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[… books] Verena Friederike Hasel: Lasse

25. Februar 2016
lasse

„Ab morgen werde ich mich mustergültig um alles kümmern. Werde Felix baden und seine vollgekoteten Sachen waschen, werde nicht mehr so viel im Internet surfen und mich an all die mit Textmarker markierten Stellen in meinen Büchern halten, werde nicht mehr genervt sein und nie wieder etwas Böses denken. Ab morgen werde ich eine rundum gute Mutter sein, aber jetzt muss ich erst mal schlafen. ”

Lasse
von Verena Friederike Hasel

Verlag: Ullstein, 2015
ISBN: 9783550080937
Seiten: 200
Preis: 18,00 €

Ich schicke an dieser Stelle eine Warnung voraus: Dieser Text verrät das Ende des Buches. Ich sehe einfach keinen Sinn darin, ewig um den heißen Brei herumzureden, um nicht zu spoilern. Wichtig ist bei diesem Roman der Prozess, der zum Ende führt, nicht das Ende selbst. Wer dennoch zu viel Angst vor Spoilern hat die Kurzfassung: Sehr gutes Buch um das Tabuthema „Mütter, die ihr Kind nicht lieben können“.

In „Lasse“ geht es um Nina, eine junge Studentin, die eine Affäre mit ihrem Arzt beginnt. Für ihn ist sie nur ein Abenteuer, um sich über seine Ex hinwegzutrösten, aber sie will mehr. Als sie schwanger wird, will er abtreiben lassen, aber sie will das Kind unbedingt bekommen. Sie bereitet sich perfekt vor, besucht Kurse, liest Ratgeber, kauft ein, und gibt dem Ungeborenen den Namen Lasse.
Und dann kommt das Baby. Die Geburt verläuft nicht so „sanft und natürlich“ wie geplant, sondern wird zu einem traumatischen Erlebnis für Nina. Und als das Kind in ihren Armen liegt, ist sie fest davon überzeugt, dass es nicht ihr Kind sein kann. Es ist ihr fremd und sie verspürt keine Liebe zu ihm – aber Mutterliebe ist doch selbstverständlich, oder? Sie nennt das Kind ab jetzt Felix und als sie mit ihm in ihre heimische Wohnung kommt, bricht die Überforderung vollkommen über sie herein. Sie kann das Kind nach wie vor nicht lieben und es will ihr auch nicht gelingen, sich so perfekt darum zu kümmern, wie die Ratgeber es vormachen. Sie sucht Hilfe bei anderen Müttern und erfährt nur Ablehnung. Egal ob Müttergruppe oder Mamaforum: Eine Mutter, die ihr Kind nicht liebt, darf nicht sein. Nina gerät immer mehr in eine Abwärtsspirale, und am Ende des Buches ist das Kind tot.

Ich hätte nie gedacht, je ein Buch zu lesen, in dem es um Schwangerschaft und Muttersein geht. Ich meide das Thema in der Regel wie der Teufel das Weihwasser. Denn eines war für mich ab meinem 12 Lebensjahr klar: Ich will keine Kinder. Nicht, weil ich ein Problem mit Kindern habe, sondern einfach, weil ich keinen Wunsch danach verspüre. Weil man etwas, dem man den Großteil seines Lebens widmet, mit ganzem Herzen wollen muss. Ich sehe das Thema letztlich auch zu nüchtern, als dass ich mit den romantisierten Darstellungen von Kinderkriegen und Mutterschaft etwas anfangen könnte.
Meine Umgebung hat meine Entscheidung akzeptiert, doch für viele scheint eine Frau ohne Kinderwunsch ein riesiges Problem zu sein. Im letzten Jahr veröffentlichte die britische Journalistin Holly Brockwell eine Reihe von Artikeln, in denen sie über ihren nicht vorhandenen Kinderwunsch sprach und darüber, wie unmöglich man es ihr machte, mit beinahe 30 eine Sterilisation durchführen zu lassen. Als Reaktion erhielt sie so viel Hass und so viele Drohungen, dass die BBC Sicherheitspersonal schicken musste, weil man Sorge um ihr Wohlergehen hatte. Auch Sarah Kuttner bekam 2014 zu spüren, dass man als Frau Kinder nicht einfach „doof“ finden und sich deshalb gegen die Mutterschaft entscheiden darf. Unnatürlich, krank, selbstsüchtig – eine Frau, die kein Kind will ist für viele ein schlechter Mensch. Und daran sieht man schon ganz gut, was für unbedingte, nicht verhandelbare Erwartungen an Frauen beim Thema Mutterschaft gestellt werden.

Und hier schließt sich der Kreis für meine Motivation, das Buch zu lesen. Die Protagonistin will zwar ein Kind, aber als sie feststellt, dass sie es nicht lieben kann, trifft genau dieses Klima sie mit voller Härte.
Als Frau ist deine größte Tugend die Aufopferung. Aber das reicht noch nicht: Du musst dabei glücklich sein. Doch Nina ist nicht glücklich. Als Mutter muss man sein Kind über alles lieben. Aber Nina liebt ihr Kind nicht. In Interviews spricht die Autorin davon, dass man uns in einer Partnerschaft zugesteht, dass Gefühle abkühlen können, dass man Liebe nicht erzwingen kann, aber wenn es um Mutter und Kind geht, ist diese Liebe in Stein gemeißelt. Dass Nina ihr Kind nicht liebt, ist auch nicht das eigentliche Drama des Buches. Dass sie es nicht nicht lieben darf, ist es. Nina gerät immer mehr in einen Strudel aus Schuldgefühlen, der schlimmer wird, je öfter sie den Kontakt zu ihrer Umgebung sucht und je öfter sie von ihr abgestoßen wird. Das ist schmerzhaft zu lesen, aber man kann nicht aufhören, man wird mithineingezogen bis zum bitteren Ende. Es ist auch deshalb so schmerzhaft, weil man nicht einmal schwanger gewesen sein muss, um das, was Nina widerfährt, wiederzuerkennen. Die Ratgeber mit den blitzsauberen Babys und ihren selig lächelnden Müttern vor einem Rausch aus unbefleckten Pastellfarben. „Glückliche Babys weinen nicht“, liest Nina in einem dieser Ratgeber. Am Ende kommt sie zum Schluss, dass ihr Kind sehr sehr glücklich sein muss. Denn es weint ja nicht mehr.
Man kennt sie, die Internetmamas mit ihren Blogs und Instagrammaccounts, wo sie sich täglich die heile Welt vorheucheln mit Kleidchen und Schühchen und Kinderzimmern wie aus dem Möbelhauskatalog. Wie sie in Foren Tipps austauschen und sich gegenseitig überbieten in ihrer Kompetenz. Als Nina mit ihrem Problem in eines dieser Foren gerät, schlägt ihr nichts als Ablehnung entgegen. Eine Mutter, die sich manchmal wünscht, nie ein Kind bekommen zu haben? Ein Monster!
Ich bin mir sicher, mehr als eine dieser Frauen leidet darunter, der Perfektion nicht standhalten zu können, aber dieses Klima erhält sich selbst. Man trägt dazu bei, oder man wird von ihm erdrückt.

Es stecken noch viele andere Aspekte in dem Buch. Wie Nina ihre Umgebung während der Schwangerschaft erlebt:

Damit meiner [Babybauch] schön zur Geltung kommt, habe ich mir ein halbes Dutzend enger Pullis gekauft, und seitdem die vielen Bauarbeiter hier in der Gegend sehen, dass mein Körper nicht bloß zum Sex was taugt, sondern auch Leben schenken kann, stoßen sie, wenn ich vorbeilaufe, nicht mehr gellende Pfiffe aus, sondern schauen ehrerbietig und ein wenig scheu, und auch die Frauen blicken zum ersten Mal in meinem Leben mit Wohlwollen auf mich.

Die Art, wie mit Nina im Krankenhaus umgegangen wird, dass man ihr Schmerzmittel verwehrt, sie nicht ernstnimmt in ihren Wünschen. (Hier gibt es zu dem Thema einen interessanten Artikel). Wie ihre Umgebung von Anfang an ihre Warnsignale übergeht. Im Krankenhaus, in der Müttergruppe. Irgendwo zwischen „Stell dich nicht so an“ und „Streng dich mehr an“.
Und so bleiben die Hilferufe einer überforderten jungen Frau mit psychischen Problemen ungehört. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
Und man muss an die Medienberichte denken, die ein großes Oh und Ah veranstalten, wenn wieder tote Babys gefunden werden. Wie konnte das nur passieren?

Ein wichtiges, sehr intensives Buch, das die richtigen Fragen über Rollenbilder, Geschlechterstereotype und das Ideal der Mutterschaft in unserer Gesellschaft aufwirft. Es ist kein leichter Stoff und ich kann die Aussagen anderer bestätigen: Es ist gut, dass das Buch so kurz ist, denn irgendwann hat man das Gefühl, es keine Sekunde länger aushalten zu können.
Trotzdem: Lesen!

Wertung: 4,5 (von 5,0)

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