sie sich neu als ein Mädchen namens Dolly Wilde, das schon bald für ein Musikmagazin schreibt und auf Szenepartys nach London eingeladen wird und, ja, endlich Sex hat.
Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal froh über eine Heldin sein würde, die in der Eingangsszene enes Romans masturbiert. Sonst tendierte ich in solchen Fällen eher dazu, genervt zu sein. Schon wieder jemand, der zeigen will, wie rebellisch und gewagt er ist. Schon wieder ein Buch mit dem elenden Stempel „tabulos“. Aber interessanterweise fand ich Johannas Auslassungen über Sex nie auf diese Weise effekthascherisch, sie fügten sich perfekt in das Buch ein, gehörten zu ihr. Und dabei war es seltsam tröstend, über ein Mädchen zu lesen, das überhaupt so etwas wie sexuelle Bedürfnisse hat und sich selbst darum kümmert – gerade in dieser Zeit, in der ein Buch zum Weltbestseller mutiert, dessen Heldin zwanzig werden konnte, ohne je masturbiert zu haben und die ihre Sexualität natürlich (natürlich!) erst mit dem richtigen Mann entdeckt und der die beste Freundin mit ihren wechselnden Partnern nicht ganz geheuer ist – um es euphemistisch auszudrücken. Und auch in den aktuellen Jugendbüchern suchen Mädchen dieser Tage vor allem nach dem richtigen Mann (oder besser: sie suchen ihn nicht, sie werden von ihm gefunden). Johanna dagegen sucht nach sich selbst. Und nach Sex. Für sich selbst. Und das macht dieses Buch so erholsam: Es ist kein Buch, geschrieben für den männlichen Blick, es geht nicht um die „verdorbene“ Johanna, an der man sich aufgeilen kann, es geht auch nicht um eine Frau auf der Suche nach dem „Richtigen“, sondern es geht um das Erwachsenwerden des Mädchens Johanna mit ihren Bedürfnissen und Erfahrungen, mit Fehlschlägen und Erfolgserlebnissen. Ich finde, nichts fasst das besser zusammen als die Passage, in der Johanna über die Frauenmusik der 90er spricht:

Und wenn Courtney Love mit einer Mischung aus Selbsthass und Trotz „Teenage Whore“ singt, überkommt mich eine seltsame Ruhe, aber aufregend finde ich es auch. Dass Frauen etwas über sich selbst zu sagen haben, statt immer nur von Männern beschrieben zu werden, gibt mir das wunderbare Gefühl, dass plötzlich alles möglich ist.
Mein Leben lang habe ich lieber gleich ganz die Klappe gehalten, wenn mir keine Bemerkung eingefallen ist, mit der man einen Jungen vom Hocker reißen kann. Aber jetzt wird mir klar, dass die Welt noch eine andere Hälfte hat, mit der ich reden kann, eine unsichtbare Hälfte – die Mädchen. Mädchen, die genauso stumm und frustriert sind wie ich, die nur auf ein Startsignal warten.

Und noch etwas hat mein Herz höher schlagen lassen: Die Nostalgie! Die Neunziger waren meine Teenagerzeit, in der ich Konzerte und Festivals besucht und dank dem damaligen Viva 2 meine Liebe zu Indie und Alternative-Musik entdeckt habe. Viele der Bands aus dieser Zeit hatte ich schon fast vergessen (unter anderem Courtney Loves „Hole“) und sie und das Gefühl der Zeit wurden mir mit diesem Buch wieder in Erinnerung gerufen und plötzlich fühlte ich mich gleichzeitig alt und jung und konnte unsere Elterngeneration besser verstehen. Nichts prägt so sehr wie die Musik, die man zwischen 15 und 20 hört.
Und letztlich geht es in dem Roman um das, worum es in so vielen Büchern geht, weil es uns im Grunde unser halbes Leben lang beschäftigt: das Erwachsenwerden. Sich selbst zu finden, zwischen den Erwartungen der anderen und den eigenen Bedürfissen und Wünschen:

So sieht sie aus die Jugendzeit: eine unendliche Folge von Abriss und Wiederaufbau, wie bei Zeitrafferaufnahmen von Städten zu Wirtschaftswunderzeiten oder im Krieg. Dabei muss man furcht- und maßlos sein. Man geht volles Risiko ein, alles oder nichts, und wenn man auf die Nase fällt, rappelt man sich hoch und startet noch mal neu durch.
[…]
Eines Tages sitzt du dann da mit einem Glas Wein – denn du trinkst jetzt Wein, du bist ja erwachsen -, und bist beeindruckt, wie weit du gekommen bist. Staunend blickst du zurück auf die vielen Geheimnisse, die du bewahren wolltest – auch das Geheimnis deiner Person. Auf deinen Versuch einer Metamorphose im Dunkeln. Auf das laute, saufende, vögelnde, kajalverschmierte, lachende, ritzende, Panik schiebende Geheimnis, das du einmal gewesen bist. Obwohl du damals ungefähr so geheim warst wie der Mond. Und genauso hell geleuchtet hast, verborgen unter all den schrägen Klamotten.

Man muss keinen so extremen Weg wie Johanna gehen, um sich in diesen Worten wiederzuerkennen. Und doch – oder gerade deshalb – ist es so interessant, (deutsche) Rezensionen zu dem Buch zu lesen. Da beklagt beispielsweise eine Rezensentin, dass Johanna nicht dem Bild eines typischen 14jährigen Mädchens entspricht: „Johanna dagegen beschäftigt sich unfassbar viel mit Sex und ihrem Selbstbild. Sie hat eine recht derbe Ausdrucksweise, eine große Klappe und macht im Grunde genau das, was ihre gerade in den Sinn kommt.“ Ja, Johanna entspricht nicht dem Bild der typischen 14jährigen, vor allem nicht dem der typischen Roman-14-jährigen, die wir dieser Tage wieder und wieder präsentiert bekommen. Über Sex sprechen. Als Mädchen! Sich mich sich selbst beschäftigen, das tun und sagen, was einem in den Sinn kommt. So was tun Mädchen nicht. Mädchen sind pflichtbewusst, brav und nicht auf der Suche nach Sex, sondern warten auf die große Liebe. Das ist auch deshalb so interessant, weil es unter anderem zeigt, wie sehr diese Bücher uns als Leserinnen und unser Selbstbild als Mädchen/Frauen prägen.

Ich habe das Buch in der deutschen Übersetzung von Regina Rawlinson gelesen, die, soweit ich das beurteilen kann, gute Arbeit geleistet hat. Es muss eine echte Herausforderung gewesen sein, ein so umgangssprachliches Buch zu übersetzen und mir ist beim Lesen nichts aufgefallen, das negativ herausgestochen wäre.
Und so war das Buch eine rundum angenehme, extrem amüsante und nachdenklich stimmende Leseerfahrung, die ich gerne weiterempfehle.

Wertung: 4,5 (von 5,0)

9 Kommentare leave one →
  1. 30. September 2015 13:02

    An dem Buch kommt man irgendwie nicht vorbei oder?🙂 Ich habe es auch sehr gern gelesen. Wenn ich auch sagen muss, dass mir da eine Spur zu viel Sex drin war, einen winzigen Tick weniger hätte der Geschichte gut getan.
    Kennst Du vielleicht auch „How to be a Woman“?

    • 30. September 2015 18:54

      Bei mir war es irgendwie eher Zufall, dass es mir in die Hände gefallen ist, ich kannte vorher weder Caitlin Moran noch hatte ich was darüber gehört.
      Der Sex ja, es gab Stellen, da dachte ich auch kurz: too much information! Aber alles an allem, war ich so angetan von dem Buch, dass das gar nicht so ins Gewicht fiel.
      „How to be a woman“ steht mittlerweile auf der Wunschliste.

      • 1. Oktober 2015 13:53

        Mir hat es auch so gut gefallen, dass ich das andere auch gleich besorgt und hinterdrein gelesen habe. Wirkt wie eine Art Fortsetzung.
        Schade, dass so viele andere offenbar gar nicht verstehen, was sie da gelesen haben, das hat das Buch nicht verdient.

        • 1. Oktober 2015 18:35

          Genau das. Das Lesen einiger Rezensionen hat mich in mehrerlei Hinsicht nachdenklich gemacht. Auch, weil sich bei vielen offenbarte, dass die über die alleroberste Ebene eines Textes erst gar nicht mehr hinauslesen (wollen? /können?).

  2. 30. September 2015 14:05

    Das klingt richtig toll, auch was du so alles im Vergleich zu sonstigen Romanheldinnen schreibst. Hatte das Buch eh schon auf der Liste, aber jetzt hast du es mir noch mal schmackhafter gemacht🙂

  3. 2. Oktober 2015 09:25

    Nicht umsonst habe ich gleich an den Anfang meiner Rezi geschrieben, dass das kein Buch für jeden Leser ist. In letzter Zeit frage ich mich sehr oft, warum ich offenbar ein anderes Buch gelesen habe, als alle anderen, aber wenn ich dann Meinungen dazu überfliege, wird es mir schnell klar. Ich frage mich auch öfter mal, ob das der Grund ist, warum die Jugendbücher schon so lange hypen … aber das wird jetzt vermutlich eher gemein, darum break.
    Ich selbst mochte das Buch auch gern und empfehle es gern weiter.
    „How to be a woman“ habe ich bei einer Tauschbörse bekommen und nach dem Lesen einer anderen lesenden Bloggerin weitergeleitet. Wir hatten unter dem Oberthema „Frauen“ mal einiges ausgetauscht und viele Aspekte davon kommen in dem Buch vor.

  4. 31. Oktober 2015 20:42

    b

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