Skip to content

[… thoughts] Vier Meter Tüll – Nachdenken über kleine Freiheiten

27. März 2016

Vor einigen Monaten war ich in einem Stoffladen und habe aus einer Laune heraus blauen Tüll gekauft. Kurz zuvor hatte ich diesen Rock gesehen und spontan Lust bekommen, ihn selbst zu nähen.
Als ich darauf wartete, dass die Verkäuferin mir die gewünschte Länge abschnitt, stellten sich zwei Frauen mittleren Alters hinter mir an und unterhielten sich, bis ihr Blick auf den Tüll fiel. „Sie fangen aber schon früh mit Fasching an“, lautete ihr Kommentar. „Ist nicht für Fasching“, sagte ich, und die Verkäuferin sprang mir bei: „Nein, auch die Tänzerinnen kaufen den gerne.“ Aha, machten die Frauen, froh, eine Erklärung dafür gefunden zu haben, was eine erwachsene Frau im Dezember mit vier Metern Tüll will. „Nein“, sagte ich, fischte nach meinem Handy und zeigte ihnen das Bild von dem Rock. Schweigen. Dann ein „Na ja, Sie sind ja noch jung, Sie können so was ja noch tragen.“ (Ich nehme an, sie haben mich wie viele andere auf Mitte 20 statt Mitte 30 geschätzt …)

Nun finde ich so was, ehrlich gesagt, ziemlich dumm. Mit 18 hätte ich diesen Rock niemals getragen, damals war ich viel zu befangen, habe mich viel mehr darum geschert, was „die anderen denken“. Die vielen Jahre, die ich wegen meines zu dünnen Körpers gehänselt worden war (ja, auch das gibt es), hatten bei mir Spuren hinterlassen, und lange wagte ich gar nicht, mich wirklich mit Mode auseinanderzusetzen, weil ich mich dann ja auch mit meinem Körper hätte auseinandersetzen müssen, der nicht die Rundungen hatte, die sich für eine Frau gehören. Es hat mich Jahre meines Erwachsenenlebens gekostet, mich mögen zu lernen, herauszufinden, was mir an mir gefällt und so etwas wie einen eigenen Stil zu entwickeln. Und wenn ich dann die Lebenserfahrung und das Selbstbewusstsein habe, um mich in blaue Tüllröcke zu kleiden, soll ich zu alt dafür sein? Da ist man ja gleich doppelt bestraft. Was für ein Bullshit.

Ich sagte also freundlich lächelnd zu den Damen: „Iwo, man ist nie zu alt. Man sollte immer das tragen, worauf man Lust hat.“ Und dann traf mich eine Welle des lautstarken Protests aus drei Frauenmündern gleichzeitig. Ich bin vorsichtshalber gleich mal einen halben Schritt zurückgetreten, als mir erklärt wurde: „Nein, nein, das geht gar nicht!“ Und die Verkäuferin konkretisierte: „Also irgendwo sind ja wohl noch Grenzen.“
Ich lächelte höflich, nahm meinen Stoff und floh zur Kasse.

Der Vorfall hat mich länger beschäftigt, als ich gedacht hätte. Wir alle stecken in diesem Korsett aus gesellschaftlichen Regeln und Erwartungen. Unser Alter, unser Geschlecht, unsere Herkunft bestimmen genauestens, was sich „gehört“ und was nicht. Und es macht die Leute nicht wirklich glücklich. Wie oft habe ich Menschen seufzend sagen hören, sie seien „zu alt“ für dieses oder jenes. Um im nächsten Atemzug jemanden dafür zu verdammen, dass er sich diese Freiheit nimmt, statt ihn zu beglückwünschen und mitzumachen. Und so erhalten sich solche Regeln selbst.
Das ist etwas, was ich wusste, ich hatte es ja am eigenen Leib schon zu spüren bekommen, aber es faszinierte mich, wie heftig die Reaktion auf meine Anregung, doch einfach diese Bekleidungsregel über Bord zu werfen, ausfiel. Ich meine, es ist ja nicht so, als hätte ich sie zum Drogenkonsum oder einer anderen Straftat überreden wollen. Es ging lediglich um ein bisschen textilen Ungehorsam.

Und dabei jammern doch um mich herum alle, wie gegängelt sie sich fühlen. Die Raucher vom Rauchverbot, die Rassisten, weil sie nicht mehr N* sagen dürfen, die Komiker, weil es Leute gibt, die ihre Witze über marginalisierte Gruppen von Menschen (verzeihung, Satire!1!!!!!einself) scheisse finden, Männer, weil sie ein „Nein“ akzeptieren und einer Frau keine „Komplimente“ hinterhergrölen sollen.  Als jemand den Vorschlag eines vegetarischen Tages in Kantinen machte, dachte man die Welt geht unter, und regelmäßig fühlen sich andere Fleischesser durch die bloße Existenz von Vegetariern und Veganern in ihren Freiheiten beschnitten.

Dabei gibt es neben „Keine Tüllröcke für betagte Damen!“ eine ganze Menge von Regeln, die einfach so hingenommen und sogar mit Zähnen und Klauen verteidigt werden. Blau für Jungs, Rosa für Mädchen zum Beispiel. In Kinderbekleidungs- und Spielzeugläden verläuft zunehmend eine scharfe Trennlinie und man fragt sich langsam, wann sie anfangen Stacheldraht dazwischen zu ziehen und beim Einlass nach dem Geschlecht des Kindes zu fragen. Gott behüte denjenigen, der zu Bedenken gibt, dass der Regenbogen noch mehr Farben hat und dass diese strenge Aufteilung doch recht sinnbefreit ist. Genderterroristen! Wollen uns unser flexibles, total natürliches und freiwilliges Blau-Rosa-Schema nehmen und uns dazu nötigen, frei(!) unter den Farben zu wählen. Da kann man schon verstehen, dass der Bürger da in Aufruhr gerät.

Ein Soziologe oder Psychologe könnte jetzt viel darüber erzählen, wie so etwas zustande kommt. Über den Sinn und Unsinn gesellschaftlicher Regeln, Werte und Normen. Darüber, dass wir sie so sehr verinnerlichen, dass viele von uns die Befreiung davon als maximalen Affront oder sogar als die eigentliche Gängelung empfinden, auch wenn es nur um Kleinigkeiten geht. Darüber, dass das Etablieren neuer Regeln auf so viel Widerstand stößt, während wir uns den vertrauten einfach so beugen und sie sogar bewahren wollen, selbst wenn wir niemandem schaden würden, wenn wir uns davon befreien, und was gesellschaftliche Hierarchien damit zu tun haben.

Aber ich bin beides nicht, also bleibt mir nur das Beobachten, das Nachdenken und das Wundern. Und daran zu arbeiten, aus mir selbst einen offeneren, freieren Menschen zu machen, der auch mit 90 noch royalblaue Tüllröcke trägt, wenn sie ihm gefallen, denn ich habe nur das eine Leben.

3 Kommentare leave one →
  1. 28. März 2016 09:54

    Und das erste, was ich nach dem Lesen denke ist: Sie hat kein Bild von dem Rock dabei.😦 Ich finde die Idee nämlich richtig klasse.
    Letztens erst gab es ja einen Artikel, wo ein Mann (*hüstel) Frauen ab 40 sagen wollte, was sie am besten nicht mehr tragen sollten, unter anderem ging es auch um Rocklänge und wo Ärmel hinsollten …
    Etwas Ähnliches habe ich auch erlebt, als ich neulich im Wolladen mit meiner Mutter stand. Ihre Patentochter wird bald das erste Mal Mama und wir suchten nun Wolle, um daraus eine Decke zu machen bzw. auch anderen Babykram. Das erste, was wir gefragt wurden, war was es denn wird. Und als wir „Mädchen“ sagten, wurden wir an allem, was irgendwie Blau aussah, vorbeigeführt. Dabei hatte ich gerade Türkis im Kopf, weil die werdende Mama das mag. Gelb und helles Grün geht auch noch für ein Mädchen, falls das jemanden interessiert, aber Rot und Rosa seien besser. Mhm. Ich mach sie jetzt übrigens bunt, die Decke, aber eher weil ich auf den ganzen Schei… keine Lust mehr hatte. Meine Mutter hat sich für ein Verlaufsgarn weiß-blau-stein-rosa-lila entschieden, weil da Glitzerfäden drin sind.
    Insgesamt habe ich aber gedacht, dass sich viele ja auch wundern, dass man nur noch im Internet einkauft.
    Ich will ein Bild von dem fertigen Rock sehen, bitte.🙂

    • 28. März 2016 17:42

      Hoplla, da hab ich glatt die Verlinkung vergessen … Rockanleitung mit Bild ist jetzt verlinkt. Genäht hab ich ihn leider noch nicht.😦

      Also das mit Rosa/Blau: Der Kunde ist aber mittlerweile auch echt krass drauf gepolt, insofern seid ihr eher die Ausnahme gewesen. Ich habe im letzten Jahr für ein paar Monate wieder in einem Buchladen Teilzeit gearbeitet und was ich da erlebt habe … Ich wurde richtg derb angemacht, weil ich ein Buch für eine erwachsene Frau in royalblaues Papier gepackt habe. Als ich das fürs Mädchen in fröhliches türkis und lindgrün wickelte, weil wir nur Platz für zwei Rollen haben und die Farben durchwechseln, hieß es, ob ich denn nichts mädchenhafteres hätte und als ich für einen Jungen ein Einschlafbuch empfahl, in dem ein Mädchen das Einschlafen lernt, reagierte die Kundin einigermaßen … befremdet. Beim Gemeinschaftsgeschenk für die neugeborene Tochter der Kollegin hab ich mich dann gegen das pinke Teil und für das bunte ausgesprochen (das tatsächlich auch schöner war) und meinte scherzaft: Ich bin gegen Pink! Die Chefin indigniert: Man kann nicht einfach so gegen pink sein! Hilfe.
      Das ist mittlerweile echt kein Spaß mehr. Es gibt Kunden, die hätten eurer Wollverkäuferin die Augen ausgekratzt, wenn sie ihnen blaue Wolle angeboten hätte.😀 (Aber mir ist schon klar, dass dieses Exemplar von Verkäuferin selbst auf dem Trip ist …).

      • 29. März 2016 17:50

        Ich schau ihn mir gern an, wenn er dann fertig ist🙂 Aber das Nähen an sich wird bestimmt nicht einfach, Tüll ist nicht ganz so zahm oder? Ansonsten finde ich ihn aber toll.
        Das Gepoltsein glaube ich gern. Ob man da überhaupt noch was machen kann?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s