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[Web-Serie] The Lizzie Bennet Diaries

22. April 2013

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Vor ziemlich genau einem Jahr ging das erste Video der Lizzie Bennet Diaries, einer modernen Adaption von Stolz und Vorurteil im Vlog-Format auf Youtube online. Vor etwa drei Wochen endete die Serie nun mit Video 100 und mir wurde plötzlich bewusst, wie lange sie mich begleitet hat und Teil meines Alltags war. Grund genug, einmal auf diese lange Reise zurückzublicken.

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Gegründet wurde die Serie von Bernie Su und Hank Green. Besonders letzterer könnte einigen bekannt sein, denn er ist eine Hälfte der Vlogbrothers und damit der Bruder von Autor John Green, der dank eines ausgedehnten Aufenthalts auf den deutschen Bestsellerlisten dieser Tage auch Hierzulande einen ziemlichen Popularitätsschub erhalten hat.

Die Geschichte von Stolz und Vorurteil dürften die meisten kennen, deshalb spare ich mir eine Inhaltsangabe des Originals an dieser Stelle. (Wer sie nicht kennt, kennt sicher Orte, wo er diese Wissenslücke auffüllen kann.)
Unsere moderne Heldin, Lizzy Bennet, studiert „irgendwas mit Medien“ und startet ihre Abschlussarbeit in Form eines Videoblogs auf Youtube. Sie hat zwei Schwestern, die freundliche, zurückhaltende Jane und die extrovertierte Lydia. Falls sich jemand fragt, was aus den anderen beiden Schwestern geworden ist: Es gibt eine Hauskatze namens Kitty und eine Emo-Cousine Mary. Lizzies Mutter kann es nicht erwarten, ihre Töchter unter der Haube zu sehen und deshalb ist sie hocherfreut, als Medizinstudent Bing Lee, seine aalglatte Schwester Caroline und sein bester Freund, Jungunternehmer William Darcy, in der Stadt auftauchen. Und damit nimmt alles seinen Lauf: Jane verliebt sich in Bing, Darcy macht sich bei Lizzie unbeliebt und irgendwann taucht dann der charmante Schwimmtrainer George Wickham in der Stadt auf …

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Anders als andere Verfilmungen konzentriert sich die Serie etwas mehr auf das Verhältnis zwischen den Schwestern als auf die Liebesgeschichte zwischen Lizzie und Darcy. Das mag man einerseits als ureigene Interpretation der Macher der Serie ansehen, andererseits verlangt das Format an sich schon fast nach dieser etwas anderen Umsetzung des Stoffes.
Das beginnt schon damit, dass die „Lizzie Bennett Diaries“ (weitgehend) lediglich aus der Sicht einer Figur, nämlich Lizzie, erzählt werden und man somit weder andere Blickwinkel noch Szenen, bei denen sie nicht anwesend ist, zeigen konnte. Deshalb und wegen der räumlichen Gebundenheit war es beispielsweise kaum möglich Darcy, der von den Vlogs nichts weiß und auch keinen Grund hat, in Lizzies Zimmer aufzutauchen, frühzeitig auftreten zu lassen.
Aber das ist vielleicht sogar die Stärke der Serie, denn hier dürfen Jane und Lydia etwas mehr als die brave Schöne und die wilde Kleine sein. Die Figuren behalten die Essenz ihrer literarischen Vorbilder, werden aber mehr als nur modernisiert, sondern bekommen ganz eigene Charaktereigenschaften. Damit erhält erstmals Lydias verhängnisvolle Beziehung zu George einen tieferen, nachvollziehbaren Hintergrund.
Das gilt auch für nahezu alle anderen Figuren. Charlotte Lu ist eine kluge, witzige Ratgeberin für Lizzie, behält aber die nüchterne Vernunft von Austens Charlotte Lucas. Darcy ist steif wie eh und je, hat einen wunderbar altmodischen Touch, aber auch einen sehr charmanten Sinn für Humor, der nach und nach zu Tage tritt. Am weitesten von ihrem Vorbild entfernt ist vermutlich Gigi Darcy, die alles andere als ein schüchternes Mädchen ist, sondern eine lebenslustige junge Frau. Dennoch, es bleibt die innige Beziehung zwischen den Geschwistern, und sie ist vielleicht die Figur, die den engsten Kontakt zum Zuschauer hat, wenn sie mit List, Tücke und wenig Subtilität versucht, ihren Bruder und Lizzie zusammenzubringen.
Man sieht schon, es wurde viel an der Originalgeschichte herumgeschraubt, um sie nicht nur in die Moderne zu versetzen, sondern eine eigene, dem Format angepasste Geschichte daraus zu machen. Ich sollte vielleicht dazusagen, dass ich keine fanatische Verfechterin der Werktreue bin. Ich mag auch die alte „Greer Garson“-Verfilmung, in der viel verändert wurde, ebenso wie die vielgescholtene Knightley-Verfilmung. Beide haben einen bestimmten „point of view“, den sie konsequent durchsetzen und behalten doch die Essenz der ursprünglichen Geschichte. Und genauso geht es mir mit den LBD, die sich die Vorlage zu Eigen machen und nicht halbherzig herumstolpern, nur um so nah wie möglich am Werk zu bleiben.

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Nun, wo ich so viel gelobt habe, muss ich doch noch meckern. Natürlich gibt es auch Momente, in denen sich deutlich zeigt, dass diese Geschichte selbst mit Anpassungen nicht recht als Vlog funktioniert. So schön ich den Fokus auf Geschwisterliebe und Freundschaft finde, es tröstet nicht ganz darüber hinweg, dass Schlüsselszenen wie der Ball auf Netherfield aufgrund der Beschränkungen des Formats ins Hintertreffen geraten müssen. Zwar hat man die lustige Idee, Lizzie viele ihrer Nacherzählungen mit kleinen Kostümen vorspielen zu lassen, aber trotzdem verlieren diese Momente natürlich ihre Intensität, wenn man sie nur indirekt erlebt. Und es dauert bis über die Hälfte der Geschichte, bevor Darcy überhaupt vor der Kamera auftaucht – wirklich eine harte Geduldsprobe.

Noch problematischer wird es, als gegen Ende der Geschichte der Skandal um Lydia so öffentlich vor der Kamera ausgetragen wird, dass die Illusion des Video-Blogs nicht mehr wirklich aufrechterhalten werden kann. Die Wenigsten würden etwas so Privates im Netz ausplaudern, schon gar nicht wenn sie so intelligent sind wie Lizzie und ihre Freunde. Spätestens wenn Gigi den Youtube-Account von Pemberly Digital, der Firma ihres Bruders, für Privates nutzt, verliert das Format jede Glaubwürdigkeit.

Die Serie war von Anfang an nicht perfekt. Zu Beginn habe ich sie eher aus Langeweile gesehen und auch über den Verlauf hinweg hatte sie erhebliche unnötige Längen. Aber mit der Zeit entwickelte sie ihren eigenen Charme, mit den kleinen Anspielungen auf Austen und Popkultur, mit den extrem gut gecasteten Figuren, die einen immer mehr ans Herz wuchsen. Bis es irgendwann zur Gewohnheit wurde, jede Woche sehnsüchtig auf Montag und Donnertag zu warten (Hey, wann freut man sich schon mal auf Montag?), die Tage, an denen neue Videos kamen. Und auch jetzt, drei Wochen später, erwische ich mich dabei, hoffnungsvoll den Feed des Channels zu öffnen.

Einen Trost gibt es: Das Projekt war so erfolgreich, dass weitere folgen werden. Aus Darcys Firma in der Webserie, Pemberly Digital, ist eine echte Firma geworden. Im Mai wird es eine kleine Zwischenserie Welcome to Sanditon (ganz offensichtlich ebenfalls mit Austen-Bezug) geben und im Sommer startet dann das neue Projekt, zu dem noch keine Details bekannt sind. Zudem erscheinen die Lizzie Bennet Diaries auf DVD. Um all das finanzieren zu können, wurde auf Crowdfunding zurückgegriffen. Innerhalb eines Tages (!) hatte man die ursprünglich benötigten 60.000 Dollar bereits weit überschritten und bis heute haben Leute fast 400.000 Dollar gespendet. Und das möchte ich gerne den Leuten ins Gesicht klatschen, die den Unfug von der „Gratismentalität“ der Internetnutzer verbreiten. An Beispielen wie diesem sieht man nämlich, dass die die böse Jugend durchaus bereit ist zu bezahlen – sogar für etwas, das sie auch komplett gratis haben könnten – einfach wenn man ihnen etwas bietet, das gut und mit Liebe gemacht wurde und das sie begeistern kann.

Ich freue mich auf jeden Fall auf alles, was von diesem Team noch kommen mag. Mehr als eine neue Austen-Adaption würde ich mir allerdings tatsächlich eine Originalgeschichte wünschen, die nicht irgendwelchen Erwartungen standhalten muss. Ich habe einfach ein Herz für diese semiprofessionellen Internetprojekte mit leichter Affinität zum Nerdtum (hey, es stammt von Obernerdfighter Hank Green …), die es schaffen, ein treues, aktives und kreatives Fandom aufzubauen.

Wertung: 4,0 (von 5,0)

Hier geht es zur Homepage des Projekts, wo sich alle wichtigen Links finden lassen. Neben Lizzies Kanal gab es auch noch drei Kanäle (Maria Lu, Lydia und Permberly Digital), die Seitengeschichten erzählt haben, die man ansehen konnte, aber nicht musste. Ich würde aber dringend empfehlen, im letzten Drittel sowohl Lydia als auch Gigi auf Pemberly Digital zu verfolgen. Die Tumblr und Twitter Accounts der Figuren kann man sich dagegen eher sparen, da gab es wenige Highlights – die sozialen Medien wurden leider nicht so optimal genutzt, wir ich es gehofft hatte.

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