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Mein Liebling des Tages #2

15. Juli 2015

Mein heutiger Liebling des Tages ist eigentlich ein Liebling der letzten Jahre. Ich sehe leidenschaftlich gerne Youtube-Videos und das eigentlich fast seit Beginn der Plattform vor 10 Jahren. Mir gefällt nicht, in welche Richtung sie sich entwickelt hat, diese Fixierung auf Reichweite, Startum und Profit, aber es gibt zum Glück noch einige kleinere Kanäle, die von richtig guten Leuten betrieben werden. Eine davon ist Vegas.

Vegas ist seit vielen Jahren dabei, weit länger als die meisten heutigen Youtube-Stars und sie ist eine der wenigen, die sich über die Jahre treu geblieben ist und nach wie vor Content produziert, den ich gerne sehen möchte. Sie ist intelligent, hat Ecken und Kanten und einen ganz eigenen Sinn für Humor und man spürt ihre Liebe zur Produktion von Videos.

Ihr aktuelles Video begeistert mich besonders. In den sozialen Medien machte in den letzten Tagen ein (mittlerweile gelöschter) Artikel der Bravo die Runde, in der es 100 Tipps für “Girls” gab, wie sie bei “Boys” besser ankommen – man ahnt, worauf es hinausläuft. Ich könnte viel davon erzählen, aber Vegas’ Video spricht für sich und ist von einer beeindruckenden Eindringlichkeit:

Mein John-Green-Problem

14. Juni 2015

Ja, ich gestehe es, ich habe ein Problem mit Everybody’s Lieblings-YA-Autor. Das kommt jetzt bestimmt überraschend, schließlich habe ich seine Bücher in der Vergangenheit immer gut besprochen, aber mittlerweile lässt sich meine JG-Sperre nicht mehr leugnen und sie wird eher schlimmer als besser. Das hat natürlich Gründe – für einige davon kann er etwas, für andere nicht.

Der Beginn des Problems hört auf den Namen “The Fault in our Stars/Das Schicksal ist ein mieser Verräter”. Getragen von meiner Sympathie für den Autor hatte ich erst noch eine relativ positive Einstellung zum Buch, obwohl mich da schon einiges störte, aber je länger ich darüber nachgedacht habe, desto weniger mochte ich es. Auf die genauen Details kann ich nicht eingehen, sonst würde ich hier spoilern, deshalb nur kurz: Nimm zwei verliebte totkranke Kinder, packe ein paar Lebensweisheiten drumrum und alle werden unter Tränen beteuern, für wie bedeutungsvoll sie dein Werk halten, obwohl es in weiten Teilen einfach nur heiße Luft und nicht weniger manipulativ und klischeehaft ist als andere “Krebsbücher”.

Dass dieses Buch massiv überschätzt wird, ist eines der Dinge, für die Green nichts kann. Auch nicht dafür, dass ihn plötzlich Literaturkritiker beachten, die davor Generationen von Jugendbuchautorinnen nur naserümpfend von sich gewiesen haben. Offenbar ist Jugendliteratur für die Literaturkritik erst dann erstzunehmende Literatur, wenn sie von einem Mann kommt. Das Phänomen hat auch einen Namen: der John-Green-Effekt. Deshalb fragt man John Green auch ständig nach seiner Meinung, selbst wenn es ein Thema ist, mit dem er eigentlich nichts zu tun hat. Aber wenn John Green die Aufregung seiner weiblichen Kollegen übertrieben findet, dann muss das wohl so sein. Problem gelöst.

Aber für die Problematik, wie Frauen in der Literatur dargestellt werden, hat er auch in seinen eigenen Büchern nicht viel Sinn. Shiku hat da in ihrer Rezension zu “The faul in our stars” ein paar interessante Punkte aufgezählt. Und sie ist nicht die erste, die diese Kritik äußert. Man mag diese Punkte ja sehen wie man will, aber ich kann keinem Jugendbuchautor uneingeschränkt zujubeln, der für solche Dinge nicht sensibel ist und wir sprechen hier ja noch immer von “meinem” John-Green-Problem.

Dass er von Aufgeregtkeit nichts hält, hat er wohl selbst nicht beherzigt, als er dieser Tage den Post eines Tumblr-Users aufgriff, in dem dieser sein Unbehagen darüber äußert, dass Green als erwachsener Mann so kuschlig mit seinen Fans, oft sich unverstanden fühlenden jungen Mädchen, ist und dass er ihm vorkommt wie der Vater in seinem Freundeskreis, der sich immer anbietet, die Poolpartys zu überwachen, und dann seinen Liegestuhl allzu nah neben die der Mädchen stellt.

Man muss mit solchen Dingen sensibel umgehen. Ich halte diesen Post für eine schwierige Sache. Einerseits steht da natürlich eine heftige Anschuldigung im Raum (obwohl es noch gar keine Anschuldigung an sich ist, sondern nur das Äußern eines persönlichen Eindrucks), andererseits… Nun, wie Jenny Trout auf Twitter ganz richtig sagte: Wir erwarten immer von Kindern und Jugendlichen, dass sie wachsam sind und dass sie etwas sagen, wenn ihnen jemand nicht geheuer ist. Und genau das ist hier passiert. Ein Jugendlicher auf Tumblr hat gesagt, das ihm John Green nicht geheuer ist. Und genau deshalb braucht diese Sache eine sensible und vernünftige Auseinandersetzung.

Ich verstehe, dass Green diese Vorwürfe nicht auf sich sitzen lässt und sie anspricht, was sein gutes Recht ist. Aber er tut das auf eine Art und Weise, die ich problematisch finde.  Er fängt sofort an mit “You want me to defend myself against the implication that I sexually abuse children?” Aber von “abuse” stand nichts im Originalpost, der äußerte Unbehagen. Er fährt fort: “Throwing that kind of accusation around is sick and libelous and most importantly damages the discourse around the actual sexual abuse of children.” Da fährt er natürlich sofort schwere Geschütze auf und unterstellt dem Post damit letztlich nur aus böser Absicht entstanden zu sein, um ihm zu schaden. Das lese ich aber aus dem Post nicht heraus – aus den Antworten darauf ja, aber aus dem Post selbst nicht. Ich denke, hier muss man klar differenzieren und in Betracht ziehen, dass man hier wirklich einen jugendlichen Leser mit Bedenken vor sich hat.
Ich erwarte deshalb von einem Jugendbuchautor, der seinen Fans so nah ist, dass er einen vernünftigen Umgang mit so etwas findet, einen bei dem er sich klar von den geäußerten Bedenken abgrenzt, aber auch einen, bei dem er die Sensiblität des Themas miteinbezieht, denn viele Kinder und Jugendliche schweigen, weil sie befürchten, dass man ihnen nicht glaubt, weil es zu “unglaubwürdig” ist, dass der nette Onkel, die nette Tante, “so was” tun könnte. Das muss man einfach immer miteinbeziehen, wenn man auf eine solche Äußerung eines (vermutlich) Jugendlichen eingeht. Hier ein kategorisches Tabu aufzubauen, statt sensibel aufzuklären, ist der falsche Weg. Green wirkt auf mich eher beleidigt als betroffen, was meinen Eindruck bestätigt, dass er seiner Zielgruppe nicht so nahe ist, wie er gerne vorgibt und dass er sich etwas zu gerne von ihr feiern lässt und etwas zu wenig ehrliches Interesse hat.
Er kündigt an, in Zukunft weniger zu reposten und schon heult die ganze Fanmeute, die quasi an seinen Lippen klebt, auf. Ich hoffe, das war kein Kalkül, obwohl ich es mir bei jemandem, der so social-media-erfahren ist, nicht vorstellen kann. Jemand wie Green MUSS wissen, dass seine Fans ihn mit Klauen und Zähnen verteidigen werden, vor allem wenn sie befürchten müssen, weniger Output von ihm zu bekommen. Und alle möglichen YA-Seiten blasen nun unreflektiert ins gleiche Horn. Böser Tumblr-Troll, armer John Green. Schwierig.

Ich finde es hochproblematisch, wie Green zum Erlöser der Jugendliteratur gemacht wird, der nichts falsch machen kann, denn das ist er einfach nicht. Sehen wir ihn doch lieber als eine Stimme im weiten Feld der Jugendliteratur, die absolut seine Daseinsberechtigung hat, aber neben der es noch viele andere wichtge Stimmen gibt und die nicht über jede Kritik erhaben ist.

Buchmarketing der Zukunft: 50 Shades und kein Entkommen

3. Juni 2015

Gerade wurde ich (mal wieder) über Twitter auf eine Gruppe verstimmter Romance-Autorinnen aufmerksam. Den Grund für ihre Verstimmung fand ich ganz interessant, deshalb möchte ich die Hintergründe hier mit euch teilen.

Der Ursprung der Verstimmung ist E.L. James, die ja mit ihrer unsäglichen Missbrauchsschmonzette 50 Shades of Grey des Öfteren der Grund für Verstimmungen verschiedenster Art ist. Gestern verbreitete es sich dann wie ein Lauffeuer: Es wird einen neuen Roman von ihr geben – wobei, nicht wirklich einen „neuen“, es ist einfach die ganze Chose noch mal aus Christians Sicht, unter dem Titel Midnight Sun  Grey. (Ich muss sagen, langsam zolle ich der Frau fast schon Bewunderung für so viel Schamlosigkeit und ich wage nicht zu hoffen, dass sie es ihrer Vorlage, Stephenie Meyer, nachtut und das Ding im letzten Moment zurückzieht. Dafür mag E.L. das Geld doch viel zu sehr.*) Laut dem Verlag wollte die Autorin nicht, dass man das Buch lange vor dem Erscheinungsdatum ankündigt, sie wollte, dass es eine „Überraschung“ für die Fans wird. Werbung braucht es ja ohnehin nicht, der Hype ist ja noch in vollem Gange. Könnte man denken …

Heute entdeckten viele amerikanische Autorinnen und Autoren, die einen auch nur ansatzweise als erotisch einzustufenden Roman verfasst haben, dass auf der Produktseite ihres Buches auf amazon.com eine Werbeanzeige für „Grey“ prangte. Und zwar noch über den Produktdetails und der Inhaltsbeschreibung.

shades_werbung(anklicken für ein größeres Bild)

 

Erst konnte ich die Aufregung nicht ganz nachvollziehen – automatisch generierte Empfehlungen gibt es ja schon lange auf den Produktseiten; aber die waren auch hinter den Produktinformationen – und es waren keine gezielt platzierten Werbeanzeigen für immer das gleiche Buch. Das ist jetzt ein bisschen so, als würde man in einem Buchladen ein Buch in die Hand nehmen, es umdrehen, um den Klappentext zu lesen und ein Buchhändler springt herbei und hält einem „Grey“ vor die Nase und fragt: „Schon gesehen? Möchten Sie nicht lieber DAS hier kaufen?“ Ok, das hinkt, aber ich denke man versteht, was ich meine.
Jenny Trout hat einen Artikel dazu geschrieben, in dem sie noch einige andere Aspekte erwähnt: Die Tatsache, dass das Buch keine Vorankündigung hatte, führte unter anderem dazu, dass Verlage und Autoren keine strategische Planung unternehmen konnten, denn „Grey“ wird die Spitze der Bestsellerlisten für Wochen besetzten und vermutlich seine Vorgänger hinter sich herziehen. Bestsellerlisten sind heute wichtiger denn je, um wahrgenommen zu werden. Wer also jetzt zeitgleich mit der guten E.L. erscheint, hat ohnehin schon die sprichwörtliche Arschkarte und nun muss er auch noch hinnehmen, dass jeder, der sich sein Buch bei dem marktführenden Unternehmen ansieht, den Titel noch einmal unter die Nase gerieben bekommt. Ein Buch. Auf allen Kanälen. Kein Leser, der sich ansatzweise für das Genre interessiert, wird ihm entgehen können. Schöne neue Büchervielfalt.

Kein Grund, in kulturpessimistisches Geheule auszubrechen, aber ich denke, dass man diese Art des Buchmarketings zur Kenntnis nehmen und in seine Überlegungen, wie man sich den Buchmarkt der Zukunft vorstellt, miteinbeziehen sollte. Was passiert, wenn ein großer Anbieter quasi versucht, Autoren ihre Leser abspenstig zu machen, weil er zusätzliches Geld damit verdient, wenn die Leser ein anderes Buch kaufen? Wie geht ein Autor damit um, dass sein Buch sehr prominent mit anderen Autoren in Verbindung gesetzt wird, die er vielleicht zutiefst ablehnt? Dass er mit seinem Buch gewissermaßen unabsichtlich Werbung für ihn macht? Wie hier im Falle von Jenny Trout, die James und ihre Bücher stets scharf kritisiert hat. Es ist fast so etwas wie die späte Rache der E.L. James, dass nun unter jedem von Trouts Büchern ein Werbebanner für Grey klebt.

 


 

* Es gibt im Netz so einige alte Chatlogs von E.L. James aus ihrer Fanfiction-Zeit zu finden, in denen sie diesbezüglich keine gute Figur macht.

Der Oetinger-Verlag und die Ironie

8. April 2015

Im Moment befindet sich der Hashtag #oetingerverlag auf Platz 2 der deutschen Twitter-Trends. Der Grund dafür ist ein Foto eines an einer Schule gesichteten Posters, das aus einem Buch des Oetinger-Verlags mit dem Titel „Die inneren Werte von Tanjas BH“ stammt.
Dass dieses Poster einmal mehr schlichte Geschlechterklischees abbildet, finden viele problematisch und deshalb verbreitete sich heute das Foto und die Kritik daran heute Vormittag recht schnell. Der Oetinger-Verlag hat auch schon darauf reagiert und schreibt:

Dieses Plakat, das dem Buch „Die inneren Werte von Tanjas BH“ beiliegt, zeigt den Blick des dreizehnjährigen Ben auf gleichaltrige Mädchen. Ben tappt von einem Fettnapf in den nächsten, weil er sich von Geschlechterklischees leiten lässt. Der Leser lacht über Bens ironisch zugespitzte Verirrungen. Das Plakat folgt dem gleichen Prinzip und ist absichtlich so deutlich überzeichnet, um keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen: Hier geht es nicht um eine ernst gemeinte Darstellung von Geschlechtereigenschaften, sondern um unter Jugendlichen in der Pubertät weit verbreitete Vorurteile. Wir als Jugendbuchverlag nehmen dieses Thema ernst und greifen hier zum Mittel der Ironie.

Quelle: https://www.facebook.com/VerlagsgruppeOetinger/photos/a.209445272407388.54861.132204040131512/987877747897466/?type=1&theater

Ich habe mit diesen Social-Media-Wellen zunehmend ein Problem. Erst kommt die große Empörungswelle, dann kommt die große Empörung-über-die-Empörungswelle und irgendwann ist es ein einziger Kindergarten, in dem keine sachliche Diskussion über das Thema mehr möglich ist (was Teilweise auch Ziel der Gegenwelle ist). Ich möchte trotzdem (oder vielleicht deshalb) hier ein paar Worte dazu sagen:

Früher hätte ich vermutlich zu der Fraktion „Ist die ganze Aufregung nicht übertrieben?“ gehört. Ist doch keine große Sache. Falls ihr das eben auch gedacht habt: Ich verstehe euch in gewisser Weise. Allerdings, wenn man für diese Dinge erst einmal sensibilisiert ist, dann sieht man, dass Kinder tagtäglich zunehmend mit diesen „kleinen Sachen“ beschossen werden und so werden dann auch die kleinen Sachen schnell zu Großen, die Wirkung darauf haben, wie Kinder sich und die Welt um sich herum sehen.

Oetinger sagt, dass sie „zum Mittel der Ironie“ greifen. Dabei fallen mir drei Dinge auf.

1. Die Zielgruppe des Buches und des Posters sind keine Erwachsenen. Es handelt sich um ein Kinderbuch (ab 11/12, schätze ich). Das Ironieverständnis von Kindern entwickelt sich erst im Laufe der Jahre und ist auch mit 12 nicht immer so ausgeprägt wie bei einem Erwachsenen, denn dazu braucht es eine gewisse Lebenserfahrung (gerade wenn es um gesellschaftliche Themen geht). Ein solcher ironischer Blick auf das Frauenbild eines Zwölfjährigen ist ein Blick aus Erwachsenensicht, nicht notwendigerweise einer aus Kindersicht.

2. Oetinger erklärt das Poster im Kontext des Buches. Das Buch ist auf dem Foto aber nicht dabei und keines der Kinder der Schule, in der es hängt, weiß, wie schrecklich ironisch das Buch, aus dem es stammt, doch ist. Losgelöst vom Buch ist es ein „Jungs sind schlau, Mädchen sind dumme Quasselstrippen, nur gut dafür, Modeitems an sich zu tragen“-Plakat. Es lässt sich zwar erahnen, dass das hier ein augenzwinkernder Blick darauf sein soll, wie pubertierende Jungs (angeblich) Mädchen sehen, aber das Augenzwinkern ändert ja nichts daran, dass hier einmal mehr platte Klischees abgespult und in den Köpfen von Kindern verfestigt werden. Dass etwas lustig gemeint ist, bedeutet nicht, dass es keine Auswirkungen hat.

3. Wir leben in Zeiten, in denen jeder Blödsinn plötzlich „ironisch“ oder „satirisch“ ist und gerne richtet sich diese Ironie gegen Leute, über die wir eh schon gerne unsere Witzchen reißen. Nennen wir das Ganze aber Ironie oder Satire, dann darf es niemand kritisieren, denn „Satire darf alles“ und überhaupt: Wenn du das nicht gut findest, bist du nur zu dumm, es zu verstehen. Satire ist aber dazu da, um Missstände aufzuzeigen, nicht um ungestört weiter seine Vorurteile zu pflegen oder Diskriminierung ein Tarnmäntelchen zu verpassen. Oder kurz: Gute Satire tritt nicht nach unten.

Gerne wird auch gesagt: „So sind Jungs/Kinder nun mal.“ Tja, das ist die Frage. Wie viel ist Natur und wie viel von der Umwelt erlernt? Klar werden Jungs und Mädchen sich immer mal gegenseitig aufziehen und ihre Konflikte ausfechten. Aber auf welcher Basis sie das tun, das ist von ihrer Umwelt beeinflusst. Und ich frage mich, ob wir als Erwachsene noch weiter gezielt einen Keil zwischen Kinder treiben müssen, indem wir wieder und wieder vorkauen wie angeblich „Mädchen nun mal sind“ und „Jungen nun mal sind“ und damit die Vorurteile, die wir einmal erlernt haben, an die nächste Generation weitergeben. Können wir die Kinder nicht ein bisschen in Ruhe lassen und sie sich selbst finden lassen?

Ich bin die Letzte, die Kinderbücher mit pädagogisch erhobenem Zeigefinger fordert – davon gibt es genug und sie sind zu Tode langweilig. Aber dieses Buch ist kein Beispiel für ein natürliches, lockeres Kinderbuch. Es handelt sich hierbei ebenfalls um ein astreines Konzeptbuch, ein Buch bei dem man sich gedacht hat: Nehmen wir doch mal den Kampf der Geschlechter in witziger Kinderbuchform zum Thema. Mario Barth füllt damit ganze Hallen, damit sind sicher auch Bücher zu verkaufen.

Ich denke, man kann die Wirrungen der Pubertät auch anders angehen. An vorhandenen Klischees abarbeiten kann sich jeder. Ich wünsche mir kreativere Jugendbücher und Werbematerial, das niemanden, weder Mädchen noch Jungs, herabsetzt oder in eine Schablone presst.

[Tempted by … #3] Justine Larbalestier: Razorhurst

31. März 2015

Razorhurst

Ich habe noch nichts von der Jugendbuchautorin Justine Larbalestier gelesen; obwohl ich viel Gutes gehört habe, sprach mich bislang keines ihrer Bücher an. Aber dann bin ich vor einigen Wochen bei John Scalzi auf einen Gastblogeintrag aufmerksam geworden, wo sie über den historischen Hintergrund des Romans berichtete: Im Australien der 20er und 30er Jahre war es Männern verboten, unsittliche Berufe auszuüben. Frauen allerdings nicht und so schenkten ehemalige Protituierte Alkohol aus und handelten mit Drogen und einige davon wurden sogar zu gefürchteten “Gangsterbossen” in ihren Vierteln. Es lohnt sich im Originalartikel vorbeizuschauen, wo es auch ein Foto einer der Frauen gibt – ihr könntet überrascht sein … Gemeuchelt wurde damals übrigens mit Rasierklingen, da Schusswaffen verboten waren und eine Rasierklinge konnte man als Alltagsgegenstand immer bei sich tragen.

Auf diesen Begebenheiten baut Larbalestier ihren Roman mit phantastischen Elementen auf, der wohl reichlich blutig sein soll. Deshalb hatte ich eigentlich angenommen, er sei für Erwachsene, ist er aber wohl nicht. Ich bin gespannt, wie genau das zusammengeht.

Neues Jahr, neues Drama (Dramageplauder #1/15)

20. Februar 2015

Vier Serien aus Südkorea habe ich seit Beginn des Jahres angetestet. Zwei davon verfolge ich weiter, zwei habe ich nach den ersten beiden Anstandsfolgen aussortiert. Mehr gibt es auch gar nicht zu sagen. Los geht’s!

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Pride and Prejudice (오만과 편견), MBC, 21 Folgen
Nein, das ist keine Neuverfilmung des englischen Klassikers, sondern eine Krimiserie. Ich habe 6 Folgen gesehen und finde es bislang grundsolide. Runde Figuren, die von Folge zu Folge mehr Facetten bekommen, spannende Fälle, deren Lösung man nicht immer sofort ahnt und der ein oder andere wirklich gute Cliffhanger. Ich freue mich Choi Jin Hyuk noch mal in einer guten Rolle zu sehen und nicht nur als drögen Second Lead in irgendwelchen Schmonzetten. Daumen hoch!

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Healer (힐러), KBS2, 20 Folgen
DAS Hype-Drama der vergangenen Wochen. Also kam ich nicht umhin, auch mal einen Blick reinzuwerfen. Es erinnert mich von der Art her stark an City Hunter, also eher seichter Thriller/Action-Stoff mit starker romantischer Komponente. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass man genau auf die City-Hunter-Zielgruppe hingeschrieben hat. Und das ist irgendwie auch das Problem, denn die 2 Folgen, die ich gesehen habe, wirkten auf mich seelenlos und zu offensichtlich kalkuliert. Ich kann verstehen, dass man Spaß daran hat, aber mir gibt es leider gar nichts.
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Kill me, heal me (킬미, 힐미), MBC, 20 Episoden

Das neue Drama-Trendthema in Korea sind ja multiple Persönlichkeiten. Und Kill me, Heal me ist ein Vertreter davon: Nach einem Trauma in seiner Kindheit hat Cha Do Hyeon sieben verschiedene Persönlichkeiten, die ihm ein normales Leben praktisch unmöglich machen. Er lernt eine junge Psychiaterin kennen, die der Schlüssel zu seiner Heilung sein könnte, aber dann verliebt sich ausgerechnet seine dunkelste Seite in sie und will alle anderen Persönlichkeiten „stilllegen“.

Dieses Drama ist totaler Unsinn, aber meine Güte, es ist halt auch einfach verdammt unterhaltsam. Die meiste Zeit schwankt es zwischen zwei Extremen: vollkommen übertriebene Melodramatik der schlimmsten Sorte und Comedy, die tatsächlich witzig ist und die sich vor allem durch die ganze Serie zieht. Selbst die klassische Kdrama-Heulfolge um Episode 11 war enorm gutgelaunt.
Und bevor man sichs versieht, hat man irgendwie sein Herz an die Serie verloren, die trotz aller offensichtlichen Mängel einige Dinge erstaunlich gut macht. Mir gefällt, wie geschickt die Wechsel zwischen den Persönlichkeiten eingesetzt werden, um die Geschichte voranzutreiben. Und mir gefällt, wie konsequent infantil die einzelnen Persönlichkeiten sind, die sich aus einem Kindheitstrauma gebildet haben. Selbst der gefährliche Se Gi wirkt die meiste Zeit eher wie ein rebellischer Teenager, der seinen Schmerz und seine Wut nach außen trägt.
Ji Seong macht seine Sache, all diese verschiedenen Persönlichkeiten darzustellen, erwartungsgemäß gut. Meistens erkennt man an seiner Mimik und Stimmlage genau, wer er in diesem Moment ist. Gimmicks, wie das sich verändernde Styling hätte er gar nicht gebraucht. Allerdings bin ich ganz froh um sie, denn sie lassen das Drama weniger realistisch wirken, die Persönlichkeitswechsel sind beinahe schon wie ein Fantasyelement und man muss weit weniger befürchten, jemand könnte das für eine realistische Darstellung einer psychischen Störung halten.
Hwang Jeong Eum als Ärztin Ri Jin nervt dagegen unglaublich. Vermutlich kann sie nicht viel dafür, ihr wurde wohl gesagt, dass sie übertrieben spielen soll und das Kleinmädchen-Schleifchen haben ihr die Stylisten ins Haar gepackt, aber ihr Gekreische und ihr Schnütchenziehen ist kaum auszuhalten.

Alles in allem, ein klassisches guilty pleasure. Kann man ansehen und einfach Spaß damit haben – vor allem Ji-Seong-Fans werden das ;) – oder man lässt es und hat auch nicht viel verpasst.

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Hyde Jekyll, me (하이드 지킬, 나), SBS, 20 Folgen
Ein Stinkstiefel, der sich in Gegenwart der richtigen Frau in einen netten Kerl verwandelt, ganz neue Idee. Nicht.
Mal wieder ein Held mit einer gespaltenen Persönlichkeit, wie der Titel schon andeutet, nur dass dieses Mal der unerfreuliche Hyde der Hauptcharakter ist und ein heldenhafter Jekyll unerwünschterweise zwischendurch in sein Leben platzt.
Ich war natürlich gespannt auf Hyun Bins erstes Drama-Projekt nach dem Wehrdienst und mein Fazit nach 1,5 Folgen: Langweilig. Die scheinbar clevere Idee, Jekyll und Hyde umzudrehen, verpufft einfach komplett, weil das nun mal der absolut normale Plot von 80% der Kdramas ist: Reiches Arschloch verliebt sich in arme Frau und mutiert zum Traummann. Dann doch lieber so überbordend wie Kill me, heal me, bei dem der ganze Irrsinn wenigstens Spaß macht.

In den Schuhen der anderen

18. Februar 2015

Heute morgen linkte mir eine befreundete Verlegerin einen Artikel, der der berühmte Tropfen war, der bei mir ein Fass zum Überlaufen brachte. Was für ein Fass? Das Fass, in das ich all die Artikel und Aussagen stopfe, in denen Teilnehmer der Buchbranche sich vollmundigen gegenseitig öffentlich demontieren. Und branchenfremden Leuten, die auf die Expertise des Schreibenden vertrauen, irgendwelches Halbwissen oder schlicht blanken Unsinn in den Kopf setzen.

In dem Artikel, der der Auslöser war, klagte ein Kleinverleger sein Leid mit Buchhändlern, die angeblich eh keine Kosten haben und eh keine Leistung erbringen, ergo zu viel an einem Buch verdienen und nicht risikofreudig genug sind, weil sie seine Bücher nicht einkaufen. Übersetzt: Ich bin pissig, weil Buchhändler nicht ihre knappe Ladenfläche darauf verwenden, MEINE wertvollen Bücher einzukaufen, also erzähle ich jetzt mal allen, wie doof die sind.

Ganz ehrlich, ich habe die Nase so voll von diesem eingeschnappten Schuldzuweisungsringelreien allerorts. Zumal solche Artikel immer nur so strotzen von Ignoranz, Arroganz und Unwissenheit. Aber leider werden sie gelesen, geteilt, geglaubt.

Ich habe in der Buchbranche schon so einige Stationen hinter mir. Ich bin gelernte Buchhändlerin, habe als Praktikantin, später freie Mitarbeiterin und noch später Volontärin in den Lektoraten größerer Publikumsverlage gearbeitet. Ich habe einen Universitätsabschluss mit Bezug zur Branche und bin im Moment freiberuflich unterwegs. Es gibt ja dieses alte Sprichwort, dass man erst einige Meilen in den Schuhen des anderen gelaufen sein muss, ehe man wirklich über ihn urteilen kann. Ich hasse Lebensweisheiten, aber die ist ungemein zutreffend. Ich habe in den letzten 10 Jahren so einige Schuhe angehabt und meine Feststellung ist: Jede Seite hat ihre Sorgen, ihre Probleme und ihre guten Gründe, Dinge so zu machen, wie sie es tut. Ich musste während dieser Zeit viele Vorurteile ablegen – Vorurteile, die ich mir selbst gebildet hatte und Vorurteile, die ich aus tollen Artikeln aus dem Internet hatte.

Für jede “Verlage sind so schrecklich”-Geschichte eines Autors könnte ich eine “Autoren sind so schrecklich”-Geschichte aus Verlagssicht erzählen, für jede “Buchhändler sind so schrecklich” eine “Verlage sind so schrecklich”-Geschichte. Aber: So what? Es gibt auf jeder Seite Leute, mit denen es schwer ist zusammenzuarbeiten, die es an Professionalität mangeln lassen. Das ist Teil des Geschäftsalltags.

Man scheint in dieser Branche (vielleicht ist es in anderen auch so, aber ich kenne nur die so genau) zu einer absoluten Egozentik zu neigen. Ich. Meine Bedürfnisse, meine Sicht der Welt. Ich, ich, ich. Das ist so traurig offensichtlich in diesen Artikeln, die gerne zu einem Rundumschlag mit Beinchenaufstampfen ausholen, ihn aber nur dürftig mit Schätzungen, Verallgemeinerungen und Milchmädchenrechnungen fernab der Realität belegen. Meist geht es gar nicht um Problemlösungen, dafür müsste man nämlich Wissen sammeln und andere Faktoren, andere Parteien und deren Bedürfnisse und Probleme miteinbeziehen.

Das ist der Grund, warum ich meinen letzten Artikel “Über Unsichtbare und Apfeltaschen” geschrieben habe; weil ich wollte, dass man sieht, dass da noch andere sind, die etwas leisten, die man nicht vergessen darf, wenn man ernsthaft über ein Problem diskutieren möchte. Ein wenig ernüchternd war, dass die ganze Sache in einigen Autorenforen, wo der Artikel geteilt und diskutiert wurde, schnell auf den “Preisverfall”-Aspekt heruntergebrochen wurde, dann in ein ermüdendes “Verlag vs SP” mündete (worum es mir nie ging) und schließlich in dem (aus dem Gedächtnis zitierten) Satz gipfelte:

“Für mich als Autorin ist es doch das gleiche, ob ich mein Buch für 99 Cent verkaufe oder in einem Verlag veröffentliche.”

Für mich. Ja, aber eben nur für dich.

Ich bin der Meinung, dass man in dieser Branche viel kritisieren kann und dass jeder Teilnehmer in diesem Geschäft an sich arbeiten müsste. Aber diese Rundumschläge tragen nichts Produktives bei. Sie schüren nur Vorurteile und vertiefen Gräben. Und ich habe sie so unglaublich satt.

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