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Fernweh und Loslassen

28. Juni 2017

Vor etwas mehr als drei Jahren bin ich nach drei aufregenden Monaten aus Seoul zurückgekehrt und sagte damals ganz melodramatisch, dass ich das Gefühl hätte, ein winziger Teil von mir sei dort geblieben. Aber irgendwann, zurück in der Realität, beschäftigt mit den Hürden des Erwachsenenlebens, schlief der Teil ein und regte sich nur noch hin und wieder. Vor Kurzem begann ich dann „An guten Tagen siehst du den Norden“ von Sören Kittel zu lesen, eine Reiseerzählung über Südkorea, die ich auf der Messe entdeckt hatte, und plötzlich zog er wieder, der Teil von mir am anderen Ende der Welt, und für einen Moment schnürte es mir die Kehle zu, und ich musste das Buch schließen. Da war es plötzlich, das Fernweh, das ich früher eigentlich nie verspürt hatte, weil ich ein Stubenhockerkind aus einer Stubenhockerfamilie bin.

Als ich damals im Flieger nach Südkorea saß, erschien mir die ganze Welt plötzlich so nah. Mir wurde mit einem Mal klar, dass ich diese fernen, fremden Orte tatsächlich erreichen und selbst sehen kann, einfach indem ich mich in ein Flugzeug setzte. Klingt nicht wie die größte Erkenntnis, aber für mich war sie das. Für mich, die mit ihren Eltern bestenfalls in die Berge gefahren war und ein paar europäische Städte gesehen hatte, war „Reisen“ eine völlig neue Welt.

Im letzten Jahr kam das Thema dann noch mal verstärkt in mein Leben, weil mir die Redaktionen für zwei ganz tolle Reiseberichte angeboten wurden, deren Autor*innen, jeweils einen ganz anderen, ganz wundervollen Zugang zu dem Thema hatten.

Und so rumort es in mir. Dieser Teil am anderen Ende der Welt, der den Rest von mir zu sich ruft, weil ich mit diesem Land voller Wiedersprüche noch lange nicht „fertig“ bin. Die Reiselust, die geweckt und doch irgendwie zaghaft ist, weil ich schüchtern und ein kleiner Angsthase bin. Und im Grunde würde mich nichts daran hindern, meine Sachen zu packen und loszuziehen. Ein Laptop und eine Internetverbindung sind alles, was ich zum Arbeiten brauche, und mein Auftragsbuch ist gut gefüllt. Wäre da nicht noch etwas …

Als ich damals aus Korea zurückkehrte, fiel ich in ein Loch. Nicht nur, weil mir Deutschland im Vergleich zu Korea irgendwie laut und überfordernd erschien (weil ich plötzlich in der Bahn wieder alle Durchsagen, Werbebotschaften und Gespräche verstand), sondern auch, weil alle meine Probleme, die ich zurückgelassen hatte, um in der Ferne einen neuen Blick auf sie zu gewinnen, am Flughafen auf mich warteten – und auch mit neuem Blick noch ziemlich erdrückend waren. Im Nachhinein hatte die Zeit in Korea großen Einfluss auf meinen Werdegang. Dort erledigte ich meinen ersten freien Redaktionsauftrag, dort beschloss ich, noch ein Jahr auf die Uni zu gehen, um Übersetzerin für literarische Texte zu werden. Aber das musste sich erst entwickeln, und ich musste mich erst durchringen, die Entscheidung für die Selbstständigkeit und gegen die Festanastellung im Verlag nicht als Niederlage zu sehen. Das dauerte, das war hart, und das war notwendig.

Jetzt habe ich meinen Beruf gefunden, habe einen verlässlichen Stamm an Auftraggebern und komme auch innerlich langsam zur Ruhe. Aber in gut 36 Jahren Leben sammelt man fast zwangsläufig Balast an – physisch und psychisch. Und ich weiß einfach, dass ich nicht noch mal losziehen kann, ohne einen Teil dieses Balasts loszuwerden, damit er mich nicht wieder überfällt, sobald ich in Deutschland lande.

Da wäre einmal die Wohnung, in der ich seit über 10 Jahren wohne, und in der sich die Dinge angesammelt haben. In den letzten beiden Wochen habe ich meinen Kleiderschrank ausgemistet und gut die Hälfte aller Kleidungsstücke in Tüten verpackt und zu einem Altkleidercontainer einer vertrauenswürdigen Organisation gebracht. Und es fühlte sich ungemein befreiend an. Ich hatte fast 20 Jahre lang die gleiche Kleidergröße und jetzt in den letzten beiden Jahren etwas zugenommen. Meine Proportionen sind anders, mein Geschmack ist anders, ich bin nicht mehr 20 und fühle mich auch nicht mehr so. An einigen Stücken hingen nostalgische Gefühle, aber ich wollte sie nicht mehr notwendigerweise anziehen – weil das nicht mehr ich bin. (Tolle Kleider, die zu klein geworden sind, habe ich allerdings in die Nähkiste gepackt, als Inspiration für zukünftige Projekte).

Ich habe auch das erste Mal einen öffentlichen Bücherschrank besucht und 5 Bücher eingestellt, von denen eines binnen 2 Minuten eine neue Besitzerin fand, und ich war plötzlich seltsam glücklich, weil ich es so deprimierend finde, dass man ältere Bücher nicht mal mehr für ein paar Groschen verkaufen kann, dass sie plötzlich nichts mehr wert sind und sie keiner mehr zu wollen scheint. Zu sehen, dass sie eben doch noch gewollt werden – wenn auch umsonst, aber das ist mir egal -, war irgendwie schön. Und ein nettes Kochbuch fand bei mir ein neues Zuhause. Schönes Projekt, das ich in Zukunft noch häufiger besuchen werde.

Und so werde ich mich in den nächsten Monaten durch meine Wohnung räumen. Ziel ist, am Ende nur noch halb so viel zu besitzen. Dinge zu verwerten, weiterzugeben und wegzuwerfen, was niemandem mehr nützt.

Auch sonst ist einiges in Bewegung. Nach einem Jahr Stubenhockerei habe ich mich zu einem Boulder-Kurs angemeldet, weil ich Klettern schon immer eine faszinierende Sportart fand und einfach auch etwas Bewegung brauche (früher hatte ich ja wenigstens noch die morgendlichen Spurts zur Bahn …). Im Grunde hasse ich fast alle Sportarten, ein Hass der mir von garstigen Sportlehrerinnen liebevoll antrainiert wurde. Und irgendwie ist es auch Zeit, den loszulassen. Ich merke, wie gut es mir tut, unter neue Leute zu kommen, und wie sehr ich bei diesem Sport loslassen kann, weil er alle Körperteile und den Kopf so fordert, dass Grübeleien keinen Platz haben. Gestern habe ich dann die ersten Kletterschuhe meines Lebens gekauft, und sie fühlen sich großartig an. (Okay, das ist übertrieben, Kletterschuhe müssen richtig eng sein, und großartig ist definitiv nicht das richtige Wort, aber ihr wisst, was ich meine. :D)

Und dann wären da noch die Menschen in meinem Leben. So aufwühlend und verwirrend die Zeiten, in denen wir leben, auch sind, sie lassen einen Menschen auch noch einmal in einem anderen Licht sehen, man findet Gleichgesinnte, wo man es gar nicht erwartet hätte, man findet aber auch hässliche Ansichten bei Menschen, von denen man es nicht erwartet hätte (und bei solchen, bei denen man es erwartet hätte …). Ich habe in diesem Jahr gezielt versucht, wieder Kontakt zu „guten“ Leuten aufzunehmen, Leuten, zu denen der Kontakt eingeschlafen war, die aber tolle Menschen sind und die vielleicht zu Unrecht aus meinem Leben verschwunden waren, die ich zu Unrecht habe verschwinden lassen, weil ich so schlecht darin bin, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten. Und gleichzeitig merke ich, dass es langjährige Freundschaften gibt, die sich einem unabwendbaren Ende zuneigen, und die man aus Sentimentalität zu lange am Leben gehalten hat. Ich bin auch an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich keine Lust und Geduld mehr für irgendwelche Spielchen habe und Konflikte lieber offen und ehrlich aus der Welt schaffe.

Und dann sind da noch einige Baustellen, die zu privat sind, um darüber zu schreiben. Ich kann nur sagen: Es ist oft aufwühlend und manchmal beängstigend, aber es tut verdammt gut, sie endlich anzugehen.

Und so ist mein Fernweh gleichzeitig Katalysator für längst nötige Veränderungen in meinem Leben. Ich weiß nicht, wie lange das Sortieren dauert, aber auch das kommt mit dem Älterwerden: Ein bisschen mehr Gelassenheit und Geduld mit sich selbst.

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3 Kommentare leave one →
  1. 4. Juli 2017 13:29

    Schön, mal wieder von Dir zu hören. Es feut mich, dass es so gut mit dem Sprung in die Selbstständigkeit geklappt hat; aber dennoch ein sehr nachdenklicher Text. Vielleicht das Alter? Mir ging es nämlich kürzlich ähnlich, auch ich räume mich durch eine Wohnung, in der ich fast so lange lebe wie Du in Deiner. Sammelt sich ja doch ganz schön was an. Nur der Kleiderschrank, der ist noch eine Baustelle bei mir. Ich drücke Dir die Daumen, dass es auch weiter so gut läuft und Du noch viele neue Entdeckungen machen und neue Dinge ausprobieren kannst.

    • 7. Juli 2017 12:21

      Hi, schön von dir zu lesen! Ich habe schon ein schlechtes Gewissen, weil ich so lange nicht mehr bei dir vorbeigeschaut habe. Aber mein Onlineleben blieb ähnlich auf der Strecke wie mein Offlineleben in den letzten Monaten.
      Ja, es ist definitiv mein Alter. Ich habe in den letzten Jahren etwas aussortiert, wo ich hinwill und komme jetzt in einer neuen Lebensphase an. Ist alles nicht so einfach, aber ich habe das Gefühl, ich bin auf einem guten Weg.
      Mir hat es lustigerweise irgendwie geholfen, mir das Schrankausmisten von Youtuberinnen anzusehen. Hat mich irgendwie motiviert. 😀 (Und auch ein wenig schockiert manchmal …).
      Danke. 🙂

  2. 27. Juli 2017 18:05

    Kein Thema, ich bin auch lange nicht wirklich online gewesen, ausgenommen die Pflichtseiten. Es hat sich doch ziemlich viel verändert in anderthalb Jahren, musste ich feststellen. Und auwei, ich hab die youtuberinnen auch entdeckt. Da kann man sich ganz schön festsehen, aber das war auch irgendwie Motivation – obwohl es ein paar auch ein wenig übertrieben haben. Und alle scheinen die gleichen Möbel zu besitzen (in weiß). Mich hat eher schockiert, was ich über die Jahre angesammelt habe. 😉 Ich werde sicher nie Minimalist (ein Begriff, den ich vor youtube gar nicht kannte), aber es gibt schon tolle Tipps zum Sparen, Einsparen und generell entmüllen/aufräumen.
    Ich hoffe, man kann ab jetzt wieder bisschen mehr bei Dir lesen 😉

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