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Buchgeplauder 1/2014 – Buchmesse, Kloppereien und Kängurus

6. März 2014

Die Zeit rast, und es sind schon wieder zwei Monate des neuen Jahres vergangen. In der Buchwelt wird sich gewohnt munter verbal gekloppt. Darunter ein Herr, der mit einem sympathischen Textchen auf dem Suhrkamp-Blog mal eben die E-Book-Fangemeinde aufmischen wollte (Mission accomplished!) und Elfride Jelinek, die noch an den Weihnachtsmann glaubt und denkt, im Selfpublishing käme es weniger auf Beziehungen und Gemauschel an als in der Welt der etablierten Verlage. Weltbild und Hugendubel straucheln und der Börsenverein startet eine Ausbildungsoffensive für den Buchhandel. Also alles beim Alten. Ach ja, und dann ist da noch die Dame mit dem Büchnerpreis, deren Äußerungen so jenseits von allem sind, dass ich mich nicht mal darüber aufregen kann. Manchmal denkt man wirklich, die Welt sei auf dem besten Wege, vollkommen bekloppt zu werden.

Außerdem steht die Buchmesse in Leipzig vor der Tür, und nachdem ich 2013 ja leider nicht im Lande war, freue ich mich in diesem Jahr wieder auf vier Tage Stöbern, Cosplayer gucken und nette Menschen treffen.

Gelesen habe in den letzten zwei Monaten mal wieder etwas mehr mit den Ohren als mit den Augen, und es waren ein paar nette Sachen dabei.


Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Chroniken und Das Känguru-Manifest

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Wenn mir Leute erzählen, dass jemand oder etwas „sooo witzig“ sei, bin ich sofort wachsam, denn das ist oft ein Garant dafür, dass die betreffende Sache alles andere als witzig ist. Deshalb habe ich mich auch jahrelang um Marc-Uwe Klings Wohngemeinschaft mit einem kommunistischen Känguru herumgedrückt, bis meine Cousine mir und meiner Mutter das Hörbuch zum Känguru-Manifest zu Weihnachten schenkte. Ich hatte die Fremdschämschilde schon in Position gebracht, als wir die CD in den Player steckten und erlebte eine Überraschung. Das WAR witzig. Und gesellschaftskritisch und selbstironisch und mit einer Freude am Spiel mit Sprache formuliert, die mich richtig glücklich macht beim Zuhören. Die Chroniken gingen bald darauf auch in meinen Besitz über und beide Hörbücher (Lesungen vor Publikum durch den Autor selbst) gehören mittlerweile zu meinem Wohlfühlprogramm. Wenn mal wieder die ganze Welt bekloppt scheint, können ein Kleinkünstler und ein kommunistisches Känguru tatsächlich Wunder wirken.

David Levithan: Two Boys Kissing

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Von diesem Hörbuch fehlt mir noch eine Stunde, aber die ersten fünf habe ich am Stück gehört, weil ich mich bis in die frühen Morgenstunden nicht losreißen konnte.
Die Erzählperspektive ist gelinde gesagt gewöhnungsbedürftig. Ein griechischer Chor verstorbener schwuler Männer erzählt die Geschichte mehrerer homosexueller Jungen der heutigen Zeit. Es sind mehr Momentaufnahmen als eine zusammenhängende Erzählung: Zwei Jungen, die einen Kussrekord aufstellen wollen, zwei Jungen, die die Unsicherheiten einer beginnenden Beziehung durchleben, zwei Jungen, die an ihrer Beziehung zweifeln … Und obwohl ich das Konzept der Erzählperspektive in all seinem Pathos einfach nur schrecklich finde, konnte ich mich diesem Buch nicht entziehend, denn es ist doch irgendwie gleichzeitig seltsam zart und berührend. Und wenn ich eines an David Levithan wirklich schätze, dann seine Lust am Experimentieren, daran Geschichten auch einmal anders zu erzählen und sich interessante Erzählsituationen auszudenken.
Wenn ich die letzte Stunde gehört habe, gibt es noch einmal eine separate Rezension zu diesem Titel.

Abigail Barnette: The Girlfriend und The Hook-Up

girlfriend hookup

The Girlfriend ist die direkte Fortsetzung zu The Boss und der Titel ist Programm, denn Neil und Sophie wachsen in diesem Buch noch enger zusammen und aus einer reinen Sexbeziehung wird eine Liebesbeziehung. Das Buch hat vor allem zu Beginn ein ähnliches Zaunpfahlproblem wie der Vorgänger und beinhaltet mit Neils schwerer Erkrankung eine eher ungewöhnliche Komponente für einen erotischen Liebesroman, die von der Autorin aber ganz interessant gehandhabt wurde. Reine Sinnesfreuden sind das natürlich nicht, und ich habe durchaus Stimmen gelesen, die dieses Element der Handlung nicht gut aufgenommen haben.
Sehr schön ist, dass zwischenzeitlich ein dritter Partner Eintritt in das Liebesleben der beiden erhält. Um ihn geht es auch in der kostenlosen Kurzgeschichte The Hook-Up, die purer Fanservice für all jene ist, die sich zwischenzeitlich Sophie in einen anderen Raum wünschten, damit die beiden Jungs sich mal ganz auf sich konzentrieren können.

Abigail Barnette: Silent Surrender

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Ich bin ein Mensch, bei dem die Sympathie zu einem Autor viel ausmacht, wenn es darum geht, ob ich seine Bücher lesen will oder nicht. Und Trout ist mit ihrem Zorn gegen 50SoG einfach Balsam für meine Seele und ich gönne ihr allen Erfolg der Welt, denn wir brauchen mehr Autorinnen, die verinnerlicht haben, dass psychische und physische Misshandlungen nicht romantisch sind.
Deshalb, und weil ich das Konzept einer gehörlosen Heldin in einem erotischen Roman so interessant fand, habe ich mir diesen Kurzroman (schätzungsweise ca. 100-150 Buchseiten) auch zugelegt.
Das Ergebnis ist leider eher enttäuschend. Ich habe die ganze Zeit das Gefühl, dass jemand mit gezückter Pistole hinter der Autorin stand, damit sie auch ja ihr Seitenlimit einhält. Man wird sofort in die Geschichte, die im England des 19. Jahrhunderts spielt, hineingeworfen, bevor man auch nur eine Chance hat, die Figuren kennenzulernen. Honoria ist seit ihrer Kindheit taub und damit sind ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt dahin und sie soll nach dem überraschenden Tod ihrer Eltern als Lehrerin an eine Schule für Gehörlose in Frankreich gehen. Vorher möchte sie aber noch das tun, was die Heldinnen ihrer Skandalromane allnächtlich erleben und hat sich zu diesem Zweck den Hafenarbeiter Esau ausgeguckt. Ihr engster Vertrauter, Hauslehrer Jude, steht ihr bei der Abwicklung des Geschäftes beiseite, auch wenn er den Job am liebsten selbst übernehmen würde, wenn er nur über seine Prinzipien hinwegkäme.
Im Verlauf der Handlung erhalten die Protagonisten dann doch noch etwas Profil, aber das war es dann auch schon. Letztlich bleiben die drei einem fremd, weil man ihre Emotionen und Handlungen zu oft nicht nachvollziehen kann. Das Ende ist eine schöne Abwechslung für einen Roman dieser Art, aber der Weg dorthin kann leider nicht überzeugen. Vielleicht hätte die Geschichte einfach mehr Raum gebraucht, um die Charaktere zu entwickeln, denn die Zutaten sind eigentlich sehr reizvoll.

Matthew Quick: Silver Linings

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Ich hatte vor einem Jahr auf einem Flug Silver Linings Playbook gesehen und fand den Film überraschend charmant. Also dachte ich beim Abbauen meiner Hörbuchabos, dass ich es doch auch einmal mit dem Buch versuchen könnte.
Nach einem Drittel fühle ich mich vage unterhalten und etwas eingeschläfert. Im Buch kommt besser heraus, wie schlimm der Aufenthalt in der Psychiatrie für den Protagonisten war und wie sehr seine Familie unter der Situation leidet, aber sonst fand ich den Film angenehmer, weil er (natürlich) straffer ist und einen dadurch vor den endlosen Football-Auslassungen und anderen Wiederholungen verschont. Für mich ist die Geschichte definitiv nicht tiefgründig oder unterhaltsam genug, um sie mir in derartig epischer Breite zu geben. Aber als Hintergrundbeschallung zum Bügeln wird es schon noch reichen. Und wer weiß, vielleicht ändert sich meine Meinung ja noch.

5 Kommentare leave one →
  1. 7. März 2014 17:06

    Ach schön, dass dir das Känguru gefallen hat. Das ist ja schon sehr speziell und ich kenne auch Leute, die das gar nicht lustig finden, aber mir gefällt es ebenfalls super und nächste Woche kommt endlich die Offenbarung😀

    Dass er sich und seine Erzählstrukturen immer wieder neu erfindet, mag ich auch sehr an David Levithan. Neben seinem Talent mit Worten umzugehen und Gefühe so feinfühlig und unkitschig aufzuschreiben.

    • 7. März 2014 19:44

      Schon komisch, ich weiß gar nicht, wie man das nicht lustig finden kann. Aber gut, ich finde auch Sachen nicht witzig, über die ganz viele andere lachen können (Sitcoms arghh …). Humor ist wohl echt immer so ne Sache. Und für die Offenbarung sitze ich schon in den Startlöchern.😀

      • 9. März 2014 15:16

        Ich kann mir vorstellen, dass man vielleicht „zu jung“ ist. Ich kenne das Känguru theoretisch schon seit Jahren, weil einzelne Episoden früher bei uns im Radio liefen. Da fand ich es auch nie so richtig lustig. Ich glaube zum einen, weil ich noch nicht alles verstanden habe und zum anderen, weil es so aus dem Kontext gerissen war. Wenn man die Episoden alle von vorne in der richtigen Reihenfolge hört, macht es mehr Sinn.

  2. 24. März 2014 08:23

    Argh! Jetzt lese ich ständig hier mit, und dann waren die letzten Wochen / Tage vor der Buchmesse so hektisch, dass ich nicht vorbeigesurft bin. Ein Fehler! Wenn ich gewusst hätte, dass du auf der Buchmesse bist, hätte ich gern gefragt, ob wir einen Kaffee hätten trinken wollen.

    Und du hast mich auf TWO BOYS KISSING sehr neugierig gemacht – und gleichzeitig mit der Info zur Erzählweise abgeschreckt. Was mach ich denn nun ,`? ,-)

    • 24. März 2014 09:46

      Hach Schade, aber vielleicht beim nächsten Mal? Kommen ja noch so einige Buchmessen und in Leipzig bin ich wirklich jedes Jahr.🙂

      Ich würde mal sagen, du schnappst dir ne Leseprobe oder hörst in die Hörprobe bei audible rein und guckst, ob du mit dem Erzählstil irgendwie leben kannst. Es ist wirklich ein ungewöhnliches Buch.

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