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Der Märchenerzähler – Klappe die Zweite

27. Juni 2011

[So, der Link funktioniert heute wieder. Ich hatte den Artikel gestern vorübergehend auf privat gestellt, weil er sich auf eine nicht mehr verfügbare Quelle bezogen hatte].

Gestern schrieb mir streuner eine Mail und wies mich auf ein Interview mit Antonia Michealis in, in dem sie auch auf die Kritik am „Märchenerzähler“ Bezug nimmt. Das fand ich natürlich sehr interessant, weil ich noch immer wissen will, was die Autorin sich bei diesem Buch gedacht hat.

Der Link zu dem Interview ist hier: http://www.buecher-leben.de/interview-mit-antonia-michaelis/.

Nach dem Lesen war ich einerseits froh, denn ich muss mich nicht mehr fragen, ob ich der Autorin mit meiner Interpretation ihrer Botschat Unrecht tue. Andererseits war ich ein wenig fassungslos.

Ich hatte schon einen längeren Artikel verfasst, in dem ich auf einzelne Aussagen Bezug nehme und es dann doch sein gelassen, denn ich kann mich dabei nur wiederholen, langsam ist alles zu diesem Buch gesagt. Dazu empfinde ich die Weltsicht der Autorin als so verquer, dass mir manchmal schlicht die Worte fehlen.

Ein paar Sätze (Achtung Spoiler!) kann ich mir dann aber doch nicht verkneifen:

Es ist interessant, dass sie im Text Annas forsches Vorgehen im Bootshaus mit dem Überfall eines Vergewaltigers vergleicht, was meinen Eindruck erhärtet, dass hier mehr als ein Hauch von „sie ist selbst Schuld, sie hat ihn ja provoziert“ mitschwang.

Ich finde es auch immer niedlich, wenn ein Autor einerseits Diskussion und Kritik begrüßt, wenige Zeilen später dann aber zum Rundumschlag gegen eben jene Kritiker ausholt. Wer Annas Verhalten kritisiert ist also genau wie die Gesellschaft, die die beiden in den Ruin getrieben hat. (Weil ja nicht die Figuren selbst für ihr Handeln verantwortlich sind, sondern die äußeren Umstände, ne?). Ziemlich schmeichelhaft. Es ist immer so einfach, Kritik abzutun, indem man die Mentalität der Kritiker oder ihr Unvermögen, die Aussage zu verstehen, as Grund anführt. Da traut man sich doch gleich nicht mehr widersprechen. Interessant auch, dass sie so heftige Worte findet, um das Verhalten der Kritiker gegen ihre fiktive Figur zu beschreiben.

Ich kann blindes Verzeihen und mangelnden Selbstschutz nicht als Auflehenen gegen die Gesellschaft sehen. Es ist der gesunde Menschenverstand, der einem sagen sollte, dass man nicht so mir nichts dir nichts zu jemandem zurückgeht, der einem sebst und anderen Gewalt angetan hat, nicht die Gesellschaft.

Die Aussage „Eine Vergewaltigung verzeiht man nicht“ als Norm der – hier negativ besetzten – Gesellschaft zu sehen, gegen die die Heldin verstößt, weil es sie nicht kümmert, was andere sagen, halte ich für mehr als zweifelhaft und es lässt mich einfach nur den Kopf schütteln.

13 Kommentare leave one →
  1. streuner permalink
    27. Juni 2011 08:23

    Huch…die Seite ist gesperrt? Wenn ich dieses Buch auch weiterhin verkaufen wollte, hätte ich wohl auch auf eine Sperrung bestanden😉

    • 27. Juni 2011 08:36

      Vielleicht ist es nur ein Server-Problem ider die Seite wird überarbeitet. Mal abwarten…

  2. 27. Juni 2011 12:46

    Leider ist der Artikel jetzt auch aus dem Cache raus – schade, hätte mich sehr interessiert!

    Wobei … ich bin eh nicht sicher, ob ich einer verqueren Logik wie der zu den Kritikern, die auch nicht besser sind als die Gesellschaft, die eh an allem schuld ist, zuhören wollte …

    • 27. Juni 2011 13:18

      Interessant. Und ich wollte noch einen Screencap machen und hab’s nicht getan. Das meiste der Aussagen habe ich zwar noch in dem nicht veröffentlichten Artikel gespeichert, den ich ursprünglich verfasst habe, aber es ist eben nicht mehr vollständig.
      Sehr seltsam, mal abwarten, ob sich da noch was tut in den nächsten Tagen.

  3. minthoa permalink
    29. Juni 2011 17:52

    Man kann den Artikel wieder lesen.

    Ich hab das Buch nicht gelesen und deine Rezension nicht mehr im Kopf, hab ich das dennoch richtig verstanden:

    ACHTUNG Spoiler (?)

    Anna hat sich an Abel rangemacht und er ging dann zu weit und vergewaltigte sie. Da er aber irgendwelche Probleme hat, verzeiht sie ihm nach relativ kurzer Zeit? Hat sie das ganze denn mitgenommen? Und wann und wieso verzeiht sie ihm?

  4. Bücherphilosophin permalink
    29. Juni 2011 20:54

    Ich bezweifle, dass die Autorin schon mal in der Haut ihrer Hauptfigur steckte. Ansonsten würde sie sich darüber freuen, dass dieser Staat Mädchen und Frauen, die vor häuslicher Gewalt flüchten müssen unterstützt, anstatt ihnen vor zu halten – Du versuchst es nur nicht richtig.
    (Pre-Emma liefen solche Dinge ganz anders ab – Stichwort: „eheliche Pflicht“)

    Ich glaube fast sie hat die Vergewaltigung nur mit rein genommen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Das Buch ist mittlerweile heiß diskutiert und viele kaufen es auch genau deshalb. Denn es hätte völlig ausgereicht zu sagen er ist Drogendealer/Stricher und sie liebt ihn trotzdem, auch wenn die Gesellschaft verurteilt, was er tut.
    Aber wie gesagt, das bringt sicher um einiges weniger Presse😉

    (Oder vielleicht ist Frau Michaelis auch einfach nur vom Schlag Eva Herrmann und wünscht sich in Zeiten zurück, da es noch gar keine „Vergewaltigung“ gab ;))

  5. Bücherphilosophin permalink
    29. Juni 2011 21:24

    Das Interview kann man leider nicht kommentieren, also mache ich es einfach mal bei Dir😀

    Ich mache es so, wie Frau Michaelis es gerne hätte und drehe meine Kritik um:

    Dann hat Anna eben kein Rückgrat, wer von uns war nicht schon einmal in einer Situation, in der er nicht unbedingt das gemacht hat, was von ihm zu erwarten gewesen wäre. Mal ein klein wenig zu viel einstecken, um dazu zu gehören oder geliebt zu werden – machen wir alle, fast jeden Tag.
    Der wahre Täter ist doch Abel, was er getan hat ist unentschuldbar und er gehört bestraft! Frauen neigen dazu andere Frauen fertig zu machen, aber wie konnten wir das vergessen(???)

    Wenn Anna echt wäre, dann würde ich ihr sagen, was für ein dummes Mädchen sie ist. Dann allerdings würde ich sie in den Arm nehmen und anschließend 110 wählen und Abel anzeigen😉

  6. 30. Juni 2011 06:07

    Nija: Ich teile deine Fassungslosigkeit über die Weltsicht – offenbar bin ich (so wie du) auch ein furchtbarer Spießer, und zu allem Übel auch noch nachtragend. Mag vielleicht daran liegen, dass ich nicht gläubig bin; vielleicht hätte ich im anderen Fall wie Anna die Größe, gottgleich (!!!!) die Sünden anderer zu verzeihen und eine Teilschuld für deren Verfehlungen bei mir zu suchen!

  7. 1. Juli 2011 21:08

    Ein sehr interessanter Artikel. Ich sehe mich grade schon wieder die halbe Nacht vor dem Bildschirm sitzen und deinen Blog lesen. LOL.
    Er hat’s mir wirklich angetan. Ehrlich gesagt hatte ich anfangs bedenken, einen Bücherblog zu lesen, weil ich mit der Kritik an alles und allem nicht zurechtkomme. Aber ich übe genauso Kritik aus (wenn auch in meinem eigenem Blog und Livejournal), dennoch fühle ich mich schlecht, wenn ich es öffentlich mache und es dem Autoren evtl. zu Ohren kommen könnte, weil ich um die Arbeit weiß, die er in sein Werk gesteckt hat. Ein Teufelskreis für mich…

    Dennoch, dein Kommentar hier hat mich ins Nachdenken gebracht. Ich weiß zwar noch nicht alles, um welches Werk und Interview es sich handelt, daher schreibe ich das jetzt nut aus der Sicht eines Schriftstellers: Du hast genau getroffen – ein Autor lebt in einer verquerten Welt. Das kann ich aus erster Hand sagen. Er springt ständig von Realität in die fiktive Welt, kann man es ihm da verübeln, wenn er mit dem linken Fuß aufsteht, sein Hemd mal verkehrt herumträgt, während er Kaffeeschlürfend grübelt, wie die nächste Szene weitergehen soll? Wenn es ums Schreiben, ums spannende Schreiben geht, dann denkt man manchmal – ne – OFTMALS wirklich nicht mehr wie der gesunde Menschenverstand denken sollte. Man denkt nur noch, was cool und spektakulär rüberkommt, damit der Leser gefesselt ist. (Sieh Michael Bay- oder sonstige Action-Filme) Das ist ein plattes Motiv für ein Kunstwerk, aber ich denke, da steckt viel Wahres drin.

    Nicht dass ich eine Weltanschauung wie da oben in Schutz nehmen möchte, aber als Leser muss man auch mal akzeptieren, dass ein Autor völlig verpeilt ist und selbst nicht genau weiß, was er jetzt genau aussagen wollte.
    Die erwähnte heftige Reaktion der Autorin kann mehr ein Schutzmechanismus als eine wirkliche Vertretung ihres Standpunktes sein – immerhin ist diese NACH der Vollendung des Werks entstanden. Wer bitte schön kann sich noch exakt an alles erinnern, was er sich gedacht hat, was er geschrieben hat? Er interpretiert sein Werk selbst neu und meistens so, dass es bei den Kritiker gut ankommt. Eigentlich ist es ja so, dass er nicht mal mehr sein eigenes Werk interpretiert, sondern die Kritik auf das Werk. LOL.

    • 1. Juli 2011 21:38

      Ich verstehe das Problem: Schreiben ist eine sehr persönliche Sache und Kritik ist da sehr schwer einzustecken und oftmals kränkend. Aber wenn ich das mal so hart sagen darf: Wenn ich mit Kritik nicht leben kann und keine Möglichkeit finde, sie für mich zu verarbeiten, dann darf ich diesen Beruf nicht wählen. Ich weiß, das ist leicht gesagt. Ich beneide Berufsschriftsteller auch nicht um ihren Job.

      Das Autorsein verlangt meiner Meinung nach ein hohes Maß an Disziplin. Man muss mit Deadlines fertigwerden, man muss schon im Entstehensprozeß mit Kritik umgehen lernen, sonst ist keine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Lektorat möglich.
      Und nicht zuletzt sollte man mit Leserkritik umgehen lernen, sich überlegen, was man annimmt und was nicht. Denn die Leser sind die, die Geld für das Werk eines Autors bezahlen, sie haben ein Recht, Kritik daran zu üben und ein Recht ernstgenommen zu werden, denn von ihnen lebt ein Autor.
      Letztlich ist Kritik aber auch eine große Chance sich weiterzuentwickeln. Deshalb ist es so wichtig, damit einen guten Umgang zu finden.

      Und, ja, ich bin der Meinung, ein Autor sollte sich dessen bewusst sein, was er schreibt und warum er das schreibt. Auch hinterher noch. Im ersten Entwurf kann er durchaus verpeilt sein, aber das Endergebnis sollte genug überarbeitet sein, dass sich der Autor bewusst ist, was er da in die Welt hinausschickt. Ich kann da den Künstler nicht von seiner Verantwortung freisprechen.

      Aber das spielt eigentlich keine Rolle: Ich bin mir sicher, dass A. Michaelis wusste, was sie schreibt und das, was sie im Interview sagt, tatsächlich ihre Überzeugung ist, denn genau das habe ich auch als die Grundhaltung des Buches beim Lesen empfunden.

      Und zuletzt ist Autor nicht gleich Autor. Jeder hat eine ganz andere Herangehensweise, es gibt auch sehr strukturiert arbeitende Autoren.

      • 1. Juli 2011 21:57

        Ja, genau diese Verantwortung finde ich tatsächlich manchmal erdrückend, gerade weil ich mir immer bewusst zu machen versuche, was ich schreibe und wie ich schreibe und an wen ich schreibe, obwohl man als Künstler sich auf keinen Fall davon freisprechen sollte. Diejenigen, die es tun, da habe ich gesehen, wie die Reaktion darauf war.
        Dennoch, sich von allem zu lösen bringt einem auch oftmals zu ungeahnten Leistungen. Es ist schwierig auf dem Boden zu bleiben, wenn du eigentlich abheben musst, um dein Konstrukt von oben zu sehen.

        Ich finde Kritik gut und gerecht, als Leser möchte ich dem Autor nur Fehler zugestehen. Allerdings, da ich jetzt selbst schreibe, pendel ich ständig hin und her. Ich schreibe plötzlich aus der Sicht des Lesers, dann muss ich ganz Seiten löschen und neu anfange. Und am ungüsntigsten ist es, wenn ich aus der Sicht des Cheflektors, des zweiten Lektors und des Verlagschefs schreiben muss. Bevor man ernsthaft mit der Arbeit mit den Leuten im Verlag konfrontiert wird, kann man sich gar nicht klar machen, WIE man damit umgehen soll. Ich denke, es ist leichter gesagt, sich zu sagen „Ich kann schon damit umgehen“ als es dann wirklich an den Kopf geworfen zu haben. Wenn du jeden zweiten Satz ausgestrichen bekommst, an dem du 6 Wochen gefeilt hast, fragst du dich schon manchmal, warum du den Weg gewählt hast. LOL. Ups, ich glaube, dass sollte ich lieber in mein Livejournal schreiben.

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  1. Bücher über alles » [Buchsplitter] 2. Juli 2011

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