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Das schleichende Ende einer Liebe: Die Leipziger Buchmesse

13. September 2016
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Ich war noch Schülerin, als ich irgendwann um 2000 ein Bahnticket kaufte und allein zu meiner ersten Buchmesse nach Leipzig fuhr. Es war der Beginn einer kleinen Liebe, und seitdem habe ich, mit Ausnahme der Zeit in Korea, keine Messe verpasst.

Die Buchmesse Leipzig wurde für mich zu dem Ort, wo ich meine Internetfreunde traf, einen wunderbaren Haufen sehr unterschiedlicher Menschen, mit denen ich Fantasy-Rollenspiele schrieb und ganze Wochenenden „Munchkin“ und „Werwölfe im Düsterwald“ spielte. Ich verbinde viele kleine und große Erinnerungen mit dieser Zeit, auch wenn ich zu der lustigen Truppe von damals heute nur noch losen Kontakt habe. Die Messe war einladend für junge Leute wie uns, weil hier Comic, Manga und Fantasy einen Platz hatten, der ihnen sonst in der Branche nur naserümpfend oder widerwillig eingeräumt wird.

Mit den Jahren bevölkerten zunehmend Cosplayer, die man zunächst mit freiem Eintritt anlockte, die Messe und machten sie etwas lebhafter und bunter. Manchmal verbrachte ich vier Tage dort und saß einen davon nur auf den großen Treppen in der Haupthalle, um mir die Kostüme anzusehen. Ich habe es immer geliebt, wenn da Menschen verschiedener Altersgruppen mit vollkommen gegensätzlichen Interessen aufeinandertrafen und kommunizierten. Mehr als einmal sah ich ältere Menschen, die das Gespräch mit jungen Cosplayern suchten und sie dazu befragten, was sie denn darstellten und ob das nicht unbequem sei. Wann sonst passiert so etwas schon mal?

So muss ein Fest des Lesens für mich aussehen, dachte ich immer. Verschiedene Genres, verschiedene Formen des Geschichtenerzählens auf einem Fleck. Jung und Alt, Anspruch und Unterhaltung nebeneinander und miteinander. Gerade hier in Deutschland, mit unserem Graben zwischen „U“ und „E“, war es eine Wohltat, so etwas zu sehen.

Nun, das kommende Jahr ist das erste, in dem ich erwäge, nicht hinzufahren.

Warum?

Es haben sich Dinge verändert, zu viele, um sie zu ignorieren. Die Anwesenheit dieser jungen, bunten Menschen stieß nicht nur auf Gegenliebe. Es gab mehr als einen, dem sie ein Dorn im Auge waren und der sich wohl auch bei der Messeleitung beschwerte. Zunächst ohne Erfolg, die Messe wurde von Jahr zu Jahr etwas voller und etwas bunter. Halle 2, die Halle, wo Kinderbuch und Comic angesiedelt waren, wurde irgendwann so voll, dass man sich kaum noch darin bewegen konnte. Und noch ein anderes Problem gab es: Kleine Verlage in diesem Bereich meldeten sich als Händler an, um das Verkaufsverbot der Messe zu umgehen – oft die einzige Möglichkeit, überhaupt den Stand zu finanzieren – und zogen damit erst recht den Groll anderer Aussteller auf sich.

Deshalb hatte ich zunächst auch große Hoffnungen, als man ankündigte, Halle 1 zu öffnen und dort Raum für Comic- und Mangaverlage zu schaffen. Ich hoffte, dass man die ganze Messe entzerren, vielleicht sogar die Fantasy mit ins Boot holen und einfach was Tolles auf die Beine stellen würde. Doch schon als wir (wir, das bin ich und die Mitarbeiterinnen eines kleinen Verlags, die mich immer in ihrer Verlags-WG aufnehmen) dort ankamen, wurde mir klar, dass dem nicht so sein würde. Die Halle war nur halb gefüllt, ein paar Verlage, eine Bühne, eine Signierinsel, der Rest Verkaufsstände. Nicht einmal die „normalen“ Comic-Verlage hatten sich dem Umzug in Halle 1 angeschlossen, sondern waren mit Gemeinschaftsständen im allgemeinen Teil der Messe verblieben. Als ich dann den Messeplan sah, wurde mir klar, dass hier nicht „erweitert“, sondern „abgeschoben“ wurde. Auf dem Messeplan war Halle 1 als „Manga und Comic-Convention“ eingetragen, also quasi als eigene Veranstaltung, die irgendwie nicht zur Messe gehörte. Deshalb waren die dort ausstellenden Verlage auch gar nicht erst im Ausstellerverzeichnis der Messe zu finden. Ein klares „Die gehören nicht zu uns.“. Und die Botschaft kam an. Als ich einen ehemaligen Kollegen an seinem Stand in Halle 5 besuchte, erzählte er mir von Standnachbarn, die Cosplayern hinterherriefen, sie sollten sich in „ihre Halle scheren“. Wir und die. Die Anspruchsvollen und der Pöbel. Sind wir schon wieder so weit.

In diesem Jahr dann war die Halle voller – aber nicht mit Verlagen oder spannenden Ausstellern, sondern mit Verkaufsständen, die billige Chinaware für sehr viel Geld anboten. K-Pop-Kissen, Kontaktlinsen, Plüschtiere, Schlüsselanhänger und was noch. Natürlich darf es so etwas dort gerne geben, aber die schiere Masse erdrückte den Rest der Veranstaltung. Der Messe bringen diese Stände bei jährlich steigenden Standgebühren sicherlich ganz gut Geld ein, aber vom Charme der früheren Messen ist nicht mehr viel übrig.

Heute las ich dann hier und hier, dass man WerkZeugs, die sich seit einigen Jahren um den Fantasybereich auf der Messe kümmern, mit extrem hohen Standgebühren vergrault hat. Und es passt leider nur zu gut ins Bild.

(btw: Ob man dem Compact-Verlag auch die Standgebühren verdoppelt? Oder ob man ihn wieder mit seinem Bollwerk von einem Stand und seinen schwarzgekleideten Wachmännern direkt neben den Verlagen für schwule und lesbische Literatur ansiedelt? Auch das etwas, das bei der letzten Messe viele Fragen bei mir aufgeworfen hat.)

Laurie Penny, die dieses Jahr auf der Messe las, schwärmte in einem Interview davon, wie toll es hier sei, eine „ernsthafte“ Buchmesse und eine Comic- und Fantasycon in einem! Leider sehen die Veranstalter der Messe das wohl anders. Dem bunten, jungen Publikum, das man einst anlockte, und das einem zu Besucherrekorden verhalf, verpasst man jetzt einen schleichenden Tritt in den Allerwertesten. Auf dass die Messe wieder seriös werde, auf dass die Snobs in der Branche sich mal wieder durchsetzen. Vielleicht geht es auch wirklich nur ums Geld und das Vertreiben der „Nerds“ ist nur ein angehmer Nebeneffekt, ich weiß es nicht. Tatsache ist, dass die Messe mit diesem Vorgehen so unglaublich viel verliert. Und nicht nur die Messe.

Als ich dieses Jahr im Fachbesuchercafé saß, dachte ich in einem ruhigen Moment darübe nach, warum ich eigentlich noch komme. Die Antwort war eigentlich ganz leicht: Ich komme der Menschen wegen, aber nicht mehr der Messe wegen.
Und so geht eine über 15 Jahre währende Romanze zu Ende. Schade, Messe Leipzig, ich dachte immer, du seist anders.

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